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Letzte Aktualisierung: 20.09.2019

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Ausstellung im Deutschen Architektur Museum: Paulskirche - Ein Denkmal unter Druck

Oberbürgermeister Feldmann: ‚Ich bin den Machern sehr dankbar‘

von Ilse Romahn

(06.09.2019) Die Paulskirche ist ein bedeutendes Baudenkmal der unmittelbaren Nachkriegszeit. Symbolisch wurde mit ihr auch die deutsche Demokratie wieder aufgebaut. Der Innenraum des bis auf die Aussenmauern zerstörten Gebäudes wurde in einer demütigen Formensprache völlig neu errichtet.

Bildergalerie
DAM-Direktor Peter Cachola Schmal und Oberbürgermeister Peter Feldmann beim Rundgang in der Ausstellung „Paulskirche - Ein Denkmal unter Druck“
Foto: Stadt Frankfurt / Rainer Rüffer
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Ausstellung im DAM „Paulskirche - Ein Denkmal unter Druck“
Foto: Stadt Frankfurt / Rainer Rüffer
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Dieser Hybrid aus Ruine und Neubau erschließt sich heute nicht mehr auf den ersten Blick. Nachträgliche Umbauten haben weitere Zeitschichten hinzugefügt. Doch ist es gerade dieses Nebeneinander, das die Paulskirche zu einem einzigartigen Zeugnis der deutschen Demokratiegeschichte macht. Es lohnt daher ein genauer Blick auf die architektonischen Spuren.

In der Hoffnung auf Frankfurt als neue deutsche Hauptstadt wurde 1947/48 die kriegszerstörte Paulskirche als potenzieller Parlamentssitz wieder aufgebaut. Für diese Bauaufgabe von nationaler Bedeutung wurde eigens eine „Planungsgemeinschaft Paulskirche“ einberufen, der neben dem bedeutenden Kirchenbaumeister Rudolf Schwarz auch dessen ehemaliger Mitarbeiter Johannes Krahn, der Gewinner eines frühen Wettbewerbs Gottlob Schaupp sowie Stadtbaurat Eugen Blanck angehörten. Sie wollten „ein Bild des schweren Weges geben, den unser Volk in dieser seiner bittersten Stunde zu gehen hat“ und schufen einen bewusst nüchternen Raum, der für den demokratischen Neubeginn steht. Inzwischen ist die Paulskirche ein Festsaal, von dem bundesweite Debatten ausgehen. Als Ort von Veranstaltungen wie dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels schreibt sie ihre politische Geschichte fort, die in der Nationalversammlung 1848/49 ihren Anfang genommen hatte. Die architektonische Qualität des Bauwerks ist bisher selten gewürdigt worden.

Derzeit gerät die Paulskirche in den Fokus, da ihre Haustechnik in Kürze saniert werden muss. Dabei kommt auch die seit jeher schwelende Diskussion über den Umgang mit der Wiederaufbaulösung wieder auf, begleitet auch von Rufen nach der Rekonstruktion eines Vorkriegszustandes. In den 1960er- und 1980er-Jahren waren aus ähnlichen Debatten bereits einige – den Gesamteindruck trübende oder ergänzende – Umbauten resultiert.

Über die Ausstellung
Die Ausstellung schildert die Baugeschichte der Paulskirche von 1786 bis in die Gegenwart entlang der jeweiligen gesellschaftlichen Strömungen. Denn gestern wie heute versuchten politische Akteure die Paulskirche für ihre Agenda zu nutzen.

Ziel des gemeinsamen Projektes von DAM und Wüstenrot Stiftung ist es, das Verständnis für den bestehenden Paulskirchenbau zu verbessern und den Blick auf die Hintergründe der ursprünglichen Entwurfshaltung zu schärfen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erklärte die Zukunft der Paulskirche in der Zeit zur nationalen Aufgabe und wünscht sich einen „authentische[n] Ort, der an Revolution, Parlamentarismus und Grundrechte nicht nur museal erinnert, sondern zu einem Erlebnisort wird“.

Die Ausstellung versteht sich als Beitrag zum Dialog über die Zukunft der Paulskirche, der in diesem Sommer angestoßen wurde. Während die Stadt ein künftiges Demokratiezentrum in der Nachbarschaft zum Demokratieort Paulskirche plant und gemeinsam mit dem Architekturbüro AS+P Albert Speer + Partner über das “qualifizierte Verwerfen” einer historischen Rekonstruktion der Paulskirche diskutiert, möchte das DAM Aufklärungsarbeit leisten. Daher beschränkt sich die Ausstellung nicht allein auf Historisches der Vor- und Nachkriegszeit, sondern lässt auch unterschiedliche aktuelle Positionen zu Wort kommen. Die Besucher sind eingeladen, diese um ihre eigenen Überlegungen zu ergänzen.

Die Sammlung des DAM enthält den umfangreichen Nachlass des beteiligten Architekten Johannes Krahn. Diese Quelle ermöglichte es unter anderem, dem rätselhaften Turmzimmer („Präsidentenzimmer“) auf den Grund zu gehen, in dem die wechselvolle Geschichte des Baus kulminiert. Der Architekturfotograf Moritz Bernoully erstellte einen Fotoessay über den aktuellen Zustand des Gebäudes. Darüber hinaus werden zahlreiche historische Bilder gezeigt.

Maximilian Liesner und Philipp Sturm, die Kuratoren der Ausstellung: „In der aktuellen Debatte um die Sanierung der Paulskirche werden Klagen laut, der Eingangsbereich sei so düster und der Festsaal so karg. Hier erscheint uns Aufklärung wichtig, denn der Nachkriegsbau erzählt eine politische Geschichte. Eine Geschichte, die zurück in die Köpfe muss und die in der Ausstellung erfahrbar wird.“

Oberbürgermeister Peter Feldmann: „Mit der Paulskirche steht in Frankfurt die Wiege der Deutschen Demokratie, ein starkes Symbol, das aber von der Öffentlichkeit eher stiefmütterlich behandelt wird. Wir wollen das ändern und aus der Paulskirche einen lebendigen Demokratieort für Alle machen. Über das Wie ist zu diskutieren. Wer bei dieser Debatte mitreden möchte, der braucht fundiertes Wissen über die politische Geschichte der Paulskirche. Die Ausstellung liefert dieses Wissen. Dafür bin ich ihren Machern sehr dankbar.“

Philip Kurz, Wüstenrot Stiftung: „Die Paulskirche ist der Erinnerungsort für den Beginn aber auch für die wechselvolle Geschichte unserer Demokratie. Sicher eines der wertvollsten Bauwerke, die wir in Deutschland haben. Seit 70 Jahren ist die Paulskirche aber auch Denkmal eines modernen Wiederaufbaus aus der Ruine des 2. Weltkriegs, das zum positiven Bild der jungen Bundesrepublik international beigetragen hat. Die Ausstellung soll den Wert der geschichtlich geprägten Substanz der Paulskirche hervorheben und damit Grundlagen für eine anstehende Sanierung bieten.“

Ausstellungsgestaltung
Die Ausstellungsarchitektur der Agentur Feigenbaumpunkt überträgt die prägenden Achsen der Paulskirche auf den Ausstellungsraum im DAM. So entstehen Wandschrägen, die auf abstrakte Weise die Paulskirche zitieren. Die Farben Gelb und Schwarz verdeutlichen das Licht und die Dunkelheit, die das Bauwerk im Laufe seiner Geschichte umgaben. In der Ausstellung erzeugen sie zudem eine Warnfarben-Kombination – ein Denkmal in Gefahr. Die schrägen, gelben Flächen stehen für den Lichteinfall in hellen, aber auch ein Hinausleuchten in dunklen Zeiten.

Die Ausstellung läuft vom 7. September bis 16. Februar 2020 im Deutschen Architekturmuseum, Schaumainkai 43. Am Freitag, 6. September, um 19 Uhr wird die Ausstellung eröffnet. Führungen finden jeweils samstags und sonntags um 14 Uhr mit Yorck Förster statt. (ffm)