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Letzte Aktualisierung: 05.08.2020

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Europa gemeinsam denken

105 Autoren tun dies gemeinsam in drei Bänden

von Dr. Theodor Kissel

(07.01.2020) 1776 entwarf der englische Staatsphilosoph Edmund Burke die Idee von Europa als »einem im Kern einzigen großen Staat mit einer gemeinsamen Basis des allgemeinen Rechts«. Wird die EU heute durch Verträge und Gesetze gebunden, sollte man sich andererseits auch auf die Sitten und Bräuche, auf die Kultur und Werte besinnen, so wie es in neuerer Zeit Denker wie Václav Havel oder Umberto Eco getan haben.

Foto: WBG Theiss, Darmstadt
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Genau darum geht es in dem dreibändigen Werk »Europa – die Gegenwart unserer Geschichte«. In 133 Aufsätzen zu den unterschiedlichsten Themen, verfasst von 105 Autoren aus verschiedenen europäischen und nicht-europäischen Ländern, wirft es einen kosmopolitischen Blick auf den Kontinent und greift die Grundfrage auf, was dieses Europa eigentlich ist und was es ausmacht.

Dabei geht es den beiden Herausgebern, dem Historiker Etienne François, ehemaliger Direktor des Centre Marc Bloch in Berlin, und dem in Lille lehrenden Germanisten Thomas Serrier, »um eine Verortung Europas mithilfe seiner geteilten und gemeinsamen Erinnerungen in einer globalen Zeit«. Dies wird anhand dreier Themenkomplexe behandelt: Die Beziehung zur gegenwärtigen Vergangenheit, die Beziehung zur inneren Einheit und Vielheit, die Beziehung zur Welt.

Gemäß dem Diktum von Paul Valéry, wonach »Erinnerungen die Zukunft der Vergangenheit« sind, steht dabei nicht die Erzählung dessen, »wie es eigentlich gewesen ist« (Leopold von Ranke), im Zentrum der Beiträge, sondern eine perspektivische Geschichtsschreibung, eine Geschichte Europas, so wie sie wahrgenommen und erörtert wurde, die man von Generation zu Generation neu interpretiert.

Diese »Geschichte zweiten Grades« wird in drei Bänden beleuchtet: Im ersten Band »Lebendige Vergangenheit« geht es darum, »die Vergangenheit zu lösen und die Zukunft zu entriegeln«; der zweite Band mit dem Titel »Vielfalt und Widersprüche« behandelt das, »was wir teilen und was uns trennt«; Band drei »Europa und die Welt, die Welt in Europa« richtet den Blick über die Grenzen des Kontinents hinaus.

Darin aufgezeigt wird ein »Riesenmosaik von Erinnerungsorten«, von der Nymphe Europa bis Tschernobyl, vom Hadrianswall bis zur Berliner Mauer, von der Kalaschnikow bis zum VW-Käfer, von Demokratie bis Holocaust. Der Leser wird mitgenommen auf eine Reise durch Völkerkunde und Archäologie, durch Religion und Politik, durch Volkswirtschaft, Kunst und Kultur. Es ist gerade die Multiperspektivität, mit der die verschiedenen europäischen Autoren sich unterschiedliche Geschichten über die Vergangenheit erzählen und sich so Europa annähern.

Alles in allem: Drei sehr lesenswerte Bände, die verdeutlichen, dass Europa mehr ist als die Summe einzelner Namen, Orte, Sichtweisen und Geschichten.

(Étienne François / Thomas Serrier (Hrsg.). Europa. Die Gegenwart unserer Geschichte. WBG Theiss, Darmstadt 2019, 15544S., 129,00 €, ISBN: 978 3 8062-4021 -4)