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Letzte Aktualisierung: 28.09.2021

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Das emissionsfreie Rechenzentrum: Ferne Utopie oder baldige Realität?

von Bernd Bauschmann

(22.07.2021) Fast 10 Jahre ist her, dass die Vereinten Nationen (UN) 17 gemeinsame Klimaziele formulierten und damit den Auftakt zu einer weltweiten Offensive für Klimaneutralität initiierten.

Kann die Entwicklung zum grünen Rechenzentrum gelingen?
Foto: Unsplash / Tayler Vick
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Mit der fortschreitenden Digitalisierung und neuen Energie-Strategien hat sich Deutschland zu einem der Vorreiter der Initiative entwickelt wie Daten des aktuellen Sustainable Development Reports zeigen. Doch ausgerechnet die Rechenzentren, Treiber des digitalen Fortschritts, stehen angesichts ihres hohen Energieverbrauchs unter Anpassungsdruck. Kann die Entwicklung zum grünen Rechenzentrum gelingen?

Deutschland: Data Center Hot-Spot mit grünen Ambitionen

Unter Anderem der Standort Deutschland, allen voran das Rhein-Main-Gebiet, steht im Zentrum der aktuellen Entwicklung in der Branche der Server-Zentren. Der größte Internetknotenpunkt der Welt, der DE-CIX in Frankfurt am Main, vereint in sich wie kaum ein anderer Standort Chancen und Herausforderungen der wachsenden Datenwelt. Die dynamische wirtschaftliche Entwicklung des IT-Sektors steht einem stetig wachsenden Stromverbrauch der Data Center gegenüber. Wie das Borderstep Institut in einer Studie ermittelt hat, werden bis 2025 allein in Deutschland die Rechenzentren Strom in der Menge von über 16 Terrawatt-Stunden verbrauchen. Der Ruf aus der Politik nach Regulierung wird lauter. Dabei haben bereits einige Anbieter der Branche die ersten Schritte zum grünen Rechenzentrum gemacht.

IT-Expertise aus Frankfurt, erneuerbaren Energien aus Skandinavien

Dazu gehört etwa die Frankfurter Northern Data AG, die zu Beginn dieses Jahres einen zu 100% mit Hydroenergie betriebenen Standort in Nordschweden übernommen hat. In den dünn besiedelten Regionen Skandinaviens finden sich große, überschüssige Kapazitäten erneuerbarer Energien, die in der Regel kostengünstig verfügbar sind. Über die solide Versorgung mit grüner Energie hinaus, trägt das kühle Klima dazu bei, den Bedarf an aktiver Kühlung – in der Regel die stromintensivste Komponente des Rechenzentrums – deutlich zu reduzieren. Durch eine spezifische Anordnung der Server, die die natürliche Luftzirkulation berücksichtigt, kann die Energieeffizienz im Zusammenspiel mit einer eigenen künstlichen Intelligenz, die die Server überwacht und steuert, weiter maximiert werden. Das Konzept wird neben der modernen Hardware ergänzt durch Softwareentwicklungen, die die Workload sowohl innerhalb als auch zwischen Rechenzentren verschieben können.

Ist Net-Zero bis 2035 zu schaffen?

Mit den neu entdeckten Möglichkeiten wächst auch der Anspruch der Branche an sich selbst. So gibt es eine Vereinbarung zwischen den europäischen Data-Center Betreiber n und der EU-Kommission bis 2035 klimaneutral zu werden. Einige besonders große Server-Netzwerke, sogenannte Hyperscaler, wollen gar bereits bis 2030 in die Emissionsfreiheit. Zumindest in Deutschland scheint der Weg zum grünen Rechenzentrum Konturen anzunehmen, indem immer mehr Innovationen ihren Weg in die Betriebspraxis des Rechenzentrums finden. Jüngstes Beispiel sind Kühlungsmechanismen durch Wasser. Aufgeschraubte Kühlwärmetauscher sollen die Prozessoren klimatisieren und das heiße Wasser zur Beheizung naher Haushalte nutzbar machen. In Kombination mit grüner Energie will man auf diese Weise nicht nur klimaneutral, sondern sogar klimanegativ werden. Die größte Herausforderung hierzulande sieht Rechenzentrumsberater Staffan Revemann mittlerweile nicht mehr bei den Datenzentren selbst, sondern dem „Mangel an Energie in Deutschland“ im Zuge der Energiewende.