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Letzte Aktualisierung: 19.04.2024

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Wenn das Müdesein zur Krankheit wird

Über die Behandlung von Müdigkeit in der Hausarztpraxis

von Dr. Philipp Leson

(20.02.2023) Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) hat ihre S3-Leitlinie „Müdigkeit“ umfassend überarbeitet. Wie bisher liegt der Fokus der Leitlinienempfehlungen beim Symptomkomplex Müdigkeit auf einer biopsychosozialen Vorgehensweise in der Hausarztpraxis. Neu hingegen sind die Empfehlungen zu ME/CFS, die nun deutlich umfangreicher ausfallen und auch andere Schwerpunkte setzen.

Müdigkeit ist ein häufiger Beratungsanlass in der Hausarztpraxis. Das gilt umso mehr in Zeiten von Long- und Post-COVID. Die DEGAM warnt davor, den hohen Leidensdruck Patienten zu unterschätzen. Die Behandlung des Beschwerdebildes Müdigkeit ist äußerst komplex. Umso wichtiger, dass sich niedergelassene Hausärzte mit Leitlinien im Praxisalltag gut orientieren können, welche Diagnose- und Therapieoptionen am sinnvollsten sind.

Diese Orientierung vermittelt die S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM), die nun überarbeitet und im Januar 2023 erneut veröffentlicht wurde. „Die Leitlinie hilft den Hausärzten, das richtige Maß an Medizin zu finden: Das Gute und Richtige zu tun und das Unnötige und gegebenenfalls sogar Schädliche zu unterlassen“, kommentiert Prof. Dr. med. Martin Scherer, Präsident Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin. Ziel sei es, die betroffenen Patienten bestmöglich zu versorgen.

Wie in der bisherigen Version spricht sich die Leitlinie für eine biopsychosoziale Vorgehensweise aus. Gleichzeitig werden der hohe Stellenwert der ausführlichen Anamnese und der umfassenden primärärztlichen Versorgung bei Müdigkeit erneut betont: Die Behandlung in der Hausarztpraxis ist laut Leitlinie der beste Schutz vor nicht-indizierter überzogener Diagnostik und Therapie.

Die umfassendsten Änderungen gibt es im Leitlinien-Update im Kapitel Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue Syndrom (ME/CFS): „Es gibt bisher keine deutschsprachige eigene Leitlinie zu ME/CFS, aber nun im Rahmen der Gesamtleitlinie aktuelle wissenschaftliche Informationen mit entsprechend fundierten Handlungsempfehlungen für Hausärzte in Deutschland“, erklärt Prof. Dr. med. Erika Baum von der DEGAM, die die Überarbeitung der Leitlinie federführend betreut hat. Das neue Kapitel zu ME/CFS orientiert sich am Stand der internationalen Forschung sowie an internationaler Evidenzrecherche und -bewertung. Allerdings gibt es noch viele offene Forschungsfragen. Auch deswegen spricht sich die DEGAM in der Leitlinie für mehr Forschungsanstrengungen zu diesem komplexen Krankheitsbild aus.

Da die Ursache von ME/CFS nach wie vor ungeklärt ist und sowohl physiologische als auch psychosomatische Mechanismen in Betracht kommen, wird eine langfristig angelegte und biopsychosoziale Betreuung durch die Hausarztpraxis empfohlen. Nur die Hausarztpraxis kann den Blick aus unterschiedlichen Perspektiven gewährleisten. „Gerade Hausärzte können gemeinsam mit den Patienten am besten erkennen, welche Interventionen und Belastungen individuell tolerabel sind, um Fehlbelastungen zu vermeiden und die Therapie anzupassen. Bei guter Kenntnis der Informationen aus der Leitlinie und kontinuierlich-vertrauensvoller Betreuung können Betroffene adäquat versorgt werden,“ so die Expertin Erika Baum.

Die wissenschaftliche Debatte um Diagnostik und Therapie von ME/CFS ist auch international seit Längerem von Kontroversen geprägt – gerade weil die Ursachen unklar und die wissenschaftlichen Ergebnisse wenig einheitlich sind. Diese Kontroverse bildet sich teilweise auch in der DEGAM-Leitlinie ab, da sich verschiedene Fachgesellschaften mit einem Sondervotum zum ME/CFS-Kapitel eingebracht haben. „Bei schwacher Evidenzlage wie in diesem Fall ist es nicht unüblich, auch in der Leitlinienarbeit zu unterschiedlichen wissenschaftlichen Schlussfolgerungen zu kommen“, kommentiert DEGAM-Präsident Martin Scherer. „Trotzdem war die Zusammenarbeit mit Patientenorganisationen und Expertinnen und Experten bei der Überarbeitung der Leitlinie gut und konstruktiv“, ergänzt Erika Baum.

Die oft hitzige öffentliche Diskussion um ME/CFS zeige, dass es in diesem Bereich viele Missverständnisse gebe, so Baum weiter: „Es ist als wissenschaftliche Fachgesellschaft unsere Aufgabe, diese Missverständnisse zunehmend aufzulösen. Dafür setzen wir uns auch mit der neuen Leitlinie ein.“ Darüber hinaus engagiert sich die DEGAM neben der eigentlichen Leitlinienarbeit auch dafür, den Wissenstransfer in die Hausarztpraxen anzustoßen und die Inhalte der neuen Leitlinie in der Aus-, Weiter- und Fortbildung bekannt zu machen und zu verankern.

Über die  DEGAM

Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) ist eine wissenschaftliche Fachgesellschaft. Ihre zentrale Aufgabe ist es, die Allgemeinmedizin als anerkannte wissenschaftliche Disziplin zu fördern und sie als Rückgrat der Patientenversorgung weiterzuentwickeln. Die DEGAM ist Ansprechpartnerin bei allen Fragen zur wissenschaftlichen Entwicklung der Allgemeinmedizin an den Hochschulen, zur Fort- und Weiterbildung sowie zum Qualitätsmanagement. Sie erarbeitet eigene wissenschaftlich fundierte Leitlinien für die hausärztliche Praxis und beteiligt sich auch an interdisziplinären Leitlinien anderer Fachgesellschaften. Die Aktivitäten der Nachwuchsförderung sind in der Deutschen Stiftung für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DESAM) zusammengefasst. idw.-