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Letzte Aktualisierung: 05.08.2020

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Wenn das Zucken nicht endet

Ursache und Therapie bei ungewollten Muskelbewegungen

von Ilse Romahn

(28.07.2020) Ob beim Lächeln, Sprechen oder Essen – durch die Wechselwirkung von Gehirn, Nerven und Muskeln lassen sich kleinste Bewegungen im Gesicht steuern und somit auch Gefühle und Gedanken aktiv zum Ausdruck bringen. Zwei bis drei Personen von etwa 100.000 leiden jedoch unter unwillkürlichen Bewegungsstörungen und haben somit kaum Einfluss auf ihre Mimik.

„Patienten mit oromandibulärer Dystonie  sind in 70 Prozent der Fälle weiblich und leiden nicht nur körperlich, sondern auch psychisch unter den schmerzhaften Verkrampfungen“, weiß Dr. Dr. Manfred Nilius, M. Sc., Facharzt für Mund-, Kiefer- und Plastische Gesichtschirurgie und Leiter der Praxisklinik Nilius in Dortmund. Allerdings lassen sich Beschwerden und unerwünschte Begleiterscheinungen bereits mit kleinen Maßnahmen gezielt ausschalten.

Weitreichende Folgen
Mit einer oromandibulären Dystonie bezeichnen Experten ein starkes, unwillkürliches Zucken und wiederkehrende Verkrampfungen der unteren Gesichtsmuskulatur, des Unterkiefers oder Mundbodens, die in seltenen Fällen bis in die Schulterpartie reichen. Wissenschaftlern zufolge handelt es sich bei der Erkrankung aller Wahrscheinlichkeit nach um eine genetische Veranlagung, in der eine strukturelle Auffälligkeit im Gehirn oder eine Spätfolge bei der Einnahme von Neuroleptika vorliegt. Aufgrund von unangenehmen Gesichtsschmerzen und unkontrollierten Kieferbewegungen fällt vielen Patienten das Kauen und Schlucken von Nahrungsmitteln schwer, was zusätzlich die Gefahr des Verschluckens erhöht. Als weitere Auswirkung der Erkrankung zählt eine starke Abnutzung der Zähne, die oft schwerwiegende Schäden mit sich zieht. „Zu intensives Knirschen legt mit der Zeit die empfindliche Zahnsubstanz, das Dentin, frei und es entsteht eine erhöhte Reiz- und Schmerzempfindlichkeit. Durch die hohe Krafteinwirkung können auch Abplatzungen, Lockerung oder gar ein vollständiger Verlust der Zähne die Folge sein“, erklärt der Experte. Neben den körperlichen Beschwerden leiden Betroffene bei stark ausgeprägtem Krankheitsverlauf häufig auch unter psychischen Belastungen, die mitunter sogar in Depressionen enden. Aufgrund der mehr oder weniger auffälligen Verkrampfungen entstehen unnatürliche Verzerrungen der Mimik und alltägliche Aktivitäten entwickeln sich zur Herausforderung. Hierbei führen die sprachlichen Komplikationen, die die Krankheit ebenfalls mit sich bringt, zu starken Einschränkungen im Privat- sowie Berufsleben und wirken sich negativ auf die Lebensqualität aus.

Bewegungen gezielt ausschalten
Um Patienten ihre Beschwerden zu nehmen, kommen verschiedene Therapiemöglichkeiten in Betracht. In wenigen Fällen haben sich allgemeine Entspannungsübungen, Krankengymnastik oder Elektrostimulation bewährt. Auch die orale Einnahme von Medikamenten stellt eine Behandlungsmöglichkeit dar. Nach dem aktuellen Stand der Forschung hat sich jedoch eine Injektionsbehandlung mit Botulinumtoxin A (Botox) als besonders effektiv erwiesen – so lassen sich Muskelaktivitäten präzise reduzieren und eine Entspannung der betroffenen Gesichtspartie erzielen. Im Allgemeinen gilt die Injektion des Nervengiftes als relativ unproblematisch. Eine Ausnahme bildet die Muskulatur des Unterkiefers, da diverse andere Muskeln diese überdecken und das Toxin somit schlecht an die richtige Stelle gelangt. Wichtig zu wissen: Patienten müssen die Botox-Behandlung regelmäßig wiederholen, weil der Körper den Wirkstoff mit der Zeit abbaut. „Schafft keine der Maßnahmen Abhilfe, stehen chirurgische Verfahren mit der Durchtrennung der entsprechenden Nervenfasern zur Verfügung. Diesen Schritt ziehen wir jedoch als letzte Möglichkeit der Schmerzlinderung in Erwägung“, betont Dr. Nilius abschließend.

Weitere Informationen unter www.niliusklinik.de