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Letzte Aktualisierung: 25.04.2019

Tanger – wo Atlantik und Mittelmeer ineinanderfließen

von Karin Willen

(01.02.2019) Nach wilden Jahrzehnten als Künstler- und Schmugglerhochburg geriet Tanger unterhalb des Radars des Tourismus. Heute hat sich die marokkanische Hafenstadt herausgeputzt – doch Spuren aus der Zeit sind erhalten, wo zwischen Meer und Wüste strandete, wer auf der Suche nach Freiheit und Abenteuer war.

Bildergalerie
Die marokkanische Hafenstadt Tanger von oben
Foto: Karin Willen
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Minztee und Selbstgebackenes im Gästehaus La Tangerina
Foto: Karin Willen
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Frisches Obst und Gemüse auf dem Berbermarkt
Foto: Karin Willen
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Café in der Medina
Foto: Karin Willen
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Leuchtturm Kap Spartel, wo Atlantik und Mittelmeer zusammenfließen
Foto: Karin Willen
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Tanger? Ja, klar, die internationale, aufregende Hafenstadt an Afrikas Nordspitze. 1923 wurde sie eine selbstverwaltete, „internationale Zone". In dieser Zone mit völkerrechtlichem Sonderstatut ging vieles durch, was anderswo verpönt oder verboten war: Homosexualität und unsteter Lebenswandel, Drogen, Prostitution und Schmuggel. In den 1940er und 1950er Jahren galt die weiße Stadt auf den Hügeln sogar als Welthauptstadt der Nonkonformisten. Als Tanger 1956 in das von Frankreich und Spanien gerade unabhängig gewordene Marokko eingegliedert wurde, hatten die Exzentriker dieser Zeit die Stadt schon zu einem Mythos gemacht.

Stadt der Literaten, Hippies und Musiker

Das hat natürlich in erster Linie mit Größen wie dem amerikanischen Schriftsteller Paul Bowles zu tun, der von 1947 bis 1999 in Tanger lebte. Nach ihm kamen in den fünfziger Jahren Tennessee Williams, Truman Capote und dessen Erzfeind Gore Vidal. Hier trieb sich der drogenabhängige William S. Burroughs auf der Suche nach Strichjungen durch die Gassen. Auch Allen Ginsberg oder Jack Kerouac frönten dem Wein, den Drogen und den sexuellen Abenteuenr in dem unnachahmlich sanften Licht, das den Maler Henri Matisse Jahrzehnte vor ihnen schon magisch angezogen hatte. Später kamen die Hippies und die Musiker.

Und heute? König Mohammed VI. macht den Großraum Tanger mit Geld aus Saudi-Arabien, den Emiraten und China zu einer neuen Freihandelszone, diesmal für die Hightech-Industrie. Seit der Jahrtausendwende hat er Straßen, Spielplätze und Brücken bauen lassen. Eine Hochgeschwindigkeitszugverbindung verkürzt die Fahrzeit von Tanger nach Rabat. Und der neue Containerhafen Tanger-MED 1 ist jetzt schon der umsatzstärkste Afrikas.

Flanieren am Meer

Die Corniche, an der sich einst Prostituierte und Trinker, Gaukler und Lebemenschen die Zeit vertrieben, dient heute als autogerechte Uferpromenade für brave Familienspaziergänge mit Blick auf die Straße von Gibraltar. Unsichtbar unter der sechs Kilometer langen Promenade zwischen der nach dem König benannten Avenue und dem breiten Sandstrand parken die Autos. Schicke, bewachte Glasaufzüge bringen die Passagiere nach oben.

Aseptisch wirken auch die Restaurants und Clubs, die unter der Promenade und an der Tanja Marina Bay die Kaschemmen von einst ersetzen. Auch wenn Reisende das leicht Verruchte vermissen, die Einheimischen schätzen, dass die Hafenstadt sauberer und grüner geworden ist. Flanieren mit Blick auf Meer und schicke Yachten ist zu einer beliebten Freizeitbeschäftigung in Tanger geworden.

Es gibt sie aber noch, die Spuren von einst. Hans Tischleder, der Direktor der Deutsch-Marokkanischen-Gesellschaft Nord, die jungen Marokkanern Deutsch beibringt, kennt sie. Doch der Senior, der das Leben der Deutschen in Tanger erforscht, ist müde geworden, davon zu erzählen. Er lädt die Besucher lieber zu einer Lesung über die Deutschen in Tanger ein und verweist auf Reste eines deutschen Friedhofs im Mendoubia-Park.

Im Gewusel der Medina

Guide Mohamed, der in Deutschland aufgewachsen ist, führt seine Gäste zum Park und dorthin, wo das alte Tanger lebendig geblieben ist. Beim "kleinen Marktplatz" in der Medina, wo einst das Forum der römischen Stadt Tingis stand, riecht es noch nach Leder wie in alten Zeiten. Lederhändler, Schuhmacher und Verkäufer, bei denen man Keramik und mehr erstehen kann, reihen sich aneinander. Dazwischen Gewürzstände, Teppichläden und Cafés mit Marmorintarsien in Stuck. Ab und zu glitzern Juwelierläden dazwischen. Etliche der ockerfarben verputzten oder weiß getünchten Häuser stehen auf farbigen Sockeln. Manche Wände sind gekachelt. Blumentöpfe setzen bunte Akzente, Volieren mit Singvögeln steuern akustische dazu. Dazwischen streichen die Katzen, bieten fliegende Händler frisches Obst feil und ziehen ärmliche Lastenträger ihre Karren. Medina-Atmosphäre wie aus dem Bilderbuch – inklusive übers Ohr gehauen werden beim Handeln.

Orientalisches Leben auf den Hügeln

Das ist die zeitlos-geschäftige Welt, in der Glücksritter und Gelangweilte sich einst wohl fühlten. Die Sonne schien, der Wein war bezahlbar, und der Minztee schmeckte. Es gab Drogen in guter Qualität, und die Dienstleister waren willig. In etlichen der gewundenen Gassen reihten sich die Wechselstuben aneinander. Damals fand man in der Medina fast so viele Synagogen und Kirchen wie Moscheen.

Durch die verwinkelten Gassen der Souks erreicht man im Norden das Kasbah-Viertel. Der Verlegermilliardär Malcolm Forbes und die verschwendungssüchtige Woolworth-Erbin Barbara Hutton lebten standesgemäß auf den alten Hügeln. Das Old American Legation Museum, das einzige im Ausland stehende amerikanisches Baudenkmal, erinnert daran, dass Marokko 1821 die Unabhängigkeit der USA als erstes Land  anerkannt hatte – und an das Leben von Paul Bowles.

30 Schnellfährenminuten von Europa entfernt

Auf der gemütlichen Dachterrasse des La Tangerina, des Gästehauses eines Deutschen und seiner marokkanischen Frau, zeigt Mohamed stolz einen Kirchturm neben einer Moschee als Zeichen von Weltoffenheit und Toleranz. Zur anderen Seite hin fällt der Blick über die Straße von Gibraltar bis nach Spanien. Nur 30 Minuten braucht die Schnellfähre nach Tarifa für Touristen und Händler. Für die vielen arbeitslosen Jugendlichen und die schwarzafrikanischen Flüchtlinge ist die spanische Küste aber unerreichbar.

Wo Herkules Afrika und Europa auseinanderstemmte

Weiter oben am Kap Spartel vermischen sich in einem großen Bogen zum Kap Malabata die Wässer von Atlantik und Mittelmeer. Antike Dichter haben Herkules hier mit der schieren Kraft seiner Muskeln Europa und Afrika auseinanderstemmen lassen. Wo der starke Mythenmann wohnte? In der Herkulesgrotte hinter einem der sieben Hügel Tangers, in der um 1900 ein Bordell betrieben wurde und die Popliteraten und Beatniks in den sechziger Jahren wilde Partys feierten. Heute ist die Grotte Teil des Touristenprogramms. Die Grottenöffnung zum Atlantik hin erinnert an die Form des afrikanischen Kontinents. Wer bis zum frühen Abend wartet, sieht dadurch die rote Sonne in die Fluten sinken.

Informationen bei der marokkanischen Fremdenverkehrszentrale unter www.visittanger.com oder www.visitmorocco.com/de oder www.kasbah-online.de 

Literatur: Paul Bowles schrieb in „Taufe der Einsamkeit. Reiseberichte 1950-1972“ unter anderem über Tanger, Marokko und die Wüste. Erschienen 2010 bei Liebeskind.