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Letzte Aktualisierung: 09.12.2022

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Finissage der Wechselausstellung „Rache. Geschichte und Fantasie“

von Ilse Romahn

(29.09.2022) Am verlängerten Wochenende, Sonntag und Montag, 2. und 3. Oktober (Tag der deutschen Einheit, das Museum ist geöffnet), endet die Ausstellung „Rache. Geschichte und Fantasie“ mit einer zweitägigen Finissage. Ein Vortrag und zwei Lesungen eröffnen den Museumsbesucherinnen und -besuchern einen Einblick in religionsgeschichtliche, literarische und historische Aspekte des Themas und laden zu einem letzten Ausstellungsbesuch ein.

Legitimationskarte von David Frankfurter, Universität Bern, 1933-1935
Foto: Staatsarchiv Graubünden, Chur, III23d2 Frankfurter
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Den Anfang macht am Sonntag, um 11 Uhr der Jurist Abraham de Wolf mit dem Vortrag „Auge um Auge und der Wert des Menschen“. De Wolf vergleicht in seinem Vortrag die bekannte Schadensersatzformel „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ aus der Tora mit anderen Gesetzen und greift die Frage auf, wie der Satz in Bezug zu Rache interpretiert werden kann. Dafür spannt er den Bogen von der Zeit des Tempels, über das Mittelalter (Was haben Gesetzgeber bis ins Mittelalter über Strafen für Körperverletzungen gedacht?) bis ins Jetzt: Wie urteilen rabbinische Gerichte heute? Diesen und weiteren Fragen soll im Rahmen dieser Matinee nachgegangen werden, denn sie wirken bis in die Gegenwart.
 
De Wolf ist unter anderem Vorsitzender von Torat HaKalkala, Verein zur Förderung der angewandten jüdischen Wirtschafts- und Sozialethik sowie Spezialist für das Religionsverfassungsrecht aus jüdischer Sicht.
 
Um Rache als konkrete Tat geht es bei der Buchvorstellung „Ich tötete einen Nazi …“ ebenfalls am Sonntag um 19 Uhr. Die bislang ausschließlich in hebräischer Sprache publizierten Memoiren von David Frankfurter, der 1936 den Landesgruppenleiter der NSDAP-Auslandsorganisation in der Schweiz, Wilhelm Gustloff, erschossen hatte, liegen nun erstmals druckfrisch in deutscher Sprache vor. Sie wurden anhand eines Typoskripts aus dem Nachlass des Religionswissenschaftlers und Journalisten Schalom Ben-Chorin von Sabina Bossert, Fachreferentin für Jüdische Zeitgeschichte an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich und Janis Lutz, Kurator im Jüdischen Museum Frankfurt, herausgegeben.
 
Frankfurter stammte gebürtig aus Österreich-Ungarn. Anfang der 30er Jahre kam er zum Studium nach Frankfurt, brach dieses aber 1933 wegen des aufkeimenden Nationalsozialismus‘ ab, um es im schweizerischen Bern fortzusetzen. 1934 besuchte er einen Onkel in Berlin; dort soll er von der Hitlerjugend gewalttätig angegangen worden sein. Dies forcierte Frankfurters Entschluss, einen Repräsentanten Nazi-Deutschlands zu erschießen. Im Februar 1936 erschoss er Wilhelm Gustloff in Davos, stellte sich der Polizei, wurde vor Gericht gestellt und zu einer Haftstrafe verurteilt. In seinen Memoiren schreibt er: „Ich wollte das Gewissen der Welt aufrütteln, aber sie schlief weiter.“ Nach seiner Begnadigung im Jahr 1945 emigrierte er in das britische Mandatsgebiet Palästina und verfasste dort gemeinsam mit Schalom Ben-Chorin seine Memoiren in deutscher Sprache. Der Text wurde ins Hebräische übersetzt und erschien 1948 unter dem Titel „Nakam“ (Rache).
 
Das deutsche Original der Memoiren erscheint nun in einer Lesefassung mit einer Einleitung von Sabina Bossert und einem Nachwort des Erziehungswissenschaftlers und Publizisten Prof. Micha Brumlik. Beide stellen das Buch an dem Abend im Gespräch mit dem Mitherausgeber Janis Lutz vor. Die Moderation übernimmt die Journalistin Claudia Sautter; der Schauspieler Isaak Dentler liest ausgewählte Passagen den Memoiren vor.
 
„Ich tötete einen Nazi …“, Herausgeber: Sabina Bossert und Janis Lutz, Marix Verlag des Verlagshaus Römerweg, ISBN 978-3-7374-1202-5, 22 Euro
  
Zum Finale am Montag um 18 Uhr kehrt die Finissage der Ausstellung dann quasi an die Anfänge zurück: Der Lyriker und Publizist Max Czollek liest aus „Inglourious Poems“ und unterhält sich mit Hauke Hückstädt, Autor und Leiter des Literaturhauses Frankfurt, über deren Bezug zum Thema „Rache“, der von ihm co-kuratierten Ausstellung.
 
Bereits in seinem ersten Gedichtband „Druckkammern“ (2012) widmete sich Max Czollek ambivalenten Gefühlen wie Rache oder Wut. Seither hat er insbesondere in seinen Gedichten sein Verhältnis zur deutschen Sprache selbst zum Thema gemacht und Lyrik als einen Raum erkundet, in dem eine andere Gerechtigkeit hergestellt werden kann. Die Veranstaltung findet im Rahmen des Festivals „Politik im freien Theater“ statt.

Es wird darum gebeten sich per E-Mail an besuch.jmf@stadt-frankfurt.de anzumelden. Die Eintrittskarten sind direkt an der Museums-Kasse erhältlich. Der Eintritt kostet zehn Euro, ermäßigt fünf Euro. Am Finissage-Tage gilt für alle der ermäßigte Eintrittspreis. Die Ausstellung „Rache. Geschichte und Fantasie“ ist jeweils bis zu Veranstaltungsbeginn geöffnet. (ffm)