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Letzte Aktualisierung: 24.05.2024

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Zum Tod des in Frankfurt geborenen Publizisten und Politologen Alfred Grosser

von Ilse Romahn

(12.02.2024) Oberbürgermeister Mike Josef und Kulturdezernentin Ina Hartwig würdigen Grosser als herausragenden Vordenker der deutsch-französischen Beziehungen.

Im Alter von 99 Jahren ist der deutsch-französische Politikwissenschaftler Alfred Grosser am 7. Februar in Paris verstorben. Das hat seine Familie mitgeteilt. Der Träger der Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt am Main des Jahres 1986 galt als eine der bedeutendsten Stimmen in der Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland nach dem Krieg und war einer der intellektuellen Wegbereiter des als Élysée-Vertrag bekannten Freundschaftsvertrags.

Oberbürgermeister Mike Josef drückt seine Trauer aus: „Mit Alfred Grosser verlieren wir einen großen Europäer und einen bedeutenden Sohn der Stadt Frankfurt. 1933 floh seine Familie vor den Nationalsozialisten nach Frankreich, 1940 erneut vor der anrückenden Wehrmacht. Nach Kriegsende avancierte er zu einem der wichtigsten Vordenker und Wegbereiter der deutsch-französischen Aussöhnung und stand wie kaum ein anderer für Deutschland und Frankreich als Herzstück eines vereinigten Europas, das die bitteren Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg gezogen hat. Dass er mit der Goethe-Plakette sowie dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bedeutende Auszeichnungen in Frankfurt entgegennahm, war und ist eine große Ehre für unsere Stadt. Wir werden sein Andenken in Ehren halten.“

Kultur- und Wissenschaftsdezernentin Ina Hartwig erinnert an die Lebensleistung Grossers: „Alfred Grosser hat als französisch-deutsch-jüdischer Wissenschaftler, Publizist und Denker unschätzbare Beiträge zu den großen Debatten der langen Nachkriegszeit geliefert. Er hat sich dabei um die deutsch-französische Aussöhnung unendlich verdient gemacht, indem er sie geistig und mit seiner Präsenz mit Leben füllte. Sein lebenslanges Engagement galt einem neuen Europa, in dem Licht und Aufklärung dem Schatten der Nazizeit folgen sollte. Ein Europa der Vernunft und des Geistes, das vor allem ein kulturelles Projekt war. Seiner Geburtsstadt Frankfurt war er besonders über den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verbunden, dessen Verleihung er als Preisträger des Jahres 1975 genau verfolgte und lebhaft an den damit verbundenen Debatten teilnahm. Europa verliert einen seiner historischen Brückenbauer.“

Grosser wurde 1925 als Sohn eines jüdischen Kinderarztes in Frankfurt geboren. Die Familie floh vor den Nationalsozialisten 1933 nach Frankreich, wo der Vater kurz nach der Ankunft starb. Die Mutter erhielt 1937 mit ihren Kindern die französische Staatsbürgerschaft. In Paris studierte Grosser Politikwissenschaft und Germanistik, lehrte ab 1955 am renommierten Institut d’études politiques de Paris. Er war bekannt als Autor journalistischer Texte und hat über 40 Bücher verfasst, darunter erschienen „Le Mensch“, „Von Auschwitz nach Jerusalem“, „Wie anders ist Deutschland?“ und „Wie anders ist Frankreich?“. Ab 1965 war er Mitarbeiter zahlreicher Zeitungen und Fernsehanstalten. 2014 hielt er im Bundestag die Gedenkrede zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges 100 Jahre zuvor. Für seine Rolle als Mittler zwischen Deutschen und Franzosen wurde er vielfach geehrt, unter anderem mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, dem Großen Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband sowie im Juni 2019 mit dem Großen Kreuz der französischen Ehrenlegion, die höchste Auszeichnung, die die „Legion d'honneur“ zu vergeben hat, persönlich überreicht von Präsident Emmanuel Macron.