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Letzte Aktualisierung: 13.08.2020

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Zum Schenken, Schmökern und Entdecken

Der Bücherzettel für den Winter 2019 ist da

von Thomas Scheben

(10.12.2019) Mit einiger Verspätung, inzwischen dafür umso reichhaltiger, wird die Mainmetropole zum Schauplatz von Kriminalromanen, in denen Literaturwissenschaftler den Gesellschaftsroman unserer Tage erblicken.

In der Wissenschaft regt die stadtplanerische und architektonische Vorreiterrolle in der Moderne Studien an, und ebenso kündet der Büchermarkt davon, dass die bewegte Vergangenheit der Stadt Romanstoffe bietet, während sich ihre Gegenwart durch Kinderaugen neu entdecken lässt. Eine Auswahl zum Verschenken und Selberlesen stellt der vorweihnachtliche Bücherzettel vor.

Der Kunstbanause und das magische Eichhörnchen
Ein Mann sitzt am Eisernen Steg mit einem Loch in der Stirn. Soweit so gut, ein üblicher Krimi-Einstieg. Aber wieso wurde sein Golden Retriever auf dieselbe Weise in den Hundehimmel befördert? Schnell findet Privatdetektiv Jürgen McBride eine Verbindung zwischen dem Ableben des Kunstexperten und dem Diebstahl einer ziemlich wertvollen und ebenso seltsamen Zeichnung von Joseph Beuys, die er wiederbeschaffen soll.

Schon die Sprache des Ermittlers aus der Ich-Perspektive verrät, wohin der Autor seine Leser entführen will: In eine Welt ziemlich schräger Typen aus der Kunst- und Esoterikszene der Mainmetropole, in der auch ein paar wüste Schläger, natürlich aus Offenbach, ihr Unwesen treiben dürfen. Dass die osteuropäischen Prügelknaben ausgerechnet Vitali und Wladimir heißen, ist ebenso wenig Zufall wie der Name des unvermeidlichen, mit dem Detektiv teils konkurrierenden, teils kooperierenden Kriminalkommissars Erik Odecker, der an den langjährigen Darsteller des „Alten“ im ZDF erinnert: Das Buch ist eine köstliche Parodie auf so ziemlich alle Klischees des Krimi-Genres. Durch slapstick-reife Kampf- und Liebesszenen voller Situationskomik, immer neue Anspielungen auf Frankfurter Typen und Sujets einschließlich der alkoholgeschwängerten Philosophie am Wasserhäuschen ermittelt sich McBride schließlich zu einer Lösung des Falls voran.

Wer an einem grauen Wintertag bei der Lektüre mal herzhaft lachen will, Vergnügen am Entschlüsseln der zahlreichen Anspielungen hat und sich dabei vielleicht noch an alte Krimiserien oder die Chico-Pipa-Romane von Carlo Manzoni erinnert, wird mit diesem Buch ein paar Stunden ungetrübten Lesespaß verbringen.

Leo Heller: Schöner sterben in Bembeltown, GmeinerVerlag 2019, 256 S., 15 Euro

Die Schlapphüte mit der roten Hand
Ein ehemaliger Fremdenlegionär fristet in Frankfurt ein zurückgezogenes Dasein am Rande der Wirtschaftswundergesellschaft der 50er Jahre. Nicht nur er schleppt noch die Traumata von Fronterlebnissen, Bombennächten und Fluchterfahrungen des Zweiten Weltkrieges mit sich herum. Auch er hat den Start in den Aufschwung nicht geschafft. Dieser spülte nicht nur legale Profiteure nach oben. Und als zunächst in anderen Städten, dann auch in Frankfurt Geschäftemacher der anrüchigen Art bei Bombenanschlägen ums Leben kommen, wird klar, dass auch die deutsche Nachkriegsrepublik sich nicht aus den Weltläuften verabschieden konnte.

Zwar sind Handlung und Personen des Romans erfunden. Sie spielen aber vor dem realen Hintergrund eines weitgehend vergessenen Kapitels deutsch-französischer Geschichte. In den 50er Jahre tobte in Algerien ein auf beiden Seiten mit äußerster Härte geführter Krieg der Befreiungsbewegung FLN und der französischen Armee, der nicht auf Nordafrika beschränkt blieb. Der französische Geheimdienst betrieb eine Terrororganisation namens „Rote Hand“, die Waffenlieferanten des FLN auch in Deutschland bedrohte, im Weigerungsfalle – auch in Frankfurt – ermordete und ihre Schiffe versenkte, eines auch im Hamburger Hafen. Keiner dieser Täter wurde jemals vor Gericht gestellt, da die deutsche Justiz alle Versuche einer Aufklärung hintertrieb, um die deutsch-französische Aussöhnung nicht zu gefährden.

Auch wenn Ex-Legionär und Algerienkämpfer Streich wenig Probleme damit hat, den Profiteuren dieses schmutzigen Krieges, noch dazu für gutes Geld, auf die Pelle zu rücken, gerät er in eine zusehends unübersichtliche Gemengelage zwischen französischen Attentätern, deutscher Polizei, alten Kameraden und Freunden, in der er sich schließlich für eine Seite entscheiden muss. Präzise Charakterzeichnungen, minutiöse Actionszenen, solide recherchierte Hintergründe und reportagehafte Milieuschilderungen verbinden sich mit einer bis zur letzten Seite spannenden Handlung und bieten eine spannende Lektüre zwischen Agententhriller und historischem Roman, den man bis zum fulminanten Finale auf der Rennbahn nicht aus der Hand legen möchte.

Jürgen Heimbach: Die Rote Hand, weissbooks 2019, 330 S., 22 Euro

Frankfurt durch Kinderaugen neu entdecken
„Mamaaa, Papaa, was machen wir heute?“ Diese bei allen Eltern gefürchtete Kinderfrage, gestellt vorzugsweise an Wochenenden und Ferientagen, hat durch den Führer zu Frankfurter Orten für Kinder viel von ihrem Schrecken verloren. Die Autorin, eine in Frankfurt beheimatete HR-Journalistin, hat eine Fülle von Aktivitäten in und um Frankfurt zusammengetragen, worin nicht nur „Eingeplackte“ und Gelegenheitsfrankfurter aus dem Umland, sondern auch Ureinwohner der Mainmetropole jede Menge Anregungen finden.

Da Kinder nun einmal gern spielen, finden sich zahlreiche Hinweise auf originelle Spielplätze, und weil Tiere und Natur nicht nur auf der Hitliste mindestens gleichrangig stehen, auch zahlreiche Angebote für Begegnungen mit Natur und Tieren: Wie man Klassiker wie den Stadtwald, die Parkanlagen oder die Schwanheimer Düne mit Kinderaugen neu entdecken, wo man Tieren begegnen, das Gärtnern lernen oder einen Badesee mit Streichelkarpfen entdecken und einem frei spazierengehenden Pferd begegnen oder beim Spielen mit Flüchtlingskindern anderen Kulturen begegnen kann. Und die Antwort „ooch, wie laaangweilig“ beim Vorschlag eines Museumsbesuchs werden sich angesichts der zahlreichen Kinderprogramme der städtischen Museen schnell in ein „darf ich da morgen wieder hin?“ verwandeln.

Zu jedem dieser Orte bietet der Band eine Seite mit Erläuterungen sowie eine weitere mit einer oder mehreren Photographien und den wichtigsten Strukturdaten des Angebotes wie Öffnungszeiten, Anfahrtswege und Eignung für besondere Altersgruppen – wobei nicht eigens erwähnt wird, dass an vielen dieser Stationen nicht nur die lieben Kleinen, sondern auch die Großen ihren Spaß haben und die eine oder andere Entdeckung machen können.

Julia Tzschätzsch: 111 Kinderorte in Frankfurt, die man gesehen haben muss, Emons Verlag 2019, 240 S., 16,95 Euro

Mit dem Adler auf Mörderjagd
21. Oktober 2018: Während oben auf dem Rasen die Frankfurter Eintracht Düsseldorf mit 7:1 vom Platz fegt, bringt tief im Bauch des Stadions ein Ordner zwei Frauen um und verletzt einen zufälligen Zeugen schwer. Diesem, einem Sportreporter und ehemaligem Eintracht-Hooligan, kommen Tatumstände und Verhalten des Mörders indes ziemlich seltsam vor; noch seltsamer wird es, als der Täter selbst kurz darauf umgebracht wird. Zusammen mit einer Pressesprecherin des Vereins, die zur gleichen Zeit Drohbriefe im Zusammenhang mit dem 2002 knapp abgewendeten Lizenzentzug erhält, nimmt er die Spur auf, zumal die Polizei die Verbrechen allzu schnell ad acta legt.

Bald kommen weitere Personen ins Spiel, Verbindungen werden sichtbar, tragen aber mehr zur weiteren Verwirrung als zur Aufklärung bei, während der Journalist immer tiefer in seine Vergangenheit als Hooligan zurückgeht, und die Pressedame zunehmend von Misstrauen in die Vereinsleitung erfüllt wird – und sich zu diesen beiden Ich-Erzählern bald eine weitere Person gesellt, die noch mehr zu wissen scheint, als weitere Verbrechen geschehen und die beiden unfreiwilligen Ermittler schließlich selbst ins Visier des Täters geraten.

Den Autoren, Tochter und Vater, dieser selbst als ehemaliger Sportjournalist und Eintracht-Sprecher mit der Szene bestens vertraut, gelingt nicht nur ein spannender Krimi mit einem überraschenden Ende. Das Buch vermittelt auch Einblicke in die verschworene Parallelwelt des Fußballs von der Beletage des Vorstandes bis in die Subkultur der knallharten Fanszene, die beide eine Loyalität zum Verein verinnerlicht haben, die bisweilen über Recht und Gesetz gestellt wird – manchmal soweit, dass man immer tiefer im Sumpf versinkt und schließlich darin untergeht.

Ulrich und Dana Müller-Braun: Das Auge des Adlers. Eintracht Frankfurt-Krimi, Societäts-Verlag 2019, 384 S., 15 Euro

Funktionalität, Ästhetik und Geschichte industrieller Architektur
Beim Gedanken an den Wirtschaftsstandort Frankfurt nebst Umgebung denken die meisten Zeitgenossen zunächst einmal an Finanzdienstleistungen, Kommunikation und Logistik, weniger daran, dass die Region lange Standort mit Industrieunternehmen von weltweiter Ausstrahlung war und in manchen Bereichen auch heute noch ist. Trotz Kriegszerstörungen und Strukturwandel sind noch zahlreiche architektonische Zeugnisse dieser Epoche erhalten.

Einer Idee aus dem Ruhrgebiet folgend, wurde Anfang des Jahrtausends eine Route der Industriekultur etabliert, die sich wie ein Band in Ost-West-Richtung von Aschaffenburg bis Bingen durch die Region, und deren Kernstück in Frankfurt und Offenbach zieht, welche wiederum der großformatige Bild-Text-Band in den Fokus rückt. Er folgt damit indes keiner geographischen, sondern einer thematischen Anordnung. Ein kurzer Abriss der Industriegeschichte berücksichtigt neben den architektonischen auch soziale, rechtliche, stadtplanerische und ökonomische Implikationen. Frankfurt als Transportknoten, Städtebau, Architektur und Konstruktion, Energieerzeugung, Wasserver- und –entsorgung, Wohnwelten von Arbeitern und Industriekapitänen sowie schließlich die vielfältigen Umnutzungen bilden die Schwerpunkte der einzelnen Kapitel.

Der Text bereitet das umfangreiche Wissen über die regionale Industriegeschichte in knapper und lesbarer Form auf und wird von den großflächigen Bildern begleitet, die in Totalen und Detailaufnahmen überraschende Perspektiven bieten. Und damit man gleich auf Entdeckungsreise gehen kann, ergibt der Schutzumschlag auseinandergefaltet eine Stadtkarte von Frankfurt und Offenbach mit Einzeichnung der Objektadressen und Adressangaben.

DW Dreysse/Peter Lieser/Matthias Matzak: Industriekultur in Frankfurt und Offenbach, Henrich Editionen 2019, 202 S., 28 Euro

Die Welt ist kein Schäferspiel
Im Zentrum von Internationalität und Globalisierung eröffnen sich Chancen, es kann bisweilen aber auch recht ungemütlich werden. Das galt auch schon in der Zeit des Siebenjährigen Krieges, als der Kaiser als Stadtherr Frankfurt seinen französischen Verbündeten als Basis zum Kampf gegen Preußens Friedrich und seine britischen Finanziers überlassen hatte. Was in der deutschen Geschichtsschreibung als Krieg um die Provinz Schlesien firmiert, war tatsächlich so etwas wie ein Erster Weltkrieg, in dem Frankreich und England um die Herrschaft über die Weltmeere, in Amerika und Asien rangen.

Vor diesem Hintergrund gerät der Spross einer aufstrebenden Frankfurter Kaufmannsfamilie zunächst in eine Rauferei mit einem Fürstlich-Isenburgischen Beamtensohn und dann in eine Liebesgeschichte mit der Tochter eines etablierten Patriziergeschlechts. Schon bald stolpern Protagonisten und Leser in ein Geflecht diplomatischer Intrigen, Spionage und Stadtpolitik inmitten der Konflikte einer sich modernisierenden Stadtgesellschaft an der Schwelle zum Industriezeitalter, wo der Grad zwischen Erfolg und Untergang arg schmal ist.

Neben dem Vergnügen, einer spannenden Geschichte zu folgen und ganz nebenbei ein akribisch recherchiertes Kapitel Frankfurter Stadtgeschichte nebst dem Lokalkolorit der Goethezeit anschaulich und farbig kennenzulernen, nimmt Haverkampf immer die Perspektive seiner gerade agierenden Figur ein und lässt den Leser auf diese Weise die Welt durch die Sichtweise und Interessen unterschiedlicher sozialer und beruflicher Milieus betrachten. Dass dem dabei immer ironisch-distanzierten Autor die Schilderungen kleinkarierter kommunalpolitischer Frankfurter Ratsintrigen besonders amüsant aus der Feder geflossen sind, verwundert nicht – war er doch selbst als langjähriger Bau- und Planungsdezernent der Mainmetropole Teil dieses erlauchten Gremiums.

Hans Haverkampf: Die Schwarze Kutsche, Axel-Dielmann-Verlag, 296 S., 22 Euro

Architektur und Design aus Frankfurt in die Welt – und zurück
Nach einigen Startversuchen im späten 19. Jahrhundert begann nach dem Ersten Weltkrieg eine Phase des Aufbruchs, mit dem Städteplaner, Architekten und Designer zunächst auf soziale, wirtschaftliche und infrastrukturelle Herausforderungen reagierten, dann aber bald den Anspruch erhoben, mit ihren umfassenden Konzepten den „Neuen Menschen“ überhaupt erst zu schaffen. Dabei wurde das Neue Frankfurt alsbald ebenso zum Begriff wie das Bauhaus; Frankfurt wurde innerhalb weniger Jahre zu einer Kapitale der Moderne. Weltwirtschaftskrise und NS-Diktatur, die diese Art der Modernisierung vehement ablehnte, setzten diesem grundlegenden Stadtumbau ein Ende.

Schon während dieses Prozesses hatten sich die Leitfiguren um Ernst May, Martin Elsaesser, Ferdinand Krämer und Margarete Schütte-Lihotzky, die der Autor als Protagonisten auftreten lässt, durch Publikationen und Kongresse international vernetzt. Viele von ihnen nutzten ihr Renommee, um im Ausland neue Betätigungsfelder zu finden. Bekannt ist das Wirken Ernst Mays in Stalins UdSSR, aber auch in der türkischen Entwicklungsdiktatur Mustafa Kemal Atatürks und an verschiedenen Stellen des britischen Kolonialreiches sowie in den USA waren Frankfurter Modernisierer für öffentliche wie auch private Auftraggeber tätig. Als der Wiederaufbau der kriegszerstörten deutschen Städte in Schwung kam, kehrten viele von ihnen in der Hoffnung zurück, ihre ursprünglichen Projekte, nun jedoch angereichert durch ihre internationalen Erfahrungen, wiederaufnehmen zu können.

Weder sollte man sich von dem wissenschaftlichen Titel noch dem gleichartigen Anspruch dieser ursprünglich als Doktorarbeit abgefassten Studie abschrecken lassen. Dem Autor ist etwas gelungen, was in der deutschen Fachliteratur leider noch immer Seltenheitswert hat: Ein elegant geschriebenes, kurzweilig zu lesendes Werk über ein Kapitel Frankfurter Kulturgeschichte, dessen Ausstrahlung bis heute das Stadtbild mitbestimmt, und dessen Wirkung weltweit zu besichtigen ist.

C. Julius Reinsberg: Das Neue Frankfurt: Exil und Remigration. Eine Großstadtutopie als kulturelles Transfergut, Societäts-Verlag 2019, 336 S., 30 Euro

Ein Mädchen im Main
Wenn pubertierende Vierzehnjährige sich in ihre eigene, vor den Erwachsenen abgeschottete Welt zurückziehen, überhaupt ein etwas seltsames Verhalten an den Tag legen, so ist das ziemlich normal, Liebeskummer oft eine nahe liegende Diagnose. Nicht mehr normal ist es, wenn die beste Schulfreundin verschwindet und bald darauf tot aus dem Main geborgen wird.

Psychotherapeutin Jona Hagen, die ihrer Nichte Melanie in dieser Situation helfen will, stößt bald auf Ungereimtheiten. Da die Polizei den Fall aufgrund eines Abschiedsbriefs schnell als Selbstmord abgelegt hat und ohne neue Indizien keine Veranlassung für weitere Ermittlungen sieht, beginnt sie selbst mit Nachforschungen.

Erzählt wird die Geschichte im Wechsel aus zwei unterschiedlichen Perspektiven, zum einen aus der Sicht der jugendlichen Melanie, zum anderen durch den Blick der Therapeutin, die das Gewirr aus Eifersüchteleien, Teenie-Intrigen, Clique, Familie und Träumen von einer Show-Karriere aufzudröseln versucht.

Ganz beiläufig illustriert der bis zum Ende spannende Krimi auch, welche desaströsen Folgen das Eingreifen Erwachsener in diese verletzliche Jugendwelt nach sich ziehen kann.

Sonja Rudorf: Stromaufwärts. Jona Hagens neuer Fall, Societäts-Verlag 2019, 320 S, 14 Euro (ffm)