Zwischen Inklusion, Stadtgeschichte und Klimaforschung
Mit dem nahenden Sommerfinale endet auch die Veranstaltungssaison 2025/26 der Polytechnischen Gesellschaft Frankfurt – allerdings nicht leise, sondern mit einem thematisch dichten Programm, das wirtschaftliche, gesellschaftliche, kulturelle und wissenschaftliche Debatten bündelt.
In der ersten Maihälfte stehen vier öffentliche Abende auf dem Programm, die exemplarisch zeigen, wie sehr die traditionsreiche Institution seit über 200 Jahren als Forum für aufgeklärten Diskurs wirkt.
Wirtschaftliche Vernunft und gesellschaftliche Verantwortung
Den Auftakt macht am 4. Mai ein Themenabend des Arbeitskreises Inklusion, der einen Perspektivwechsel wagt: Weg von der reinen Teilhabedebatte hin zur Frage, welches wirtschaftliche Potenzial inklusive Beschäftigung entfalten kann. Unter dem Titel „Mehr als nur Teilhabe: Inklusive Beschäftigung wirtschaftlich denken“ kommen Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Praxis zusammen. Moderiert wird der Abend von Marie‑Lisa Kehler (FAZ).
Der Ansatz folgt der Überzeugung der Polytechnischen Gesellschaft, dass soziales Engagement und wirtschaftliche Tragfähigkeit keine Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig stärken können.
Hausbesetzungen als Teil der Frankfurter Erinnerung
Am 5. Mai rückt ein Kapitel der Frankfurter Stadtgeschichte in den Fokus, das bis heute kontrovers diskutiert wird: Hausbesetzungen. In Kooperation mit dem Kuratorium Kulturelles Frankfurt fragt der Themenabend „Hausbesetzung: illegal, aber legitim?“, ob zivilgesellschaftlicher Regelbruch unter bestimmten Umständen kulturellen und historischen Mehrwert schaffen kann.
Gerade Frankfurt bietet hierfür reichhaltiges Anschauungsmaterial – insbesondere das Westend der 1970er‑Jahre, in dem engagierte Bürgerinnen durch Hausbesetzungen den Abriss ganzer Straßenzüge verhinderten und so das Stadtbild nachhaltig prägten. Moderiert von Manfred Köhler (FAZ) diskutieren Historikerinnen, Juristinnen und Zeitzeuginnen die rechtlichen, moralischen und kulturpolitischen Dimensionen dieser Protestform.
Abschied mit Klang: Die Dernière des Kammermusikvereins
Eine Zäsur markiert der 6. Mai: Mit dem Preisträgerkonzert des 28. Kammermusikwettbewerbs findet zugleich das letzte öffentliche Konzert des Vereins zur Pflege der Kammermusik und zur Förderung junger Musiker e. V. statt. Der 1959 gegründete Kammermusikverein, eine gemeinsame Initiative der Polytechnischen Gesellschaft und der Frankfurter Sparkasse, hat über Jahrzehnte hinweg junge Talente – vor allem aus dem Umfeld der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt – auf ihrem Weg in die Professionalität begleitet.
Beim Wettbewerb im Dezember 2025 setzte sich das Trio Babella durch, weitere Preise gingen an ein Viola‑Klavier‑Duo sowie an das Lotus‑Ensemble. Das Abschlusskonzert im Kundenzentrum der Frankfurter Sparkasse ist somit nicht nur ein musikalischer Höhepunkt, sondern auch ein Abschied von einem Ort und einer Struktur: Das Gebäude wird künftig nicht mehr zur Verfügung stehen, der Verein löst sich auf.
Der Kammermusikpreis der Polytechnischen Gesellschaft bleibt jedoch erhalten und wird künftig in neuer Form in das Veranstaltungsprogramm integriert – ein Zeichen für Kontinuität im Wandel.
Die Arktis als Frühwarnsystem des globalen Klimas
Den Abschluss der Vortragssaison bildet am 12. Mai ein wissenschaftlicher Höhepunkt: Der renommierte Polar‑ und Klimaforscher Prof. Dr. Markus Rex spricht über „Das Epizentrum der Erderwärmung: Die Arktis im Fokus der Klimaforschung“. Rex leitete das internationale MOSAiC‑Projekt, die bislang größte Arktisexpedition der Geschichte, bei der sich der Forschungseisbrecher Polarstern ein Jahr lang im Meereis einfrieren ließ.
Der Vortrag beleuchtet, warum sich die Arktis mehr als dreimal schneller erwärmt als der globale Durchschnitt – und welche Folgen dies für Wetterextreme, Meeresspiegel und internationale Klimapolitik hat. Die Veranstaltung, organisiert in Kooperation mit der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, findet in der Evangelischen Akademie Frankfurt statt und wird live übertragen.
Öffentlichkeit als Prinzip
Alle Veranstaltungen im Mai sind öffentlich und eintrittsfrei – eine bewusste Entscheidung der Polytechnischen Gesellschaft, die seit ihrer Gründung 1816 Wissen nicht als exklusives Gut, sondern als Grundlage bürgerschaftlicher Verantwortung versteht. Sitzplatzreservierungen sind nicht möglich, frühes Erscheinen wird empfohlen.
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