Zwischen Intimität und intellektueller Klarheit: „Bach im Fluss“ im Casals Forum
Im Rahmen von „Bach im Fluss“, einer Reihe der Frankfurter Bachkonzerte e. V. in Kooperation mit der Kronberg Academy, widmeten sich der Cembalist Andreas Staier und der Geiger Seiji Okamoto am 9.4.26 ganz dem Kosmos von Johann Sebastian Bach – und fanden dabei zu einer Interpretation, die ebenso analytisch durchdrungen wie sinnlich erfahrbar war. Es war ein Programm von äußerster Konzentration, fast asketisch in seiner Beschränkung und gerade darin von besonderer Strahlkraft.
Schon der Ort selbst prägte den Abend entscheidend. Das 2022 eröffnete Casals Forum, Heimstätte der Kronberg Academy, gilt als einer der akustisch feinsten Kammermusiksäle Europas. Seine organisch geschwungene Architektur verteilt den Klang mit beinahe instrumentaler Präzision im Raum; Musiker berichten nicht selten, es fühle sich an, „im Inneren einer Geige“ zu spielen. Diese akustische Transparenz kommt dem Konzept der Reihe „Bach im Fluss“ ideal entgegen: Sie stellt bewusst jeweils ein Soloinstrument – und damit die unmittelbare Sprache Bachs – in den Mittelpunkt und ergänzt das Konzert durch dialogische Elemente zwischen Generationen.
Seiji Okamoto: Virtuosität im Dienst der Form
Der junge Geiger Seiji Okamoto eröffnete den Konzertabend mit der Sonate Nr. 2 a-Moll BWV 1003. Schon hier zeigte sich sein interpretatorischer Ansatz: kein romantisierendes Pathos, sondern eine klare Linienführung, die die Architektur der Musik freilegte. Die Fuge geriet zu einem kontrollierten Kraftakt, in dem sich technische Präzision und innere Spannung die Waage hielten.
Im weiteren Verlauf präsentierte Andreas Staier die Bearbeitung derselben Sonate für Cembalo (BWV 964). Er ließ das Publikum hören, wie Bach sein eigenes Material transformiert und neu gedacht hatte. Diese Gegenüberstellung war mehr als programmatische Raffinesse: Sie wurde zum interpretatorischen Schlüssel des Abends.
Andreas Staier: Denken in Klang
Andreas Staier, seit Jahrzehnten eine prägende Figur der historischen Aufführungspraxis, begegnete der Musik von Johann Sebastian Bach nicht als musealem Artefakt, sondern als offenem Denkraum. Sein Spiel wirkte wie ein hörbar gemachter Reflexionsprozess: strukturbewusst, doch nie trocken, analytisch, ohne an sinnlicher Präsenz einzubüßen.
Zentral für diese Wirkung war seine feinsinnige Artikulation. Staier modellierte Phrasen mit einer Präzision, die jede Stimme eigenständig konturierte und zugleich in ein übergeordnetes Gefüge einband. Dabei trat das Instrument selbst als sprechendes Medium hervor. Das Cembalo – Bachs bevorzugtes Tasteninstrument für viele seiner Werke – entfaltet seinen Klang nicht durch Anschlag, sondern durch das Zupfen der Saiten. Daraus entsteht jener helle, klare, leicht metallische Ton, der weniger von dynamischen Abstufungen als von Artikulation und Timing lebt. Staier nutzte genau diese Eigenschaften konsequent: Der Klang wirkte nie statisch, sondern fein schattiert, von perlender Leichtigkeit und zugleich gedanklicher Schärfe.
Gespräch der Musiker
Charakteristisch für „Bach im Fluss“ ist nicht zuletzt der Gedanke des Gesprächs: zwischen Werken, zwischen Instrumenten und – an diesem Abend besonders deutlich – zwischen Generationen. Nach der Pause unterhielten sich Staier und Okamoto auf Englisch. Beide Musiker beschrieben ihr Spiel als Herausforderung. Okamoto, der sich während Staiers Part ins Publikum gesetzt und aufmerksam gelauscht hatte, verstand sich nicht einfach als solistischer Gegenpol, sondern als Teil eines gemeinsamen Klangdenkens. Staier verwies auf Bachs pragmatischen Umgang mit seinem eigenem Material – ein Komponist, der quasi „Recycling“ betrieb und eigene Stücke neu dachte. Die Bearbeitung von der Violine auf das Tasteninstrument bedeutete seiner Ansicht nach eine beachtliche Verschiebung der Perspektive: von vier spielenden Fingern zu zehn, von linearer zu flächiger Polyphonie. Andreas Staier bemerkte, dass Bach selbst wohl kaum die geigerische Virtuosität Okamotos besessen habe – eine realistische Einschätzung, die der junge Geiger dennoch mit sichtbarer Bescheidenheit quittierte.
Ideale musikalische Partner
In der anschließenden Partita Nr. 4 D-Dur BWV 828 spielten beide zusammen. Staier verband wiederum strukturelle Klarheit mit überraschender Expressivität. Sein Spiel zeichnete sich durch eine bemerkenswerte Differenzierung der Artikulation aus. Okamoto erwies sich als idealer Partner. Sein Geigenspiel ist grundsätzlich von einer technischen Souveränität geprägt, die nie Selbstzweck wird. Stattdessen ordnet er Virtuosität konsequent der musikalischen Struktur unter. Gerade in den polyphonen Passagen der Sonate zeigte sich seine Fähigkeit, mehrere Stimmen gleichzeitig hörbar zu machen – eine Qualität, die im transparenten Raum des Casals Forums besonders eindrucksvoll zur Geltung kam.
Ein konzentrierter Höhepunkt der Reihe
Mit diesem Konzert setzte die Reihe „Bach im Fluss“ einen markanten Akzent. Die Verbindung aus einem herausragenden Solisten wie Staier und einem jungen, bereits international beachteten Geiger wie Okamoto erwies sich als Glücksfall. Die Kombination aus solistischem Zugriff, Bearbeitung und interpretatorischem Dialog eröffnete neue Perspektiven auf vermeintlich vertraute Werke. Am Ende stand ein geschärftes Hören, ein vertieftes Verstehen. Dieser Abend war ein Plädoyer für Konzentration und für die unerschöpfliche Modernität von Johann Sebastian Bach.
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