Das Online-Gesellschaftsmagazin aus Frankfurt am Main

Letzte Aktualisierung: 18.10.2019

Werbung

,Es wäre schön, wenn die Bürger ihre Stadt gestalten‘

Streetart-Künstler Justus Becker im Interview

von Mirco Overländer

(17.09.2019) Der Frankfurter Streetart-Künstler Justus Becker alias COR ist Teil der Delegation, die derzeit in Frankfurts Partnerstadt Toronto weilt. Im Interview mit Mirco Overländer sprach Becker über seine Kunst, die Unterschiede zwischen deutscher und kanadischer Streetart, sowie seine Motivation, seine Kunst in alle Welt zu tragen.

Streetart-Künstler Justus Becker
Foto: Stadt Frankfurt / Stefan Maurer
***

Herr Becker, wie kommt es, dass Sie als Teil einer Frankfurter Delegation um Oberbürgermeister Peter Feldmann nach Toronto reisen?
JUSTUS BECKER: Ich bin schon öfter im städtischen Auftrag in Frankfurts Partnerstädte gereist und habe an solchen Austauschen teilgenommen. 2018 waren wir in Yokohama, wo ich an der dortigen Universität ein Wandbild gestalten durfte. Das ist immer eine sehr schöne Sache, weil dadurch etwas Bleibendes entsteht, sowohl im bildlichen, als auch im zwischenmenschlichen Sinne.

Auch in Toronto greifen Sie zur Sprühdose. Was wird in der kanadischen Metropole von Ihrem Aufenthalt übrig bleiben?
BECKER: Ich habe ziemlich viele Entwürfe gemacht und den Vertretern von Frankfurt und Toronto vorgelegt. Diese haben sich für ein Motiv entschieden, auf dem man ein Gesicht in abstrakten Farben sieht, in dessen Sonnenbrille sich die Skylines beider Städte spiegeln. Das Bild ist 6 Meter breit, 26 Meter hoch und entsteht an einer Fassade in der Yonge Street. Ich arbeite bereits seit fünf Tagen daran. Wenn das Bild fertig ist, werde ich rund 200 Dosen und 100 Arbeitsstunden darin investiert haben.

Das ist aber nicht der einzige Zweck Ihres Aufenthalts in Toronto, oder?
BECKER: Nein. Nächstes Jahr kommt der Streetart-Künstler „Bacon“ anlässlich der Buchmesse aus Toronto nach Frankfurt, um hier ein zu Bild sprühen. Für mich ist der allergrößte Vorteil, meine Kunst mit Reisen zu verbinden und zugleich jene, die mich in ihrer Heimatstadt so freundlich aufnehmen, in Frankfurt als Gastgeber empfangen zu dürfen.

Wie würden Sie als Graffiti-Künstler die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Streetart-Szene von Frankfurt und Toronto Szene beschreiben?
BECKER: Toronto ist zunächst viel größer als Frankfurt. Dementsprechend größer ist auch der Raum für legale Streetart. In dieser Stadt kümmern sich vier oder fünf Angestellte allein darum, Sprayern und Künstlern legale Flächen für ihre Kunst bereitzustellen. Es gibt natürlich auch Vandalismus, aber die Masse an Qualität ist einfach sehr groß. Selbiges würde ich mir für die Szene in Frankfurt wünschen: Es wäre schön, wenn es hier noch mehr Projekte gibt und auch sich auch mehr Bürger, unabhängig von uns Künstlern, anschicken würden, die Stadt zu designen und zu gestalten. Wie gut das bei den Menschen ankommt, hat man ja am EZB-Bauzaun gesehen, wo sich viele Künstler mit temporären Werken kritisch mit der Stadt und dem Kapitalismus auseinandergesetzt haben.

Was bedeutet es für Sie, als Teil einer offiziellen Delegation Frankfurts Partnerstädte bereisen zu dürfen?
BECKER: Das ist schon eine coole Sache, dass ich im Auftrag der Stadt dabei sein kann. Ich denke aber zugleich, dass es für uns Frankfurter eine noch viel größere Bereicherung ist, wenn Künstler aus anderen Städten nach hierher kommen und hier sprühen. So etwas verbindet natürlich. Zumal Frankfurt und Toronto durchaus ihre Gemeinsamkeiten haben. Da wären die Internationalität und der Umstand, dass beide Städte durch sehr viele verschiedene Kulturen geprägt sind. Auch ist Kanada gerade im Vergleich zu den USA durchaus etwas europäischer und deutscher. Der Business-Distrikt sieht zwar aus wie Manhattan, ist aber doch zugänglicher und in gewisser Weise etwas deutscher als das kommerzielle Zentrum von New York.

Ein ausführliches Porträt über Justus Becker und seine Arbeit ist unter https://www.frankfurt.de/sixcms/detail.php?id=2855&_ffmpar[_id_inhalt]=33440996 zu finden. (ffm)