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„Written on Skin“ von George Benjamin in der Oper Frankfurt

Faszinierende, schmerzvolle Emanzipationsgeschichte

Diese grausam-spannende Liebesgeschichte aus dem 13. Jahrhundert musikalisch einfühlsam, sinnlich, expressiv erzählt, erlebte an der Oper Frankfurt vierzehn Jahre nach der Uraufführung in Aix-en-Provence eine umjubelte Erstaufführung. Das Werk wurde bereits über hundert Mal aufgeführt und zählt zu den erfolgreichsten zeitgenössischen Opern.

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Elizabeth Reiter am 1.März
Foto: Renate Feyerbacher

Auf der kargen Bühne drei rätselhafte Engel, deren Flügel gestutzt sind, der Protector und Agnès seine Frau. Sie liegen schlafend, getrennt voneinander auf einem der grauen Dreiecke (Bühnenbild und Licht Klaus Grünberg). Die Engel werden sich zwischen Vergangenheit und Gegenwart bewegen und sich in andere Figuren verwandeln. Sie treiben das Geschehen voran, beobachten, lenken, kommentieren wie der Chor in der Mythologie.

Der Protector ist ein reicher Mann. Ihm gehören Ländereien, er hat viel Geld und besitzt den „stillen gehorsamen Körper“ seiner Ehefrau Agnès, die er heiratete als sie 14 Jahre alt war. Sie kann nicht lesen und schreiben. Brutal ist er manchmal zu ihr und nennt sie ein Kind.

Der erste Engel übernimmt die Rolle des Boy, der dem Protector und auch Agnès seine Zeichnungen zeigt. Begeistert von diesen gibt der Protector dem jungen Maler den Auftrag, ihn in einer Buchmalerei zu verherrlichen. Auch Agnès erhofft von Boy ein Porträt einer „echten“ Frau, die sich wie sie selbst nach Nähe sehnt, die sie bei ihrem Mann nicht findet, aber bei Boy. In dem fertigen Porträt erkennt sich Agnès. Aber auch der Protector ist dem jungen Künstler eng verbunden. Obwohl er, der unter dunklen Träumen leidet, bemerkt hat, dass seine Ehefrau sich mehr und mehr von ihm abwendet, nimmt er nicht wahr, dass Boy und Agnès eine Liebesaffäre begonnen haben. Agnès zwingt schließlich den jungen Maler, weil sie sich von ihm verraten fühlt, ihren Mann über die Liebesnächte in Kenntnis zu setzen. Boy wird daraufhin von ihm ermordet. Er zwingt seine Frau, dessen Herz zu essen. Als sie es erfährt, entzieht sie sich durch einen Sprung aus dem Fenster der Gewalt ihres Mannes: „Reiß mir die Zunge heraus, überschütte mich mit Säure – was immer du mir antust, nichts wird die Bilder ausradieren können, die dieser Junge auf meine Haut gezeichnet hat.“ Begleitet ist die Szene von den Klängen einer Glasharmonika. Die drei Engel beobachten ihren Fall. Kalt fasziniert von dem menschlichen Elend ziehen sie weiter.

Der englische, geadelte Komponist George Benjamin (*1960), ein Schüler des französischen Komponisten Olivier Messiaen (1908- 1992) dirigierte die Premieren seiner Oper Written on skin in Aix-en-Provence, später in London, Paris und weiteren Städten selbst. Das Werk wurde mit dem International Opera Award 2013 ausgezeichnet und in der Kritikerumfrage der Zeitschrift Opernwelt zur „Uraufführung des Jahres“ der Spielzeit 2012/13 gekürt.

Das Libretto schrieb der Dramatiker Martin Crimp (1956), mit dem Benjamin mehrfach zusammengearbeitet hat.

Die Oper ist mehr als ein eiskaltes Eifersuchtsdrama, vielmehr „ein vielschichtiges Geflecht aus patriarchalischer Kontrolle und Unterwerfung, Sinnlichkeit und Revolte, Zivilisation und der Ausbeutung der Welt. [..] Written on skin steckt voller Fragen und Themen, die mitten in unsere Gegenwart zielen und jeden von uns ganz persönlich treffen.“ Regisseurin Tatjana Gürbaca ist fasziniert von Benjamins Werk. (Gespräch zwischen Dramaturg Maximilian Enderle und Tatjana Gürbaca im Programmheft S.4)

Nicht immer sind die Regieeinfälle nachvollziehbar, es gibt Längen. Die Spannung steigert sich aber zunehmend und löst sich im dritten gewaltsamen Teil fast unerträglich, geradezu explosionsartig auf. Tolle Szene. 

Das Stück erzählt die Emanzipationsgeschichte von Agnès, die von ihrem Mann, dem Protector, als Objekt betrachtet, gedemütigt und geschlagen wird. Sie hockt anfangs in bravem, langweiligem Kleid mit weißer Kopfbedeckung auf der Bühne. Auch durch die Kostüme, die Silke Willrett für sie ausgedacht hat, wird Agnès Entwicklung und Befreiung aus der Gewalt und Erniedrigung durch ihren Mann deutlich. Warum ist er, der Gefühle für Boy, aber nicht für seine Frau zeigt, immer wieder gewalttätig? Ein vielschichtiger, von sich eingenommener Charakter.

Aber auch Agnès ist in ihrem Emanzipationsbestreben oft ohne Mitleid, manchmal bösartig. Großartig führt Tatjana Gürbaca diese beiden Charaktere, für die zwei exzellente Interpreten zur Verfügung stehen.

Der dänische Bariton Bo Skovhus, der auf eine große internationale Karriere blicken kann, fasziniert in der Rolle des Protectors sowohl stimmlich wie schauspielerisch. Erschreckend hinreißend seine Gewaltausbrüche, sensibel seine Gefühlsmomente bei der Begegnung mit dem jungen Maler.

Komponist George Benjamin hatte dem Sänger die Rolle ursprünglich gewidmet. Er konnte sie aber wegen anderweitiger Opern-Verpflichtungen nicht wahrnehmen. Bei seinem Debüt an der Oper Frankfurt kann er nun dem Wunsch des Komponisten, der bei der Premiere in Frankfurt zugegen war, nachkommen. Großartig!

Herausragend, atemlos machend Elizabeth Reiter als Agnès. Wie sie darstellerisch und sängerisch diese Rolle interpretiert, geht buchstäblich unter die Haut. Die amerikanische Sopranistin, seit über zehn Jahren Ensemblemitglied, schon immer begeistert gefeiert, hat sich in dieser Rolle nochmal gesteigert. 

Boy wird von dem grandiosen, jungen russischen Countertenor Iurii Iushkevich (*1997) gesungen - auch in der Rolle des Ersten Engels einmalig. In der Spielzeit 2023/24 gab er sein Debüt an der Oper Frankfurt und wird seitdem hier immer wieder gefeiert. Er studierte in Berlin und Graz und ist Preisträger mehrerer internationaler Auszeichnungen. 

Auch die Ensemblemitglieder die US-amerikanische Mezzosopranistin Cecilia Hall als Zweiter Engel und Marie sowie Tenor Michael McCrown als Dritter Engel und John prägen eindrucksvoll die Aufführung. Die Figuren von Marie und John sind allerdings eigenartig rätselhaft. 

Komponist George Benjamin sagte in einem Gespräch: „Ich will etwas sagen mit meiner Musik, und das so klar und kompakt wie nur möglich.“ (Programmheft S. 23)

Das ist der Fall. Für die Sänger vermeidet er ständige Stimmlagenwechsel. Seine Orchestrierung ist abwechslungsreich, modern, aber hörbar.

Und so differenziert vorzüglich setzt das Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter Leitung von Erik Nielsen die Musik der Oper Written on skin um. 

Es sind 90 Minuten gesungen in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln. 

Weitere Vorstellungen am 7. März, danach Oper im Dialog, am 13., 15., 21., 29. März und am Ostersonntag, den 5. April.

www.oper-frankfurt.de

Tickets: (069)212-49494 und tickets@buehnen-frankfurt.de