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Letzte Aktualisierung: 18.11.2019

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Einfach entschleunigen in Südtirol

von Karin Willen

(25.10.2019) Voll im Trend: Waldbaden. Dabei geht es um nichts mehr als mit allen fünf Sinnen bewusst im Wald zu sein. Zwei Beispiele aus dem Ahrntal.

 

Wald, rundum nichts als Bäume. Knorrige, bemooste, abgestorbene und junge aufragende. Die Felsbrocken darunter und dazwischen wirken wie Methusaleme der Erdgeschichte, und frisch angeknabberte Pilze erzählen dem Kenner, dass hier vor kurzem Rehe geäst haben. Wir befinden uns im Südtiroler Ahrntal oberhalb von Sand in Taufers.

Die Burg und die Reinbachfälle sind von hier aus ebenso wenig zu sehen wie die grandiosen Bergschönheiten unter und über der Bewaldungsgrenze: imposante Dreitausender, klare Seen, sattgrüne Almen mit idyllischen Berghütten und mediterran wirkende Städte, die die sonnige Südseite der Alpen so unwiderstehlich machen. Denn jetzt geht es allein um den Wald und uns. Wir sind mit Hotelier und Wanderführer Stefan Fauster beim Waldbaden.

„In der Waldluft baden“

Das Sein und Erleben im Hier und Jetzt des Waldes macht die Sehnsucht nach Natur und Idylle zur Realität. Seit 1982 ist das in Japan und Südkorea eine anerkannte medizinische Prävention und Rehabilitation und heißt dort „Shinrin Yoku“. Wörtlich übersetzt „in der Waldluft baden“. Der Klang dumpfer Schritte auf Moos, das Knacken über Reisig und das Vogelgezwitscher aus allen Etagen des Waldes entführen die Seele weit weg von Zivilisationslärm und Stress.

Über Sinn und Zweck des Waldbadens und was dabei passiert, will Stefan gar nicht viele Wörter verlieren und auch Flora und Fauna nicht erklären. Er schreitet einfach voran. Denn es geht eigentlich um nichts mehr als mit allen fünf Sinnen bewusst im Wald zu sein. Unter den nackten Füßen auch abseits der Pfade die verschiedenen Bodengegebenheiten spüren und vor allem in vollen Zügen gesunde Waldluft atmen.

Da-Sein mit allen fünf Sinnen

Beobachten, was sich bewegt, hören, was sich entäußert, tasten, wie es sich anfühlt, erinnern, welche Erfahrungen wir mit dem Wald in uns gespeichert haben, und uns mit einem Baum berührend verbinden, der uns den Sauerstoff spendet, während wir ihm das Kohlendioxid zurückgeben: Also unmittelbar erfahren, dass wir Teil des Systems sind, das sich Natur nennt. Das ist der Sinn von Waldbaden. Man könnt auch sagen: Waldbaden erdet einfach. Mit dem Resultat herzerfrischender innerer Ruhe.

Wir bahnen uns gleichermaßen beherzt und behutsam den Weg zwischen Felsen und Sträuchern unter den Baumkronen. Schauen, riechen, berühren. Entdecken, wie viele Grünstufen Moose, Flechten und Blätter haben. Sehen den emsigen Ameisen nach und bewundern die Schönheit des Käferpanzers.

Im Wald und vom Wald leben

Zum Schluss des Sinnesparcours im Wald ist das Schmecken dran: Auf einer kleinen Lichtung serviert Stefan ein winziges Glas Kräutertee mit einer Himbeere. Natürlich selbstgemacht und regional. Das versteht sich hier von selbst. In Südtirol braucht man letztlich keinen Luis Trenker oder Reinhold Messner, um zu erfahren, dass Italiens nördlichste Provinz ein bisschen mehr mit der Natur lebt als andere Regionen.

So wie Stefan eben. Er hat sich mit dem Hotel Drumlerhof in Sand in Taufers der „Gemeinwohlökonomie“ verschrieben, die sich an Gemeinwohl und Kooperation orientiert statt auf Gewinn und Konkurrenz zu setzen. Frisch zubereitete regionale Kost und Spa mit heimischen Kräuterölen gehören genauso dazu wie faire Arbeitsbedingungen für die Angestellten und insgesamt klimafreundliches Wirtschaften. „Respekt vor der Natur“, das ist nicht nur Stefan wichtig.

Abschalten auf dem Kneippweg

Bevor sich das Waldbaden als bewusstes Sich-in-die-Natur-Versenken etablierte, gab es aber auch schon andere Angebote zum Abschalten und Aufatmen. So viel anderes als Stefan macht die Kneippexpertin und Kräuterpädagogin Roswitha Rainer denn auch nicht. Sie geht mit Gruppen auf bachdurchzogene Wiesen und in Wälder. Zum Beispiel auf den Kneippweg Rudlbach in Taisten im angrenzenden Gsiesertal, ganz in der Nähe einer verlassenen Wassermühle.

Wieder sind wir mitten im Bergwald. Die Sonne schickt glänzende Lichtstrahlen durch die Bäume, der Wind zieht sachte durch Nadeln und Blätter. Auf dem Weg werden die Füße im Wildbach auch mal nass, bitzeln bei dem kalten Wasser sogar. Sie müssen stärker balancieren und spüren die Unterschiede des Waldbodens noch intensiver.

Roswitha schöpft aus dem alten Wissen der Kräuterheilkunde und hat in ihrem Rucksack selbstgemachte Cremes und Öle dabei, für alle Fälle. Bevor wir die Schuhe wieder anziehen, sorgt ihr Arnikaöl für Sauberkeit und erholende Frische.

Kräuterkulinarik

Von der Kräuterheilkunde ist der Weg zur Kräuterkulinarik nicht weit. Kaum ein ambitionierter Koch in Südtirol, der nicht Wildkräuter verarbeitet. „Die Natur schenkt uns Gutes. Wir müssen es nur erkennen und schätzen“, sagt Anneres Ebenkofler vom Naturhotel Moosmair in Sunnleitn, einen dem kleinen Bergdorf am sonnigen Hang. Den Hof gibt es schon seit 1500. Im Kornkasten von 1855 befindet sich heute eine urige Sauna, die nach Bergkräutern duftet. Seit 2006 führt sie das erste Kräuterrestaurant Südtirols.

Anneres nennt sich selber „Kräuterhexe“ und zeigt, dass fast jede Pflanze für Tees, Tinkturen, Salben oder für Anwendungen zum Wohle der Menschen taugt. Seit ihrer Kindheit hat sie sich das alpine Wissen um die Heilkraft der Kräuter angeeignet und weiß, wann und wie sie am besten gepflückt werden. „Auf einer gesunden Almwiese wachsen bis zu 194 Kräuter“, sagt sie. Handverlesene finden Einlass in ihr Restaurant „Arcana“, wo fast ausschließlich bäuerlich hergestellte Nahrungsmittel aus der Region verarbeitet werden. Da gibt es dann Rind im Bergheubad, Wiesenkräuterknödel, gebeizten Saibling mit Fichten-Öl oder Latschenkieferrisotto. So landet der Wald in Südtirol auch auf den Teller.

Waldbaden ist gesund

Sich im Wald aufzuhalten hat erwiesenermaßen einen gesundheitsfördernden Aspekt. Waldluft enthält Stoffe, mit denen die Bäume untereinander sowie mit Pilzen und Flechten „reden“: die sekundären Pflanzenstoffe der Gruppe „Terpene“. Das hat der Förster Peter Wohlleben 2015 erstmals in seinem Buch „Das geheime Leben der Bäume“ (Ludwig Verlag, München) einem breiten Publikum bekannt gemacht. Wenn die Terpene in den Körper gelangen, entfalten sie antimikrobielle Wirkungen. Einfach so durchs Atmen.

 Tipps zum Waldbaden vom Profi

Der Waldtherapeut Martin Kiem aus Tisens bei Meran hat das Waldbaden aus Japan über Australien nach Südtirol gebracht. Er sagt: „Das Ökosystem Wald sondert über 2.000 bioaktive Stoffe ab, die über die Atemluft und die Haut nicht nur das menschliche Immunsystem boosten, sondern auch die Nerven beruhigen und eine tiefe Erholung auslösen können.“
Seine Tipps: „Von April bis August, morgens und nach einem Regen ist die Waldluft am terpenreichste.“ Und: „Zwei bis dreimal für vier Stunden in den Wald, und das Immunsystem ist bestens in der Lage, einen Monat lang reichlich schützende Killerzellen zu produzieren.“

Südtirol Balance

Stefan Fausters Waldbaden und Roswitha Rainers Kneippwanderungen gehören zum Angebot „Südtirol Balance – Auszeit in Südtirol“. Das sind Programme für Kurzaufenthalte, in denen die Gäste in der Natur entschleunigen und entspannen.