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Letzte Aktualisierung: 12.08.2022

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Zerknüllt und weggeworfen

„Madame Butterfly“ auf der Seebühne in Bregenz

von Karl-Heinz Stier und Ingeborg Fischer

(27.07.2022) Die Seebühne Bregenz in Österreich verwandelt traditionelle Oper in eine opulente Bühnenlandschaft im Bodensee, und den Besuchern wird meist ein grandioses Erlebnis geboten. Ob Zauberflöte , Porgy and Bess oder Carmen, die Zahl der Opernbegeisterten nimmt fast von Jahr zu Jahr zu. Das hängt neben der musikalischen und gesanglichen Umsetzung entscheidend auch vom Bühnenbild ab.

Bildergalerie
Das Bühnenbild der Oper Madame Butterfly
Foto: Anja Kühler
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Pinkerton und Cio Cio San im Duett
Foto: Karl Förster
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Madame Butterfly nimmt sich voll vor Verzweiflung mit dem Dolch das Leben
Foto: Karl Förster
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Verdis „Rigoletto“ war so ein Anziehungspunkt der letzten Saison und mancher Besucher war überzeugt, dass dieser Höhepunkt nicht zu überbieten sei. Dass die Sänger und Sängerinnen und das Bühnenbild von Madame Butterfly zumindest mit dem Vorgänger gleichziehen können, das steht außer Frage. Nicht nur die langanhaltenden Ovationen der Besucher auf den stets ausverkauften 7 000 Sitzplätzen beweisen das – ob bei Unwetter oder nicht.

Im Gegensatz zu früheren Opern auf der Seebühne, bei denen besondere Showeffekte des Bühnenbilds dominierten, war es bei der tragischen Geschichte um Cio Cio San, genannt Butterfly, die überraschende Kulisse von einem zerknüllten Blatt Papier, ins Wasser geworfen, das mit Lichteffekten immer wieder neue Stimmungen erzeugt. Der kanadische Bühnenbildner Michael Levine hat es für die  Seebühne entworfen. Die wesentlichen Elemente: ein Stück Papier treibt auf dem Wasser, darauf eine japanische Landschaft und ein Papier-Schiff, wie von Kinderhand gefaltet und mit Elementen der amerikanischen Flagge bemalt.

Für die Bühnenskulptur wurden 117 unterschiedlich große Elemente aus Holz und Styropor vorab gefertigt, auf eine Unterkonstruktion aus Stahl gesetzt und zusammengefügt. So entstand eine weiße, gewölbte Fläche von 1.340 Quadratmetern. Das Papierbild misst rund 23 Meter in der Höhe und 33 Meter in der Breite. Die Herausforderung der Bühnenstruktur bestand in der Täuschung, für den Zuschauer die Leichtigkeit von Papier auf die Seebühne zu zaubern,  sagt Wolfgang Urstadt, Technikdirektor der Bregenzer Festspiele - und das bei einem Gewicht von 300 Tonnen. Die statische Umsetzung habe große Tüftelei erfordert. „Das Publikum soll ein dünnes Blatt Papier sehen, die Bühne muss aber Schneelast und Wind standhalten und vor allem dem Wellenschlag des Bodensees“.

Hinzu kommen die Lichteffekte, die Akzente setzen. Das zeigte sich gleich zu Beginn, als die Freundinnen von Cio Cio San sie in ihre neue Heimstatt führen. Die roten Sonnenschirme und die rote Bühne gehören zu den stimmungsvollsten Bildern.

Puccinis „Madame Butterfly“, eine der populärsten Opern, ist zum ersten Mal auf der Seebühne in Bregenz zu sehen. Das „tieftraurige Kammerspiel“ um das Schicksal der von einem amerikanischen Marineoffizier sexuell und emotional ausgebeuteten jungen Japanerin, so die Intendantin Elisabeth Sobotka, wird mit großer, kraftvoller Musik wiedergegeben.

Mit Andreas Homoki - seit 2012 Intendant am Opernhaus in Zürich - haben die Bregenzer Festspiele einen Inszenator gefunden, der so eindringlich wie kaum ein anderer Puccinis Musik und die Emotionen des Stücks artikuliert. Enrique Mazzola, der die Wiener Symphoniker vom Festspielhaus aus dirigierte, überzeugte meist mit einfühlsamer Begleitung der Sängerinnen und Sänger, nur ab und zu war die Musik etwas zu fordernd.  

Die Ideen von Homoki im Verlauf der Handlung sind überraschend. Schon im ersten Akt, als Pinkerton die verarmte 15-jährige Geisha nach japanischer Sitte heiratet, ohne damit eine dauerhafte Verbindung eingehen zu wollen, erscheinen weiße Geister auf der Bühne. Sie symbolisieren die Ahnen der jungen Frau und drohen mahnend, weil Butterfly ihrer Religion abgeschworen hat und zum christlichen Glauben übergetreten ist. Ihr Onkel Bonzo und die Familie wenden sich von ihr ab. Doch Butterfly verfällt dem Amerikaner, liebt ihn, glaubt seinen verführerischen zärtlichen Worten „Blumenkranz, Schmetterling“, und meint, ihrem Leben eine Wendung zu geben. Es geht nicht nur um die Liebe zu dem Mann, sondern auch um die  Hoffnung, in Amerika ein freies Leben führen zu können, nicht mehr als Geisha arbeiten zu müssen und den starren japanischen Traditionen zu entkommen.

Pinkerton findet die junge Frau zwar entzückend, ist vielleicht auch verliebt, nimmt aber die Beziehung keineswegs ernst und spricht auch davon, dass er eine „richtige“ amerikanische Frau in den USA heiraten will. Er hört auch nicht auf die warnenden Wortes des amerikanischen Konsuls Sharpless, der das Unglück der Butterfly kommen sieht. Nach wenigen Monaten verlässt er seine „japanische Frau“, verspricht wiederzukommen, wenn das Rotkehlchen brütet und kehrt zurück in die USA. Cio Cio San, die mittlerweile einen  von Pinkerton gezeugten Sohn hat, lebt in äußerster Armut mit dem Kind und Haushälterin Suzuki, aber voller großer Hoffnung und Überzeugung, dass ihr „Ehemann“ zurückkommen wird. Die zu Beginn der Aufführung am phallisch wirkenden Mast flatternde US-Fahne „Stars und Stripes“, löst sich, und die Hoffende hüllt sich darin ein. Denn sie bedeute für sie nicht nur Liebe, sondern auch ein freies Leben.

Im Gegensatz zum Premieren-Abend, bei dem die Aufführung wegen Unwetters abgebrochen werden musste, hatten wir im darauffolgenden Samstag eine schöne, milde Nacht für das Erlebnis am See. Doch der Butterfly-Interpretin Elena Guseva an diesem Abend fehlte es an einer Weichheit in der Stimme, ihr Sopran war hart und für die Rolle überzogen. Die berühmte und schönste Arie der Oper “Un bel die vedremo“ – „Eines Tages sehn wir ein Streifchen Rauch …“ hätten wir uns sanfter gewünscht. Wie bekannt, sind die Rollen für die Opern auf der Seebühne immer dreimal besetzt. Barno Ismatullaeva bei der Premiere soll, den Presseberichten zufolge, bis zum Abbruch wegen des Gewitters, wunderbar gewesen sein. Claudia Huckle als die Zofe Suzuki erhielt an unserem Abend verdienten Schlussbeifall, ebenso wie Lukasz Zaleski als Pinkerton und Brett Polegato als Konsul.

Dass das Unglück für Butterfly seinen Lauf nimmt, ist den Opernfreunden bekannt. Pinkerton kommt zurück, ist aber zu feige, um sich Butterfly zu zeigen. Er hat seine amerikanische „richtige Ehefrau“ Kate mitgebracht, und will seinen Sohn, von dem ihn Sharpless unterrichtet hat, mitnehmen. Die unglückliche, verlassene junge Frau, ohne die Hoffnung auf ein besseres Los, nimmt sich mit einem Dolch das Leben.

Für das Publikum wurde das leere zerknüllte Blatt Papier immer wieder belebt von den unheimlichen in Weiß gekleideten Urahnen-Geistern, die Cio Cio San bedrängen. Besonders berührend empfanden wir das gefaltete Papierschiffchen, das der kleine Sohn, zurückhaltend gut gespielt von Hikaru Seewald, auf die Wellen des Bodensees an der Seebühne setzte und das später noch einmal in großer Form an der Bühne anlegt. So wurde das Warten von Butterfly auf das Kriegsschiff glänzend symbolisiert. Viel Japanisches gab es bei den Kostümen zu sehen, und  Schirmchen wie auf einem Eisbecher wurden auf und zugeklappt. Trippelnde Frauen ergänzten das gewollte Bild von Fernost. 

Atemberaubend das Schlussbild: das weggeworfene Stück Papier geht in Flammen auf!

Bregenz ist andere Oper, immer spektakulär, diesmal etwas zurückhaltender, aber voller überraschender Einfälle und allemal einen Besuch wert. Es war beeindruckend.