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Letzte Aktualisierung: 23.01.2020

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Faszinierende Weinkönigin beim Weinkonvent

Ehrenmitgliedschaft für alle Rheingauer Majestäten?

von Ingeborg Fischer

(10.12.2019) Sie zog alle Register ihres künstlerischen Könnens mit Gesang, Erzählungen und Gedichten und bezauberte das Publikum. Bei den traditionellen Weinplaudereien des Rheingauer Weinkonvents war diesmal Ulrike Neradt Gast bei Kapitular Karl-Heinz Stier.

Bildergalerie
Die Weinplauderer Ulrike Neradt und Karl-Heinz Stier beim Gesang von Weihnachtsliedern.
Foto: Ingeborg Fischer / Heiko Sundermann
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Kapitelältester Thomas Palinkas verabschiedete die scheidende Königin Katharina und begrüßte die neu gewählte Majestät Valerie.
Foto: Ingeborg Fischer / Heiko Sundermann
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Die Spielpuppen der Moderatoren: „Toxi“ von Ulrike und ein selbstgebastelter Kriegs-Teddy (1943) der Eltern von Karl-Heinz
Foto: Ingeborg Fischer / Heiko Sundermann
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Alle Akteure stellten sich zum Schluss den Fotographen(v.l.n.r.):Winzerin Julia, Ulrike Neradt, Peter Seyffardt, Thomas Palinkas, Königin Valerie, Karl-Heinz Stier
Foto: Ingeborg Fischer / Heiko Sundermann
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Der Titel der Veranstaltung: „Weihnachten und Wein“. Das Programm wurde begleitet von Weinproben des Weingutes Diefenhardt in Martinsthal, vorgestellt von der eloquenten und kenntnisreichen Winzerin Julia Seyffardt, der Tochter des Rheingauer Weinbaupräsidenten Peter Seyffardt. Der gemütliche und rustikale Veranstaltungsort war ein Raum im Obergeschoss, das frühere „Remis´che“.

Karl-Heinz Stier als Moderator unterhielt sich mit der quirligen Ulrike Neradt auch über ihren bunten, vielschichtigen Lebensweg. Sie kam als Kind im elterlichen Weingut in der Hauptstraße 9 in Martinsthal zur Welt.  Was lag da näher, als dass sie einmal Rheingauer Weinkönigin werden würde. Aber sie wollte  gar nicht, weil sie damals leicht stotterte und sehr unsicher war. „Es bedurfte vieler Überredungen, bis mir halt keine andere Wahl blieb“. Also machte sie 1971 mit - und siegte. Wenn schon, denn schon, so sagte sie sich und kämpfte dann 1972 auch um den Titel der Deutschen Weinkönigin. Nicht nur wurde sie Deutsche Königin, sie verlor sogar, oh Wunder, auch ihr Stottern. Bis heute, seit nunmehr 47 Jahren, hat es übrigens aus dem Rheingau keine Titelverteidigerin mehr gegeben.

1990 hängte sie ihren erlernten Beruf als immunologisch-technische Assistentin an den Nagel und tourte als Kabarettistin, Chansonette und Moderatorin durch die Lande. 13 Jahre lang war sie in 180 Sendungen mit dem damals noch nicht so bekannten heutigen Starkoch Johann Lafer als  Moderatorin und Sängerin bei der SWF-TV-Unterhaltungs-Sendung „Der Fröhliche Weinberg“ zu sehen. Der hr hatte ihre Talente leider nicht erkannt.

Heute kann sie sich vor Engagements kaum noch retten. („Im Gegensatz zu den Winzern ist für mich die Advents- und Weihnachtszeit keine stille Zeit“). Da ist sie ausgebucht.

Wenn sie auch heute ihre persönliche Einstellung zu Advent- und Weihnachten relativiert hat („Bei mir gibt es keinen Weihnachtsbaum“), so kann sie sich noch sehr gut an ihre Kindheit und an die traditionellen Begebenheiten erinnern.

„Das Christkind kommt angeflogen, bringt die Geschenke und ist schnell wieder weg. Man darf es nicht sehen, sonst wird man blind!“ so wurde ihr damals erzählt. In Erinnerung ist ihr ein Heilig Abend geblieben, an dem ihre Schwester bitterlich geweint hat, denn als Geschenke gab es Frottee-Handtücher, Bettwäsche und ein Kaffeeservice. Damals dachte man praktisch und schenkte jungen Mädchen solche Sachen für die „Aussteuer“. Viele Damen unter den Gästen nickten wissend, denn sie hatten wohl früher ähnliches erlebt. Dabei hätte man sich doch über ein Buch, ein hübsches Kleidungsstück oder ähnlich Persönliches mehr gefreut. 

Ulrike hatte ihr liebstes Weihnachtsgeschenk mitgebracht: „Toxi“, eine dunkelhäutige Puppe, die in den 50er Jahren etwas ganz Besonderes war. Moderator Stier setzte seinen abgeliebten, von seiner Mutter selbstgefertigten  Teddy aus Rupfen, den ihm das Christkind 1943 gebracht hatte, neben die Toxi. Ein Christkind hat Neradt  übrigens nie gespielt, aber sie verriet dann, dass sie einmal im Turnverein als Nikolaus eingesprungen war. Zur Freude des Publikums sang die blonde, gutgelaunte Künstlerin dann ein Medley mit Weihnachtsliedern, und alle sangen mit. 

Neben der Hoheit Ulrike waren bei der sehr gut besuchten Weinplauderei-Veranstaltung noch zwei weitere Königinnen gekommen: die neu gewählte Rheingauer Weinkönigin Valerie und ihre Vorgängerin Katharina. Sie tauschten in Anwesenheit des Kapitelältesten vom Weinkonvent, Thomas Palinkas, die Umhängekette aus, das Symbol, das man während der Amtszeit für ein Jahr zum Weinkonvent gehört. Ulrike Neradt machte den Vorschlag an das Kapitel, künftig die Rheingauer Weinköniginnen als Ehrenmitglieder in den  Konvent aufzunehmen.  Der Kapitelälteste war von dieser Idee begeistert und versprach eine „sehr wohlwollende Prüfung“.

Leider war Katharina bei der Kandidatur zur Wahl der Deutschen Weinkönigin, bei der sie  im Vergleich zu ihren Mitbewerberinnen in vielen Bereichen besser abgeschnitten hatte - so die Meinung vieler Beobachter - unterlegen. Ulrike Neradt war vor Ort in Neustadt eine wichtige Stütze und coachte sie auch im Vorfeld („Ich habe mit gebibbert, leider hat es nix geholfen“).

Weil selbstgebastelte Geschenke an Weihnachten zu den beliebtesten gehören, fragte Karl-Heinz Stier Ulrike Neradt, ob sie auch welche anfertigt. Da konnte sie mit hübschen Dingen aufwarten: nämlich mit selbst bemalten Seiden-Krawatten und Weinglas-Markierern aus Perlen. Damit beschenkte sie den Moderator. Aber selbstverständlich hatte auch er etwas mitgebracht: ein Körbchen aus Salzletten und Puderzucker gefertigt, gefüllt mit selbstgebackenen Plätzchen.

Dass sie einen lupenreinen Rheingauer Dialekt spricht und auch im Mundart-Theater aktiv ist, hat sie der Mundartdichterin Hedwig Witte zu verdanken. Denn, so erzählte Neradt: „Zu Hause wurde Hochdeutsch gesprochen, weil mein Vater aus Düsseldorf stammt. So richtig Rheingauerisch babbele habe ich erst später gelernt“. Und in diesem Dialekt hat sie auch viele Bücher verfasst, zum Beispiel „Wo is die eebsch Seit?“, „E Dutt voll Micke“ oder „Weihnachte kimmt immer so schnell!“

Wenn es um die Diefenhardtschen Weine geht, dann darf als „pater familias“ Peter Seyffardt nicht fehlen, schon gar nicht, wenn seine Schwester Ulrike im elterlichen Hause auftritt. Er reflektierte über den Jahrgang 2019, über Eisweine und Glühweine („Es gibt keine besseren Glühweine als die vom Winzer“) und stellte als letzte Probe eine „Martinsthaler Wildsau VDP- Erste Lage“ mit einem Gedicht über die Wildsau vor. Zu Beginn präsentiere Tochter Julia einen „2018 Charta Riesling halbtrocken“ und einen „2018 Rauenthaler Rothenberger Riesling trocken“   ebenfalls Erste Lage - .

Der Weinbaupräsident ging auch auf Klagen ein, der Rheingauer Riesling habe zu viel Säure. „Das mag früher mal gewesen sein, heute ist fast überall hier der Säuregehalt niedriger“. Das hörte auch seine Schwester Ulrike gern, die feststellte, dass mit zunehmendem  Alter daher der Riesling für sie und manch anderen ein Problem sei. Sie stieg deshalb auf den Grau- oder Weißburgunder um.

Mit einem gar nicht weihnachtlichen, aber umso amüsanteren Gedicht „De Schimpans“ und vielen musikalischen Beiträgen aus Ulrikes musikalischem Schatzkästlein verabschiedete sich die Künstlerin im „Remis´che“. Das begeisterte Publikum forderte immer unter vielen Zusatz-Ovationen Zugaben.