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Letzte Aktualisierung: 01.07.2022

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Valie Export mit dem Max-Beckmann-Preis der Stadt Frankfurt für ihr Lebenswerk geehrt

von Ilse Romahn

(20.06.2022) Kultur- und Wissenschaftsdezernentin Ina Hartwig hat den Max-Beckmann-Preis der Stadt Frankfurt an die österreichische Künstlerin Valie Export in der Paulskirche verliehen. Die Auszeichnung zählt deutschlandweit zu den bedeutendsten Kunstpreisen und wurde ins Leben gerufen, um hervorragende Leistungen in den Bereichen Malerei, Grafik, Bildhauerei und Architektur zu würdigen.

Eintrag in das Goldene Buch der Stadt: Valie Export und Kulturdezernentin Ina Hartwig
Foto: Stadt Frankfurt am Main, Foto: Andreas Varnhorn
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Er wird seit 1978 im Abstand von drei Jahren jeweils zum Geburtstag von Max Beckmann vergeben und erinnert an einen Künstler, der das kulturelle Leben Frankfurts wie kaum ein anderer nachhaltig geprägt hat. In diesem Jahr fand die Verleihung pandemiebedingt ausnahmsweise nicht am 12. Februar statt.
 
Valie Export, am 17. Mai 1940 in Linz als Waltraud Lehner geboren, ist dem Umfeld des Wiener Aktionismus zuzurechnen, obwohl ihre Formen der Arbeit sich sowohl ästhetisch, wie auch inhaltlich und formal von diesem unterschieden. Ihren künstlerischen Ausdruck findet sie in Fotografien, Skulpturen, body performances, Videos, Großinstallationen und Texten. Früher teils hart für ihre Radikalität kritisiert, gilt sie heute als Ikone des Feminismus und Pionierin der Medienkunst. Werkblöcke von Valie Export finden sich in berühmten Museen wie dem Centre Pompidou in Paris, dem Museum of Modern Art in New York oder der Tate Modern in London.
 
Kultur- und Wissenschaftsdezernentin Ina Hartwig dankte den Kuratoriumsmitgliedern für ihre hervorragende Entscheidung. In ihrer Begründung heißt es: „Sie ist eine Pionierin der Medien- und Aktionskunst, des experimentellen Films und eines künstlerischen Feminismus, der seit den 1960er Jahren die vorherrschende Wahrnehmung des weiblichen Körpers in einer patriarchalischen Gesellschaft radikal dekonstruiert hat. Mit den Mitteln einer performativen Avantgarde, die auf soziale Veränderungen zielt, hat sich die 1940 geborene österreichische Künstlerin Valie Export schon früh mit Themen wie Geschlechterrollen, Zuschreibungen von Identität und der Befreiung aus Konventionen beschäftigt. Dabei hat sie Grenzen zwischen Kunsträumen und Alltagswirklichkeit, Abbild und Realität, Theorie und Praxis überschritten, ist ein hohes persönliches Wagnis eingegangen und ebnete den Weg für zahleiche Künstlerinnen, die eine entschieden weibliche Perspektive einnehmen. Die Stadt Frankfurt verleiht den mit 50.000 Euro dotierten Max-Beckmann-Preis 2022 an eine so innovative wie unerschrockene, so kompromisslose wie spielerisch agierende, so formal avancierte wie gesellschaftspolitisch wirkende Künstlerin, deren Werk auch in der Gegenwart nichts von seiner Aktualität und Relevanz eingebüßt hat. Im Gegenteil kann es als Maßstab für eine engagierte Kunst gelten, dass sie sich eine heute nicht mehr selbstverständliche Freiheit des Ausdrucks nimmt.“
 
Hartwig sagte: „Es ist uns eine besondere Ehre, den Max-Beckmann-Preis 2022 der österreichische Künstlerin Valie Export überreichen zu können. Mit dem Namensgeber des Preises Max Beckmann teilt sie eine kompromisslose Ästhetik. Valie Export inspirierte feministische Protestaktionen und Künstlerkolleginnen wie die letzte Max-Beckmann-Preisträgerin Cindy Sherman oder auch Marina Abramović und reicht bis in die aktuelle Kultur- und Pop-Industrie. Ihr Werk beruht auf genauer Beobachtung und Analyse von gesellschaftlichen, medialen und geschlechtsspezifischen Konstruktionen und hat bis heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Ich gratuliere Valie Export zu dieser Auszeichnung aufs Herzlichste. Der Max-Beckmann-Preis ist nicht nur einer der höchstdotierten Preise unserer Stadt, sondern deutschlandweit einer der bedeutendsten Kunstpreise überhaupt und unterstreicht den Stellenwert Frankfurts als internationale Kulturstadt.“
 
Valie Export setzte sich in ihrer Jugend mit Kunstgeschichte auseinander, experimentiert mit der Fotokamera und besucht die Kunstgewerbeschule. 1960 zieht sie nach Wien. Nachdem sie 1964 die Höhere Bundeslehranstalt für Textilindustrie mit einem Diplom in Design abschließt, arbeitet sie einige Zeit zunächst in der Filmbranche als Cutterin und Script Girl. 1966 verfasst sie ihren ersten filmischen Text „Aus alt macht nicht neu - ein Versuch der sinnlosigkeit. metaphorische bildassoziation, Projekt". 1967 nimmt sie ihren Künstlernamen Valie Export an und bringt damit ihr Bedürfnis zum Ausdruck, die eigenen Gedanken nach außen zu transportieren. Im Anschluss daran entsteht ihr erstes Kunst-Objekt, in dem sie die Zigarettenmarke Smart Export zitiert, sie aber umändert für ihre eigene Namensdarstellung.
 
Mit ihren Aktionen schafft Valie Export Ende der 1960er Jahre ikonische Bilder, die sich bis heute in das visuelle Gedächtnis eingebrannt haben. Die frühen Arbeiten zeichnen sich durch die Auseinandersetzung mit Feminismus, Aktionskunst und dem Medium Film – insbesondere Ende der 1960er Jahre mit der Bewegung des Expanded Cinema – aus. Eine ihrer bekanntesten Aktionen war 1968 das Tapp- und Tastkino, bei der sie bewusst und provokant die weibliche Intimsphäre durchbricht und als Frau öffentlich in eine vorherrschende Definition von Kunst eingreift; gleichzeitig stellt sie den männlichen Voyeurismus zur Schau. 1970 veröffentlichte sie zusammen mit Peter Weibel „Wien - Bildkompendium Wiener Aktionismus und Film“, wofür sie dort wegen Verbreitung von Pornographie zu einem Monat Haft verurteilt wurde. Valie Export bricht mit ihren Aktionen immer wieder mit gesellschaftlichen Tabus und setzt ihren Körper als Waffe ein. Offensiv sucht sie nach einem weiblichen Ausdruck sexueller Selbstbestimmung, wobei sie die Kunst als Medium des Feminismus’ nutzt.
 
Die Laudatio sprach die Schweizer Performance- und Objektkünstlerin Sylvie Fleury, bevor sich Valie Export in das Goldene Buch der Stadt Frankfurt eintrug. Die mit 50.000 Euro dotierte Auszeichnung wurde seit 1978 insgesamt fünfzehn Mal vergeben. Nach Maria Lassnig, Barbara Klemm, Agnès Varda und Cindy Sherman ist Valie Export die fünfte weibliche Preisträgerin. (ffm)