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Letzte Aktualisierung: 30.09.2020

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Zwischenbilanz zur Suizidprävention

von Ilse Romahn

(10.09.2020) Anlässlich des Welttags der Suizidprävention am Donnerstag, 10. September, stellt das vom Bundesministerium für Gesundheit geförderte Frankfurter Projekt zur Prävention von Suiziden mittels Evidenz-basierter Maßnahmen (FraPPE) erste Zwischenergebnisse vor und zeigt weiteren Handlungsbedarf auf.

FraPPE untersucht die Effektivität verschiedener suizidpräventiver Interventionen: Entstigmatisierungs- und Awarenessmaßnahmen, Schulung sogenannter „Gatekeeper“, Stärkung der Vernetzung sowie Fortbildungs- und Postventionsangebote in den psychiatrischen Kliniken. Ziel des Maßnahmenpaketes ist die Senkung von Suiziden und Suizidversuchen innerhalb der dreijährigen Projektlaufzeit.

Als Baseline dient die Suizidrate, die seit 2014 vom Frankfurter Netzwerk für Suizidprävention (FRANS) ermittelt wird. Dazu werden im Gesundheitsamt die Leichenschauscheine ausgewertet. In den Jahren 2014 bis 2018 lag die Suizidrate mit durchschnittlich 12,03 Suiziden pro 100.000 Einwohnern etwas über der bundesdeutschen Suizidrate von durchschnittlich 11,8 Suiziden pro 100.000 Einwohnern. Das lässt sich vor allem dadurch erklären, dass etwa 20 Prozent der Suizide im Stadtgebiet von Menschen begangen wurden, die nicht in Frankfurt gemeldet waren. Gründe dafür sind wohl das große „Einzugsgebiet“ Rhein Main mit mehr als 300.000 Pendlern täglich, die zahlreichen Menschen ohne festen Wohnsitz im Stadtgebiet sowie der Flughafen und der Bahnhof, die als zentrales Drehkreuz in Deutschland große Passagierzahlen abfertigen.

Im Jahr 2019 sank die durch die Auswertung der Leichenschauscheine im Gesundheitsamt erfasste Suizidrate auf 11,86 pro 100.000 Frankfurterinnen und Frankfurter. Durch den im Rahmen des Forschungsprojekts stattfindenden Abgleich der Daten mit den vom Institut für Rechtsmedizin untersuchten Suizidfällen konnte allerdings eine Dunkelziffer von etwa 10 Prozent ermittelt werden. Daraus lässt sich schließen, dass bisher wahrscheinlich nur etwa 90 Prozent aller Suizide statistisch erfasst wurden.

Besonders interessant ist die Entwicklung der Suizidrate unter Pandemiebedingungen: In den Monaten Januar bis Juli gab es in Frankfurt im Vergleich zum Vorjahreszeitraum einen Rückgang der absoluten Zahl der Suizide um 30 Prozent. Da es für 2020 noch keine bundesweiten Vergleichszahlen gibt, kann auch noch keine Aussage darüber getroffen werden, ob es sich beim Rückgang der Suizidzahlen um einen (evtl. coronabedingten) bundesweiten oder einen regionalen Trend handelt, der auf die FraPPE-Interventionen zurückzuführen ist.

Abgesehen vom primären Projektziel – der Senkung der Zahl der Suizide – strebt FraPPE auch die Senkung der Suizidversuche an. Im Vergleich zu der auf WHO-Schätzungen basierenden erwarteten Zahl der Suizidversuche in Frankfurt wird aber nur etwa ein Viertel der Betroffenen im Anschluss an einen Suizidversuch in einer der psychiatrischen Kliniken vorgestellt. Da im Rahmen von FraPPE nur diese Suizidversuche erfasst werden, können über die tatsächliche Zahl der Suizidversuche im Stadtgebiet keine Angaben gemacht werden. Es lässt sich lediglich zeigen, dass nach einer entsprechenden Aufklärungskampagne mit begleitenden Schulungen im Jahr 2019 mehr Menschen nach einem Suizidversuch in einer der psychiatrischen Kliniken behandelt wurden, während der Anteil im ersten Halbjahr 2020 wieder rückläufig ist. Das ist am Ehesten mit dem restriktiveren Umgang bei stationären Aufnahmen während der Pandemie erklärbar.

Bundesweit nehmen sich immer noch etwa 10.000 Menschen das Leben. Darauf verweisen anlässlich des Welttags der Suizidprävention am 10. September die projektverantwortliche Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Frankfurt gemeinsam mit dem Gesundheitsamt Frankfurt am Main, das das Frankfurter Netzwerk für Suizidprävention (FRANS) koordiniert. Um die Zahl suizidaler Handlungen im Stadtgebiet weiter zu senken, setzten sie sich dafür ein, dass die im Rahmen von FraPPE etablierten Angebote auch über das Ende der Projektlaufzeit (Dezember 2020) hinaus weitergeführt bzw. sogar noch ausgebaut werden: 
• Die Hotline-Nummer (069/63013113), unter der im Notfall rund um die Uhr eine der psychiatrischen Kliniken der Stadt erreichbar ist, wurde in den vergangenen Monaten breit beworben. Betroffene sollen in Krisensituationen unter der kommunizierten Nummer auch weiterhin schnell und niedrigschwellig Hilfe erhalten.

• Die gut untersuchte und validierte Kurztherapie nach Suizidversuch (Attempted Suicide Short Intervention Program, ASSIP), die im Rahmen von FraPPE in den psychiatrischen Kliniken zusätzlich etabliert wurde, soll möglichst weiter angeboten werden. Sie befähigt Menschen nach einem Suizidversuch, suizidale Impulse nicht in die Tat umzusetzen.

• Die Infoabende für Angehörige von Menschen, die einen Suizidversuch unternommen haben, sowie verschiedene Fortbildungsangebote sollen in Zukunft durch FRANS und das lokale Bündnis gegen Depression durchgeführt werden. Außerdem will FRANS die etablierten bevölkerungsbasierten Präventionsmaßnahmen (Antistigma- und Awareness-Maßnahmen, Schulung sogenannter Gatekeeper sowie Vernetzung) fortführen.

• Der Abgleich der Daten zwischen Gesundheitsamt und dem Institut für Rechtsmedizin soll weiterhin erfolgen, um die Zahl der Suizide möglichst exakt abzubilden und auf aktuelle Entwicklungen schnell reagieren zu können. Es ist wünschenswert, dass die Leichenschau in Frankfurt weiterhin vom Institut für Rechtsmedizin durchgeführt wird und Mitarbeitende von dort bei vollendeten Suiziden zum Leichenfundort gerufen werden. (ffm)