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Letzte Aktualisierung: 18.04.2019

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Herr Akrami und die alten Feuerwehrschläuche

Wie ein Schneider aus einem ungewöhnlichen Stoff nützliche Dinge näht

von Anja Prechel, Hauptamt und Stadtmarketing

(12.04.2019) Herr Akrami träumt von Feuerwehrschläuchen. Vielen Feuerwehrschläuchen. Denn aus denen näht Herr Akrami Taschen, Schreibmappen, Handyhüllen, Federmäppchen und Portemonnaies. Was ihm mitunter gar nicht so leicht von der Hand geht, immerhin sind Feuerwehrschläuche dick, schwer und steif.

Nematullah Akrami im Secondhand-Kaufhaus Neufundland
Foto: Stadt Frankfurt / Bernd Kammerer
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Aber: Sie sind auch robust, wasserdicht, feuerfest, nahezu unkaputtbar und damit das perfekte Upcycling-Material. Das mag Herr Akrami. „Plastik macht die Welt kaputt. Wenn nur eins von 100 Dingen ein Upcycling-Produkt ist, ist das sehr gut“, findet er.

Herr Akrami, der mit Vornamen Nematullah heißt, ist 40 Jahre alt und Herrenschneider. 2014 kam er mit seiner Frau und seinen fünf Kindern aus Afghanistan nach Deutschland. Seit etwas mehr als einem Jahr arbeitet er im Secondhand-Kaufhaus Neufundland in Griesheim. Dort sitzt er im großen Raum links des Eingangs an der Rückwand. „Neues aus der Nähwerkstatt“ – ein DIN-A3-Druck in einem Bilderrahmen weist auf Herrn Akramis Refugium hin: zwei Nähmaschinen, Bügelbrett, Waschkörbe, Glasvitrinen mit seinen Kreationen, darauf Ständer mit Schlüsselbändern aus Stoff, Kleiderpuppen mit Röcken und Beuteln aus alten Jeans. Er arbeitet größtenteils mit gebrauchten Stoffen. Auch mit Werbeplakaten, aus denen er Taschen verschiedener Formen und Größen produziert. Aber am liebsten hat der die Feuerwehrschläuche.

Herr Akrami mag es, sich neue Dinge auszudenken
Und das kam so: Die Frankfurter Feuerwehr bedachte Neufundland mit einer Materialspende. Spinde, alte Jacken und – Schläuche. „Schau doch mal, was du aus denen machen kannst“, sagte Herr Akramis Chef Holger Schulz, ein ebenso begeisterter Upcycler wie sein Mitarbeiter – aus einer Altpapiertonne hat er einen Strandkorb gebaut, die man für 349 Euro im Neufundland kaufen. Also hat Herr Akrami nachgedacht. „Ich mag es sehr, mir etwas auszudenken“, sagt er und lächelt. Sein erstes Produkt war die Feuerwehrschlauch-Schreibmappe. An der sich seine Nähmaschine beinahe die Nadel ruiniert hätte. Zu dick und zäh das Material. „Wir brauchen eine stärkere Maschine“, sagte Herr Akrami seinen Vorgesetzten. Und bekam die Maschine.

Herr Akrami will seinen Kunden das Leben leichter machen
Bevor der Schneider die Schläuche überhaupt verarbeiten kann, müssen sie in die Wäsche. Ein Waschgang reicht – in einer starken Maschine, selbstverständlich. Dann trennt Herr Akrami die Schläuche mit einem Teppichmesser auf und setzt die einzelnen Teile zu neuen, großen zusammen. „Am liebsten mögen die Kunden es, wenn auf den Taschen oder Mappen Berufsfeuerwehr Frankfurt steht – aber die Schläuche sind immer nur an einer Stelle bedruckt“, erläutert er.

Etwa drei Würfe braucht Herr Akrami für einen Prototypen. Nach und nach verfeinert er seine Produkte. So hat die Umhängetasche inzwischen einen Reißverschluss und die Schreibmappe mehrere Einschubfächer. „Aus einem alten Plakatstoff“, betont der Schneider. Außer den Stoffbändern und Reißverschlüssen sei sämtliches Material gebraucht. Für die Tablet-Hüllen hat er sich an handelsüblichen Beispielen orientiert: Bänder an den Ecken, Klappfunktion – die Hülle dient dann als Ständer für das Tablet. Bei jedem Entwurf fragt er sich: Was brauchen die Kunden, damit ihr Leben leichter wird?

Herr Akrami braucht keine Pause
Herr Akrami stammt aus Mazar-e Sharif. Dort betrieb er eine eigene Herrenschneiderei. Er hat auch schon als Landschaftsgestalter für das afghanische Landwirtschaftsministerium gearbeitet, als Taekwondo-Lehrer und in einer Bäckerei. Dass er nun bei der GWR angestellt ist und wieder als Schneider tätig sein kann, empfindet er als großes Glück. Mach doch mal eine Pause, sagen seine Kollegen oft, wenn er hinter der surrenden Nähmaschine sitzt. „Brauche ich nicht. Meine Arbeit ist wie eine Pause“, sagt Herr Akrami dann. Die Schneiderwerkstatt ist noch jung, im Neufundland gibt es sie erst, seit Herr Akrami dort arbeitet. Natürlich hofft er, dass es sie noch viele Jahre geben wird.

„Ich liebe es, etwas Neues zu machen“, sagt Herr Akrami und lächelt. Einen Rucksack vielleicht, die Schnittmusterschablone dafür hat er bereits in der Schublade. Alles, was er dazu braucht sind noch mehr Feuerwehrschläuche.

Über Neufundland
Neufundland ist ein Secondhand-Warenhaus, betrieben von der GWR gemeinnützige Gesellschaft für Wiederverwendung und Recycling. Mit seinem Angebot vereint es wirtschaftliches und soziales Engagement. Jeder, der Möbel, Kleider, Haushaltswaren und Elektrogeräte ausrangieren möchte, kann sie bei Neufundland abgeben. Dort werden sie geprüft, auf Vordermann gebracht und für kleines Geld verkauft. Zudem bietet die GWR arbeitslosen Menschen zwischen 25 und 45 Jahren an, eine Ausbildung zu machen – fünf Berufe stehen zur Auswahl. Der „Frankfurter Weg zum Berufsabschluss“ hat die GWR gemeinsam mit der IHK, der Handwerkskammer und den Jobcentern entwickelt. (ffm)