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Letzte Aktualisierung: 18.10.2019

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Demokratie im Wandel der Zeiten

„Das Volk regiert sich selbst“ – wie es dazu kam

von Dr. Theodor Kissel, Sörgenloch

(02.07.2019) In Europa ist es heute selbstverständlich, dass das Volk die Politik bestimmt. Erfunden wurde die Regierungsform vor 2500 Jahren, als die Athener ein neues Herrschaftsprinzip erprobten, das den Bürger zum Teilhaber und Mitgestalter der Gemeinschaft machte. Dazu ist jetzt ein hochinteressantes Buch erschienen.

Foto: Wbg Darmstadt
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Klaus Bringmann, von 1981 bis zu seiner Emeritierung im Jahre 2000 Ordinarius für Alte Geschichte an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, beleuchtet in seinem Buch „Das Volk regiert sich selbst – eine Geschichte der Demokratie“ die Ursprünge der athenischen Demokratie und zeigt ihren grundlegenden Unterschied zu heutigen Systemen auf.

Anschaulich, fundiert und auf der Höhe der Forschung skizziert der Autor im ersten Teil des Buches die gesellschaftliche und politische Ordnung im alten Athen, wo man die Herrschaft des Volkes als politische Ordnung institutionell verankerte. Bringmann beschränkt sich in seiner Darstellung nicht nur auf die historischen Abläufe, sondern wirft einen Blick in das Innenleben des griechischen Bürgerstaats, erläutert die Einteilung der Bürgerschaft in genossenschaftliche Basisverbände (Phylen, Phratrien, Demen) sowie die Entstehung staatlicher Institutionen (Volksversammlung, Rat, Magistrate).

Die Grundprinzipien dieser Ordnung werden vom Autor ebenso überzeugend herausgearbeitet, wie die Institution der asylia, die Fremde vor Gewaltanwendung staatlich schützte, oder die Drakonischen Gesetze, die Selbstjustiz zugunsten des staatlichen Gewaltmonopols zurückdrängten. Beides sind bahnbrechende zivilisatorische Errungenschaften, die noch heute unsere abendländische Kultur prägen.

Im zweiten Teil des Buches, in dem sich Bringmann der Entwicklung der modernen Demokratien in Europa und Amerika widmet, wird die Entstehung der Idee und Praxis über die Frühe Neuzeit, die Aufklärung, die Geburt der ersten wirklichen Demokratie in den jungen Vereinigten Staaten bis heute beleuchtet, Stärken und Schwächen diskutiert und die Unterschiede zur athenischen Demokratie erläutert.

So besaß im alten Athen nur ein exklusiver Kreis von Vollbürgern das Wahlrecht. Davon ausgenommen waren Frauen, Sklaven und Fremde). Ferner gab es am Fuße der Akropolis weder Gewaltenteilung, Menschenrechte noch Rechtsstaat. Und: Die attische Demokratie wurde damals beileibe nicht so positiv gesehen wie heute.

Denker wie Sokrates, Platon und Aristoteles konnten einer Regierungsform, die den Ungebildeten und Besitzlosen gleiche Rechte zugestand, wenig abgewinnen. Sie befürchteten, dass ein rhetorisch versierter Demagoge das Volk manipulieren könnte. Bringmann zitiert ausgiebig aus den Quellen, lässt Populisten wie Perikles und Kleon zu Wort kommen − manches liest sich wie ein Kommentar zu heutigen Entwicklungen.

Auch in der Neuzeit äußerte man Bedenken gegenüber dem Experiment im alten Athen. Kant stand der Demokratie reserviert gegenüber, ebenso Montesquieu, der erstmals die Gewaltenteilung und die Form der repräsentativen Demokratie propagierte. Einzig Rousseau, Vater der volontée generale, konnte der direkten Demokratie etwas Positives abgewinnen.

Bringmann zeichnet detailliert und anschaulich nach, wie unterschiedlich sich die Demokratie in Europa und den Vereinigten Staaten entwickelte. In jedem Land fand die »Volksherrschaft« andere Voraussetzungen für den Übergang der Macht der privilegierten Stände an das breite Volk. Erst allmählich wurde das Zensuswahlrecht, das nur den wohlhabenden Bürgern eines Landes das Wahlrecht zuerkannte, abgeschafft. Und nur langsam wurden die Institutionen geschaffen, ohne die ein moderner Rechtsstaat nicht denkbar ist: politische Parteien, ein professionelles Beamtentum, eine verbindliche Rechtsprechung.

Leider versäumt es der Althistoriker, seine Erkenntnisse auf die Gegenwart zu übertragen, was vor dem Hintergrund der aktuellen Krise der Demokratie äußerst erhellend gewesen wäre. Ein Wermutstropfen, der die insgesamt positive Beurteilung des Buches keineswegs schmälert. Mit seiner Geschichte der Demokratie hat der Frankfurter Emeritus einen wichtigen Beitrag für das Verständnis der gegenwärtigen Debatten geleistet, der unser politisches Bewusstsein im Zeitalter von Fake News schärft.

(Klaus Bringmann: Das Volk regiert sich selbst. Eine Geschichte der Demokratie. Wbg Darmstadt, 2019, 336 S., 25,00 €.ISBN 978-3-8062-3872-3.)