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Letzte Aktualisierung: 27.11.2020

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Kann die Landwirtschaft das Klimaproblem lösen?

„Interessengemeinschaft gesunder Boden“ zur Diskussion um CO2-Zertifikate

von Norbert Dörholt

(16.11.2020) In jüngster Zeit wird immer mehr mit privatwirtschaftlichen CO2-Zertifikaten gehandelt, die Humusaufbau auf heimischen Äckern als CO2-Kompensationsmaßnahme anbieten, und auch die Politik zieht CO2Zertifikate auch für die Landwirtschaft in Betracht. Diese Maßnahme geht nach Ansicht der „Interessengemeinschaft gesunder Boden“ e.V. in Regensburg jedoch in eine gefährliche Richtung, die sie „ausgesprochen kritisch“ sehe.

Eine Ökonomisierung von Einzelfaktoren, wie der langfristigen Kohlenstoffspeicherung in Böden im landwirtschaftlichen System, bewirke aus Sicht der Interessengemeinschaft keine umfassende ökologische Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit und berge sogar die Gefahr der Bodenverschlechterung. „Wir von der Interessengemeinschaft gesunder Boden fördern den Wissensaustausch zum Aufbau von gesunden Böden als Grundlage für gesunde Pflanzen, Tiere und Menschen“, betonten sie jetzt auf einer Pressekonferenz in Regensburg. „Humusaufbau ist dabei ein ganz wesentlicher Beitrag zu gesunden und widerstandsfähigen Agrarökosystemen.“

Humusaufbau – richtig gemacht – fördere das Bodenleben, eine ausgewogene Pflanzenernährung und wirke sich positiv auf Bodenstruktur und Stoffaustausch aus. Humusaufbau als technisches Tool zur Kompensation von CO2-Emissionen aus anderen Branchen gehe jedoch in die falsche Richtung. Eine derartige Herangehensweise reduziere den Humusaufbau auf eine Klimakompensationsmaßnahme und das sei in keiner Weise zielführend.

Schaue man beim Humusaufbau nur auf die im Boden möglichst lange und stabil gespeicherte Menge an Kohlenstoff, so werde vollkommen ausgeblendet, dass die Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit und der Ökosystemleistungen von Böden ein komplexes System von Aufbau- und Abbauprozessen sei und in erster Linie vom Bodenleben abhänge. Dieses wiederum sei von der Humusqualität abhängig und diese werde mit dem Einbringen und Speichern möglichst stabiler Kohlenstoffkomponenten, wie zum Beispiel pyrolysierte Pflanzenkohle, nicht erhöht. Je stabiler kohlenstoffhaltige Substanzen im Boden seien (was eine wesentliche Voraussetzung für einen Klimaeffekt wäre) desto weniger geeignet seien sie für die Ernährung von Bodenorganismen. Pflanzenkohle berge davon abgesehen auch Schadstoffpotenziale, da im Pyrolyseprozess Schadstoffe entstehen könnten.

„Wir befürworten daher Humusaufbauprogramme, die das Bodenleben, die Bodenfruchtbarkeit und die Ökosystemleistungen von Böden gleichermaßen fördern und damit eine klimaresiliente Landwirtschaft ermöglichen“, betont die Interessengemeinschaft. „Hier halten wir vor allem eine Reduzierung der äußerst klimaschädlichen mineralischen Stickstoffdüngung (nach Haber-Bosch-Verfahren) für notwendig. Darüber hinaus befürworten wir Maßnahmen, wie weite Fruchtfolgen und Zwischenfruchtanbau, die Anwendung von Qualitätskompost, das Anlegen von Agroforstsystemen und Permakultur in Humusaufbauprogrammen. Diese sollten unter fachlicher Beratung von Bodenexperten durchgeführt werden. Einer Einführung und Förderung der Vergütung von quantitativen Kohlenstoffspeicherungs-Zielgrößen stehen wir daher sehr kritisch gegenüber.“ Das Klimaargument dürfe nicht zu einer Beeinträchtigung der Bodengesundheit und damit der Gesundheit von Wasser, Pflanzen, Tiere und Menschen führen.