Das Online-Gesellschaftsmagazin aus Frankfurt am Main

Letzte Aktualisierung: 21.09.2018

Werbung
Werbung

Festival des deutschen Films erneut mit großer Resonanz

Dieser Artikel wurde eingestellt von Michael Hörskens

(14.09.2018) Nach 19 Tagen mit über 70 Filmen in 291 Vorstellungen ist das 14. Festival des deutschen Films in Ludwigshafen zu Ende gegangen. 115 000 Besucher sind in diesem Jahr zur idyllischen Zeltstadt auf der Parkinsel am Rhein gekommen. Damit wurde der Status als zweitgrößtes Filmfestival in Deutschland – bezogen auf die Besucherzahlen - gefestigt.

Idyllischer Festivalort: Die Parkinsel in Ludwigshafen, direkt am Rhein gelegen. Viele Filmgespräche stießen auf große Resonanz des Publikums, eine Reihe von Schauspielerinnen und Schauspielern wie Leslie Malton, Johann von Bülow, Joachim Król oder Dominik Raacke stellte sich den Fragen.
Foto: Hörskens
***

Zahlreiche Preise wurden vergeben, auch Hessen war hier vertreten: Ausgezeichnet wurden der Streifen „Frankfurt, Dezember 17“ und ein Tatort. Eines hat sich deutlich gezeigt: Man muss längst nicht mehr ehrfürchtig nach Hollywood schauen. Die meisten Filme haben ein unglaublich hohes Niveau erreicht, dazu konnten die Zuschauer feststellen, dass Deutschland inzwischen über eine Vielzahl erstklassiger Schauspielerinnen und Schauspieler, Regisseurinnen und Regisseure oder Drehbuchautorinnen und -autoren verfügt. Die Film-Fans erlebten großes Kino. 

Die Filmschaffenden kommen inzwischen liebend gerne nach Ludwigshafen zum Festival. So waren dieses Jahr 377 Branchenvertreter zu Gast, 21 Regisseurinnen und Regisseure, 65 Schauspielerinnen und Schauspieler, 197 Produzenten, Redakteure des Fernsehens und andere sowie 94 Pressevertreter. Unter den Schauspielerinnen und Schauspielern, die über den roten Teppich flanierten, waren Iris Berben, Leslie Malton, Christian Redl, Hans-Jochen Wagner, Wolfram Koch, Dominic Raacke, Joachim Król, Johann von Bülow, Francis Fulton-Smith, Richy Müller oder Alice Dwyer. „Die Mehrheit unserer Festivalgäste ist nicht nur gerne hier, sondern schwärmt noch lange von der Intensität ihres Festivalbesuchs“, so Festivaldirektor Dr. Michael Kötz über das Geheimnis des Erfolges. „Wir sind ein Filmfestival der besonderen Art, ein Fest der Filme und der Lebensfreude, der herzlichen Begegnungen und Umarmungen, des Lachens und des Staunens geworden – und das nicht nur für über 100 000 Menschen aus Ludwigshafen und der gesamten Metropolregion Rhein-Neckar, sondern auch für viele Hundert Fachbesucher. Auch sie – angereist aus allen Städten Deutschlands – lieben dieses Filmfestival.

Zu den Highlights des 14. Festival des deutschen Films in Ludwigshafen zählten die Preisverleihungen, etwa für Schauspielkunst an Iris Berben und die Preisverleihung des neu geschaffenen Regiepreises Ludwigshafen an Hans Weingartner. Die Auszeichnung für

Iris Berben erlebten über 2400 Gästen aus Politik, Wirtschaft und Kultur – darunter Julia Klöckner, Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft. Im Anschluss wurde der Film „Hanne“ von Regisseur Dominik Graf gezeigt. Berben war begeistert von der einzigartigen Atmosphäre auf der Parkinsel. „Höllengut“ sei das Festival, so etwas habe sie noch nicht erlebt. Und sie nutzte die Bühne für ein kraftvolles Statement für die Freiheit der Kunst und Demokratie.

„Film – eine von zahlreichen Kunstformen – Filmkultur eines jeden Landes gehört unterstützt und geschützt. Kultur ist stark. Kultur ist zart. Sie ist Ausdruck von Gefühlen. Werten, von Erfahrungen und von Wissen. Sie öffnet uns verschiedene Welten. Unbekanntes Land, das wir ohne sie vielleicht nie betreten hätten. Kultur hilft neugierig, offen und wach zu bleiben.

Politischer Machtmissbrauch jedoch gehört zu oft und in vielen Ländern immer noch, oder plötzlich wieder, zur Tagesordnung. Dagegen müssen wir uns wehren“, so Iris Berben in ihrer Dankesrede.

Den Preis für Schauspielkunst haben bereits viele Akteure mit großem Namen erhalten. Dazu zählen Mario Adorf, Bruno Ganz, Klaus Maria Brandauer, Ulrich Tukur, Hannelore Elsner, Corinna Harfouch, Martina Gedeck, Anna Loos und Jan Josef Liefers.

Der Medienkulturpreis  ging nach Hessen, und zwar an den Streifen „Frankfurt, Dezember 17“ von Regisseurin Petra K. Wagner und der Fernsehspielredaktion des Hessischen Rundfunks unter der Leitung von Liane Jessen und die Redakteurin Lilli Kobbe.

Begründung der Jury lautete: „Der Fernsehfilm ist auf vielfache Weise außergewöhnlich. Er besitzt die herausragende ästhetische Qualität eines klassischen Kinofilms. Visuell eindringlich, erzählt er von Einsamkeit und Kälte in unserer Gesellschaft. Zugleich aber auch vom Mut Einzelner, der allgemeinen menschlichen Verrohung zu widerstehen oder sich ihr zu entziehen. Gelegentlich durchbricht der Film das atmosphärisch dichte fiktionale Netz und die Hauptfiguren richten sich fragend an uns, die ihnen bei ihrem Lebenskampf zuschauen. Der Drehbuchautorin und Regisseurin ist mit drei Handlungssträngen, die synchron erzählt werden, ein facettenreiches Kaleidoskop in den Hochhauswelten des modernen Frankfurt am Main gelungen. Dabei steht die prekäre Situation von Obdachlosen im Mittelpunkt.

Außergewöhnlich an dem Film „Freitag, Dezember 17“ ist aber nicht nur der Film selbst, sondern ebenso, dass er überhaupt zustande kam.“

Weiterhin  befanden die Juroren: „Das ist das Verdienst der Fernsehspielredaktion des Hessischen Rundfunks und dort der Redakteurin Lilli Kobbe unter der Leitung Liane Jessens. Sie und ihre Fernsehredaktion war so souverän, abweichend von den allzu gewöhnlichen Gewohnheiten der Fernsehproduktionen, mit Entschiedenheit und Mut für die künstlerische Freiheit der Autorenfilmerin und ihres außerordentlichen Fernsehfilms im Hauptprogramm gesorgt zu haben.“ 

Die Zusammenarbeit mit der Fernsehspielredaktion des Hessischen Rundfunks unter der Leitung von Liane Jessen und die Redakteurin Lilli Kobbe sei „stress- und angstfrei“, sagte Regisseurin Petra W. Wagner anlässlich der Preisverleihung. „Nur unter diesem Klima können diese Filme entstehen.“

Und noch einmal Hessen: Der Filmkunstpreis des 14. Festivals des deutschen Films in Ludwigshafen ging an den Tatort „Murot und das Murmeltier“ von Regisseur Dietrich Brüggemann. Wieder ermittelt in der Produktion des Hessischen Rundfunks Ulrich Tukur als Kommissar des LKA Wiesbaden. Mit dem Publikumspreis „Rheingold“ geht wurde der Regisseur Hans Weingartner für seinen aktuellen Film „303“ ausgezeichnet. „Das ist das geilste Festival der Welt“, so Hans Weingartner, Preisträger des Ludwigshafener Publikumspreises 2018. Mit dieser Aussage steht er nicht allein. Denn schon die Frankfurter Allgemeine Zeitung hatte vor Jahren ähnlich geschwärmt: „Das schönste Filmfestival Deutschlands.“

Doch nicht nur die prämierten Filme begeisterten die Besucher. Auch viele andere Produktionen zeigten eine große Bandbreite mit  hohem Niveau. „Simpel“ von Regisseur Markus Goller beispielsweise ist eine Geschichte, die unter die Haut geht. Es geht um einen Menschen mit Handicap, der nach dem Tod der Mutter in ein Heim soll. Sein Bruder will dies verhindern und flieht zusammen mit ihm nach Hamburg. Dabei kommt es zu einigen Turbulenzen und teilweise auch einer gewissen Komik. Der Streifen ist überaus sensibel produziert und gespielt, vor allem Simpel-Darsteller David Kross verkörpert grandios seine Rolle. Der Streifen ist ein eindringlicher Appell, dass auch Menschen mit Behinderung eine Würde haben.

In „Rufmord“ werden die Tücken und Risiken der Informationstechnologien und die damit verbundene Mobbing-Gefahr thematisiert. Von der jungen Lehrerin (großartig dargestellt von Rosalie Thomass) kursieren eines Tages Nacktfotos im Netz. Nach dem kompromittierenden Ereignis muss sie nicht nur die Entrüstung aufgebrachter Eltern ertragen, sondern sieht sich auch mit Spott und Denunziation im Internet konfrontiert. Sie wehrt sich, erstattet Anzeige, aber es gibt keinen Ausweg aus der eskalierenden Situation. Nichts ist, wie es mal war. Eine Tages verschwindet die Lehrerin anscheinend spurlos. Blut in ihrer Wohnung lässt Schlimmstes vermuten. War es nicht nur Rufmord?

Zum Brüllen komisch ist der Streifen „Endlich Witwer“. Nach dem Tod seiner Ehefrau beginnt für den Gatten Georg ein neues Leben. Das antiquierte Mobiliar wird radikal entsorgt, er kann endlich sein Bier im Kühlschrank lagern und seiner verblichenen Gattin lässt der Inhaber einer Firma für Kunstrasen recht unromantisch einen solchen auf Grab verlegen. Joachim Król glänzt dabei als Hauptdarsteller mit einer klasse gespielten Schnodderigkeit und spontanem, teils derbem Witz.

Sehr erfreulich war die Entwicklung des „Kinderfilmfest“ mit dem Highlight „Nils Nager Preis“. Dieser wird gemeinsam mit der Tageszeitung „Die Rheinpfalz“ von einer Kinderjury verliehen. „Ganz früh am Tag, nämlich morgens um Zehn gab es eine unglaubliche Anzahl von Kindern, die in die neuen Kinderfilme strömten und danach in bester Kinderlaune wieder zurück in die Schule gingen“, erklärte Festivaldirektor Dr. Michael Kötz. Fast 9000 Kinder und Begleitpersonen waren erschienen. „Ein Lob all den Lehrerinnen und Lehrern, denen es Wert ist, sogar von weiter weg mit Bus und Bahn heranzufahren, um den Kindern für ihr Leben den Horizont zu öffnen dafür, dass Filme auf der großen Leinwand in einem großen Kino gemeinsam etwas fundamental Anderes sind als auf dem Bildschirm oder gar Handy-Display daheim. Das ist nicht selbstverständlich“, so Kötz.

Den diesjährigen Nils Nager Preis bekam „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ von Regisseur Dennis Gansel. Die Begründung der Kinderjury: Der „Gewinnerfilm vereint alle Eigenschaften, die einen guten Kindefilm ausmachen“, befand man. Und weiter: „Spannung, Witz, Emotionen, ein Happy End, sehr gute Schauspieler, coole Effekte, sehr überzeugende Landschaften – kurz eine bunte und unterhaltsame Mischung aus Fantasie, Abenteuer und Humor in einer sehr aufwändigen Produktion, der man anmerkt, dass der Film mit viel Leidenschaft gedreht wurde.“