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Letzte Aktualisierung: 01.02.2023

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Herausragende Forschungsarbeiten zur jüdischen Geschichte Frankfurts ausgezeichnet

von Ilse Romahn

(08.12.2022) Stiftung Polytechnische Gesellschaft prämiert exzellente wissenschaftliche Arbeiten zur Erforschung jüdischen Lebens in Frankfurt am Main. Prof. Dr. Debra Kaplan erhält Rosl und Paul Arnsberg-Preis, Arno Lustiger-Förderpreis geht an Dr. Matthias Springborn.

Die Stiftung Polytechnische Gesellschaft verlieh den Rosl und Paul Arnsberg-Preis sowie den Arno Lustiger-Förderpreis für herausragende Forschungsarbeiten zur Geschichte des Jüdischen Lebens in Frankfurt. Die Preisverleihung fand im Jüdischen Museum Frankfurt am Main statt.

Mit dem mit 10.000 Euro dotierten und international ausgeschriebenen Rosl und Paul Arnsberg-Preis der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, der in diesem Jahr zum siebten Mal vergeben wurde, wurde Prof. Dr. Debra Kaplan, Associate Professor an der Bar-Ilan University, Department of Jewish History and Contemporary Jewry, in Ramat Gan (Israel) ausgezeichnet – für ihre Publikation "The Patrons and Their Poor: Jewish Community and Public Charity in Early Modern Germany".

Die durch ihre Veröffentlichungen als Expertin für jüdische europäische Geschichte der Frühen Neuzeit ausgewiesene Autorin widmet sich dem wenig erforschten Thema öffentlicher Armenfürsorge und wirft einen detaillierten Blick auf die Alltags- und Sozialgeschichte von drei jüdischen Gemeinden vom ausgehenden Mittelalter bis ins Zeitalter der Aufklärung – darunter auch Frankfurt. Dabei widmet sie sich insbesondere dem Wohlfahrtsystem in der Frankfurter Judengasse und hebt sowohl deren Standards wie auch Besonderheiten der hiesigen Gemeinde hervor. Kaplan zeigt, auf welchen Werten die Herausbildung eines organisierten Spendenwesens basierte und wie es auch im Sinne einer Steuerung von sozialer Inklusion funktionierte. Zudem widmet sie sich in ihrer Arbeit auch der oft nur schwach dokumentierten Lebenswelt der jüdischen Armen. "Kaplans Studie überzeugt durch ihre exzellente Quellenarbeit in mehreren Sprachen und ist zudem anschaulich und prägnant geschrieben", begründet die Jury unter Vorsitz von Prof. Dr. Mirjam Wenzel, Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt, ihre Entscheidung.

Dr. Matthias Springborn, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Georg-Eckert-Institut (GEI) / Leibniz-Institut für Bildungsmedien in Braunschweig, erhielt für seine abgeschlossene Dissertation "Jüdische Kinder- und Jugendbildung in Deutschland seit 1945: Schulungskontexte und Wissensbestände im Wandel" den mit 3.000 Euro dotierten Arno Lustiger-Förderpreis.

In seiner Längsschnittstudie behandelt Springborn jüdische Bildung in der Bundesrepublik Deutschland. Dabei verbindet er Institutionengeschichte mit Wissensgeschichte, gestützt auf die fundierte Sammlung, Auswertung und Sicherung einer Vielzahl von Quellen. Springborn zeigt auf, dass jüdische Einrichtungen in Deutschland Bildung als elementare Frage verstanden, und geht dabei insbesondere auf die Geschichte der jüdischen Bildungseinrichtungen in Frankfurt ein. „Der Autor stellt wichtige und wegweisende Institutionen sowie einzelne bildungspolitische Akteure vor – von der frühkindlichen Erziehung bis zur Erwachsenenbildung. Dabei nimmt er nicht zuletzt auch die zunehmende Verzahnung mit Bildungseinrichtungen und -programmatiken in der deutschen Gesellschaft in den Blick“, so die Jury zur Begründung der Preisträger-Entscheidung.

"Die in diesem Jahr mit dem Rosl und Paul Arnsberg-Preis bzw. dem Arno Lustiger-Förderpreis prämierten Forschungsarbeiten veranschaulichen in herausragender Art und Weise, dass jüdische Bürgerinnen und Bürger die Geschichte der Stadt Frankfurt herausragend geprägt haben“, so Prof. Dr. Frank E.P. Dievernich, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Polytechnische Gesellschaft. Diese Preise werden auch in den nächsten Jahren ein wichtiges Element der Stiftung in Frankfurt sein, um die jüdische Kultur im Bewusstsein aller zu fördern.

Die Namensgeber der Preise
Der Rosl und Paul Arnsberg-Preis wurde anlässlich des 100. Geburtstages von Rosl Arnsberg am 2. Juni 2008 gestiftet und wird alle drei Jahre ausgeschrieben. Rosl und Paul Arnsberg stehen als jüdische Bürger Frankfurts für ein Lebenswerk im Dienste der Aufarbeitung und Bewusstmachung des historischen Erbes der jüdischen Bürger Frankfurts. Unermüdlich hat Dr. Paul Arnsberg in der Nachkriegszeit historische Forschungen über die Rolle der Juden in Frankfurt und Hessen angestellt und dazu Standardwerke von hohem wissenschaftlichem Rang verfasst. Seine Frau Rosl Arnsberg hat ihn dabei nachhaltig unterstützt.

Der Historiker und Publizist Prof. Dr. Arno Lustiger hat ebenfalls maßgeblich zur Erforschung jüdischen Lebens, insbesondere des jüdischen Widerstandes, beigetragen. Seiner Initiative war die Stiftung des Rosl und Paul Arnsberg-Preises mit zu verdanken, er übernahm auch den Ehrenvorsitz der ersten Preisvergaben. Sein besonderes Augenmerk galt dabei den Arbeiten von Nachwuchswissenschaftlern. Im Andenken an Prof. Dr. Arno Lustiger (1924 – 2012) verleiht die Stiftung Polytechnische Gesellschaft daher seit 2016 auch den Arno Lustiger-Förderpreis im Rahmen des Rosl und Paul Arnsberg-Preises. Dieser wird im Unterschied zum Rosl und Paul Arnsberg-Preis für eine Dissertation bzw. ein Dissertationsvorhaben vergeben.

Die Jury 2022
Die Preisträger wurden von einer fünfköpfigen Jury bestimmt. Sie besteht aus Prof. Dr. Mirjam Wenzel (Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt am Main, Vorsitz), Dr. Gad Arnsberg (Historiker), Prof. Dr. Frank E.P. Dievernich (Vorstandsvorsitzender der Stiftung Polytechnische Gesellschaft), Franziska Kiermeier (Kommissarische Leiterin des Instituts für Stadtgeschichte Frankfurt) und Prof. Dr. Dr. h. c. Volker Mosbrugger (Präsident der Polytechnischen Gesellschaft e. V.).

Weitere Informationen zu den Preisen und zu Rosl und Paul Arnsberg sowie Arno Lustiger finden Sie unter https://sptg.de/projekte/kunst-und-kultur/rosl-und-paul-arnsberg-preis-und-arno-lustiger-foerderpreis.

Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt am Main, Untermainanlage 5, Frankfurt   www.sptg.de