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Letzte Aktualisierung: 22.07.2019

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Herzensschmerz, Heimatroman und Film-Musik

von Helmut Poppe

(06.05.2019) Was Netflix, Amazon und die hohe Kunst der Oper gemeinsam haben - oder auch nicht Film-Musik, Heimat- und Liebesroman in einer Erstaufführung

Bildergalerie
Das Ensemble "Les Hauts de Hurlevent"
Foto: frankfurtlive, H. Poppe
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Foto: frankfurtlive, H. Poppe
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Foto: frankfurtlive, H. Poppe
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Place Stanislas
Foto: frankfurtlive, H. Poppe
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Big Jim, Gebrauchtwagenhändler, Bürgermeister von Chesters Mill und Mann, der nur das Beste für seine Mitmenschen will, durchgeht alle menschlichen Tragödien, die man sich vorstellen kann in der Verfilmung des Steven King Romans „Under the Dome“. In über 40 Episoden muss der Arme - aber eigentlich gerissene Mann - sogar seinem zu einem extraterrestischen Zombie gewordenen Sohn das Messer setzen. Ganz so schlimm hat ihn das letztlich doch nicht mitgenommen: als Regierungsbeauftragter und Wissender der Tatsache, dass die Aliens heimlich unter uns sind, sitzt er opportunistisch denkend wieder an den Hebeln der Macht und bittet freundlich seine Besucher, die eigentlichen Helden, doch bitte die Teppiche in seinem neu bezogenen Büro mit Respekt zu betreten: „Den hier habe ich gerade vom türkischen Botschafter bekommen“.

Und der Bezug zur Oper? Andere Zeiten, andere Geschmäcker. Oder nicht? Lohnt sich der Aufwand? Auf Seiten der Schaffenden aber auch für die Rezipienten? Ist Oper überhaupt noch zeitgemäß?


Sturmhöhe (Originaltitel: Wuthering Heights) ist als einziger Roman der englischen Schriftstellerin Emily Brontë 1847 veröffentlicht worden. Der Roman  wurde seinerzeit vom viktorianischen Publikum weitgehend abgelehnt, gilt heute aber als Klassiker der britischen Romanliteratur des 19. Jahrhunderts. Die Autorin würde heute eher als originelle Bildungsbürger-Freischaffende durchgehen. Seinerzeit erschreckte ihre Persönlichkeit wohl eher gewisse gesellschaftliche Kreise.


Der Kinofilm-Musiker Bernard Herrmanns machte aus „Sturmhöhe, Wuthering Hights“ – auch Kate Bush machte sich übrigens den Titel in einem Song zu eigen - eine Oper, mit dem französischen Titel  "Les Hauts de Hurlevent". Und diesen beruflichen Hintergrund hört man. Wer kennt nicht die in Angst, Spannung und Erleichterung versetzenden Töne und Klangreihen, sie sind gewaltig und ergreifend. Schon vor Beginn der Aufführung wehten durch die Räume der schönen Oper in Nancy spukende Geräusche. Eine leicht angespannte Stimmung war dem Publikum anzumerken. Ob diese Kunst reicht, einzelne Stücke zu bekannten Titeln werden zu lassen? Man wird es sehen.

Bernard Herrmanns konnte leider nie sein Werk auf einer Bühne sehen. Die Opéra de Lorraine hat es, angereichert mit einem Prolog aus Lucille Fletchers Libretto, am 2. Mai in Frankreich an der Opéra National de Lorraine uraufgeführt. Unter der musikalischen Leitung von Jacques Lacombe, unter der Leitung von Orpha Phelan, erweckt diese neue Produktion das romantische Meisterwerk zu neuem Leben.
Der Komponist Herrmann ging auf Wunsch von Orson Welles 1939 nach Hollywood und komponierte zwei Jahre später die Musik von Citizen Kane. Dies war der Beginn der Karriere des Mannes, der zum größten Komponisten der Filmmusik werden sollte. 1955 lernte er Alfred Hitchcock kennen und komponierte die Musik für die meisten seiner Spielfilme. 1966 verließ er Hollywood und zog nach London. Dort traf er François Truffaut, dem er die Musik von „Fahrenheit 451“ (1966) und „La Mariée était en noir“ (1968) anbot. Weitere Filme, die er musikalisch unterlegte, waren unter anderem Martin Scorseses „Taxi Driver“ (1976).

Zu der eingangs gestellten Frage nach der Zeitgemäßheit solcher Aufführungen: Opern sind kein sterbendes Relikt aus vergangenen Jahrhunderten, das Ambiente aus Festlichkeit, Sinneseindrücken und Einmaligkeit bleiben weiterhin starke Elemente, die Menschen immer wieder in die Opernhäuser treiben. Befremdlich sind allerdings die doch recht konstruiert wirkenden Dramen und Spannungsfelder. Schauplätze des Romans sind der von der Familie Earnshaw bewirtschaftete Gutshof Wuthering Heights, der auf einer windgepeitschten Anhöhe der Hochmoore von Yorkshire liegt, und das feudalere, im fruchtbaren Tal gelegene Herrenhaus Thrushcross Grange, das der Familie Linton gehört. Die Geschichte dieser beiden Familien wird über drei Generationen hinweg erzählt.

Um die Geschichte kurz zu machen: das Findelkind Heathcliff  takes it all. Und Cathy muss leiden, eigentlich tun das alle in diesem Stück über drei Stunden hinweg – ohne Pause. Dies in Nancys Oper in einem ausgesprochen schönen Festraum. Die Oper selbst liegt an der prunkvoll prächtigen Place Stanislas und fasst etwa 400 Personen. Der englischsprachige Text wird auf Anzeigetafeln auf Französisch übersetzt. Die für 5 € zu erworbene Broschüre informiert nur in der Sprache der lothringischen Nachbarn. Ein deutschsprachiger Webseitenbereich wäre hilfreich, wird aber nicht geboten. Die Logenplätze liegen bei überschaubaren 35 € pro Person. Die Aufführung fand im Rahmen einer frankreichweiten Aktion „L’Opéra pour tous“ statt. Ob sie in anderen Städten zu sehen sein wird, war nicht zu erfahren. Die Medienzuständigen der Oper Nancy waren eher schmallippig.

Zurück zu Chesters Mill, dort bleibt zumindest die Ungewissheit, was in der Zukunft geschieht. Spannende Momente mit altgriechischem Tragödienhintergrund gibt es zuhauf: was geschieht, wenn sich alle unter einer Kuppel zurecht finden müssen bei schwindenden Ressourcen? Eine eher zeitgemäße Fragestellung.

Triviale Aspekte wie Kosten für beide Arten der Unterhaltung und Erbauung sind rasch dargestellt: Oper für zwei 70 € in einer Rotsamt-plüschig wenn auch engen Loge, Parken, Pausen-Snacks (und Klamotten richten mögen noch einige anmerken). Ein Streaming-Abo im Vergleich 15 € im Monat. In Medienhäusern gibt es immer noch die alte Garde der für „seriöse Unterhaltung“ zuständigen Redakteure. Sie werden ob dieses Vergleiches die Stirn runzeln. Jedem das Seine.

Eine kurze Videodokumentation der Aufführung finden Sie bei unseren Kolleginnen von szenik.eu.

Lesen Sie in dem Zusammenhang "Besuch der Stadt Nancy" unseren Reisebericht in frankfurtlive. Vorweg: die lothringische Stadt hat neben Prunk und Pracht, absolut Sehenswertes aus der Geschichte unserer Nachbarregion zu bieten. Nancy ist ein privilegiertes Ziel für einen City-Trip. Weitere Informationen in sozialen Netzwerken von cocorico trips.