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Letzte Aktualisierung: 15.10.2019

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Labor im Palmengarten - in 3 Tagen zum Kinder-Pflanzexperten

von Anja Prechel

(25.06.2019) Kita Frankfurt und Palmengarten machen seit zehn Jahren aus Kindergartenkindern kleine Forscher.

Projekt 'Kinder im Garten': Labor im Palmengarten
Foto: Stadt Frankfurt / Palmengarten Frankfurt
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Was man aus Rattan alles machen kann! „Ein Hundekörbchen“, schlägt das Mädchen mit den langen Zöpfen vor. „Oder ein Katzenkörbchen“, ergänzt ihr Kindergartenfreund. Ein zweites Mädchen setzt noch einen drauf. „Ein Kamelkörbchen“, ruft sie. Zwar brauchen Kamele kein Körbchen, um sich zur Ruhe zu legen. Trotzdem hat die Kleine recht: Aus Rattan, das lernen die Kinder aus dem Kinderzentrum an diesem Morgen, lässt sich fast alles formen. Weil er so biegsam und stabil ist.

Drei Tage lang sind die Jungen und Mädchen als kleine Forscher im Palmengarten unterwegs und kommen dabei Kletterpflanzen wie der Rattanpalme auf die Spur. In ihrer Morgenrunde am zweiten Tag schauen sie Bilder an, begutachten einen getrockneten Rattan-Ast, wissen ganz genau, warum dieser Stacheln hat (um sich beim Wachsen in die Höhe festzuhalten), und in Frankfurt nur im Gewächshaus gedeiht. „Weil es draußen zu kalt ist.“ Was für eine Frage!

Expertise – biologisch und pädagogisch
„Kinder im Garten“ heißt die gemeinsame Bildungseinrichtung von Palmengarten und Kita Frankfurt, das Kindergartenkinder binnen drei Tagen zu Experten in Sachen Kletterpflanzen oder Bambus, Palmen oder wehrhaften Pflanzen, Mammutbäumen oder Zitrusgewächsen und mehr macht. Am Montag, 24. Juni, feiert es sein zehnjähriges Bestehen. Bis heute ist es deutschlandweit einzigartig.

Der Besuch von Kita-Gruppen in Einrichtungen wie Zoo, Museen oder dem Stadtwaldhaus gehört seit jeher zum Bildungsauftrag von Frankfurts Kindertagesstätten. Daraus entwickelte sich der Wunsch, Drei- bis Sechsjährigen ein dauerhaftes Angebot in einer Bildungsreinrichtung zu machen. Eines, das speziell auf die Bedürfnisse dieser Altersgruppe zugeschnitten ist. 2005 vernetzten sich Kita Frankfurt und Palmengarten, suchten Förderer, entwickelten gemeinsam das Konzept, das bis heute Bestand hat. Seit 2011 ist das Angebot auch für nicht-städtische Kitas offen. „Wir Biologen wissen, welche Themen sich anbieten, was man sachlich vermitteln kann“, sagt Ulrike Brunken, die bereits an der Konzeption von Kinder im Garten beteiligt war. „Und wir Pädagogen überlegen, ob die Themen für die Kinder infrage kommen und wie sie diese erfassen können“, ergänzt Sozialpädagogin Jutta Lehmann. Zusammen mit einer weiteren Biologin, zwei Erzieherinnen, einer Gärtnerin und einer Hausangestellten bilden Brunken und Lehmann das siebenköpfige Team von „Kinder im Garten“.

Gruppenraum und Miniaturlabor
Im Haus Leonhardsbrunn, wo früher eine Berufsschule für Floristen und Gärtner untergebracht war, haben die Kinder im Garten ihr Reich. Rechts und links des Eingangs reihen sich Beete mit Obst, Gemüse und Blumen aneinander, dahinter befinden sich zwei Gruppenräume, die zugleich Mini-Labor sind: hohe Decken, Tische und Stühle, Teppichecke, Spiele, Landkarten an den Wänden, dazu Regale voller Boxen und Dosen mit Samen, Zapfen und Früchten, Kinderschreibtische, über denen sich Reagenzgläser türmen, Binokulare, Lupen und Pipetten, in einem Raum ein asiatisch anmutender Pavillon, im anderen riesige Palmblätter. „Die Kinder finden bei uns die gewohnten Dinge wie Spielecke oder Teewagen, die sie aus ihrer Einrichtung kennen“, sagt Brunken. „Für sie ist es enorm wichtig, einen gewohnten Ablauf zu haben und zu wissen, dass sie bei uns zum Beispiel auch spielen dürfen. Mir als Biologin war nicht klar, welchen Stellenwert das für die Jungen und Mädchen hat.“

Entdecken, erforschen und kochen
Brunken und ihre Kolleginnen hätten auch nicht vermutet, wie toll die Kinder das Kochen finden. Während der drei Tage im Palmengarten bereitet die Hausangestellte das Mittagessen für die Kinder zu und eine kleine Gruppe darf ihr dabei bei der Fertigstellung helfen. „Zu Beginn haben wir das Projekt begleitend evaluiert. Die meisten Kinder haben zu Hause als erstes erzählt, dass sie gekocht haben“, sagt Brunken.

Dabei ist das Kochen nur ein Bruchstück des Programms. Die Kinder im Garten suchen, entdecken und erforschen zum Beispiel die Welt der Kletterpflanzen, zu denen auch die eingangs erwähnte Rattanpalme gehört. Dazu besuchen sie die Orte im Palmengarten, an denen Rattan, Efeu oder Kiwi-Strauch wachsen, prüfen, mittels welcher Technik die Pflanzen klettern. Sie tasten und riechen und lösen Bilderrätsel, sie fotografieren, mikroskopieren, sie topfen eine eigene Pflanze ein, sie malen, basteln und spielen und löchern die Mitarbeiter des Palmengartens, die ihnen bei ihren Expeditionen begegnen, mit Fragen. Lehmann: „Ob es eine Gärtnerin ist, die das Unkraut zwischen den Schienen des Palmenexpress‘ abflämmt oder ein Gärtner, der knietief im Seerosenbecken am Tropicarium steht – für die Kinder ist alles spannend. Und von allen, die sie fragen, bekommen sie auch Antworten.“

Zugang schaffen – emotional und sachlich
Forscherreisen wechseln ab mit Kreativangeboten, Experimente mit Spielplatzbesuchen, Neues mit Gewohntem. „Wir arbeiten mit verschiedenen Methoden und schaffen den Jungen und Mädchen so emotionalen und sachlichen Zugang zu den Themen“, erklärt Lehmann. „Wollen wir ein neues Thema in unser Programm aufnehmen, überlegen wir, ob wir es mit all diesen Methoden durchspielen können.“ Eine Kita testet die neuen Einfälle, bevor sie ins Programm aufgenommen werden.

„Kinder im Garten“ ist seit Projektbeginn ein Selbstläufer. Anderthalb Jahre nach dem Start konnte das Team bereits zwei Gruppen parallel auf Forscherreise mitnehmen, ebenso kam das erste von vier Ein-Tages-Angeboten dazu, die besonders in den Sommermonaten gebucht werden. Zum Projekt gehören Vor- und Nachbereitungsseminare für die Erzieher. Und auch für die Kinder endet die Entdeckungstour nicht nach den drei Tagen im Palmengarten. „Wir kooperieren mit dem Zoo und dem Botanischen Garten. Diese besuchen die Kinder etwa zwei Wochen, nachdem sie bei uns waren, und können dort ihr neues Wissen abrufen und anwenden“, erklärt Brunken. Außerdem gibt es einen Eltern-Kind-Nachmittag, bei dem sich manche Eltern kaum retten können vor der Expertise ihrer Kinder über Rattan, Bambus und Co. „Es gibt Eltern, die uns berichten, ihr Kind habe gar nicht mehr aufgehört, von seinen Erlebnissen im Palmengarten zu erzählen“, sagt Lehmann.

Immer wieder neu, immer wieder schön
Der Ort, die Räume, das Programm – für die Kinder ist es etwas ganz Besonderes, im Palmengarten auf Forscherreise zu gehen. Für das Team auch. Kein Tag gleicht dem anderen, jede Gruppe ist anders, Biologinnen, Pädagoginnen, alle Beteiligten lernen auch nach zehn Jahren immer noch voneinander. „Für mich ist die Zusammenarbeit bei Kinder im Garten ein großes Glück. Ich kann mir keine bessere vorstellen“, sagt Brunken. Und Lehmann wünscht sich, dass „das Projekt so weitergeht wie bisher. Das Interesse der Kinder, etwas zu lernen, ist riesengroß. Das zu erleben, macht einfach großen Spaß.“ (ffm)