World Design Capital: Viel Design-Diskurs, aber wo bleibt der Nutzen für alle?
Frankfurt Rhein-Main trägt 2026 den Titel „World Design Capital“ – ein internationales Prädikat, das Design nicht nur als Formgebung, sondern als Werkzeug für gesellschaftliche Entwicklung versteht. Die Region will zeigen, wie Gestaltung Demokratie, Teilhabe und Lebensqualität fördern kann. Zahlreiche Projekte, Ausstellungen und Veranstaltungen sollen dieses Ziel unterstützen. Wie ist der Halbzeitstand? Was gibt's für 'Normalos'?
Doch zur Halbzeit stellt sich eine entscheidende Frage: Kommt dieses Designjahr tatsächlich bei der breiten Bevölkerung an – oder bleibt es vor allem ein Projekt für Fachleute, Kreative und bereits engagierte Milieus?
Design für alle oder Design für die üblichen Zielgruppen?
Viele Projekte setzen auf Beteiligung, Dialog und gesellschaftlichen Austausch. Demokratie-Kioske, mobile Pavillons oder Workshops sollen Menschen zusammenbringen und neue Perspektiven eröffnen. Der Anspruch dahinter ist nachvollziehbar: Gestaltung soll nicht exklusiv sein, sondern Teil des Alltags werden.
Gleichzeitig lässt sich fragen: Was bedeutet das konkret für den durchschnittlichen Bürger?
Wer morgens zur Arbeit fährt, am Wochenende den Feldberg besucht oder durch die Innenstadt spaziert, interessiert sich oft weniger für Designkonzepte als für die Qualität seiner Umgebung. Für viele Menschen zeigt sich gutes Design nicht in Konferenzen oder Ausstellungen, sondern dort, wo sie täglich unterwegs sind.
Warum nicht bei den offensichtlichen Problemen anfangen?
Wer den Feldberg besucht, begegnet zahlreichen funktionalen, aber gestalterisch wenig ansprechenden Mülleimern. Sie erfüllen ihren Zweck, prägen jedoch das Landschaftsbild kaum positiv.
Die Frage drängt sich auf: Warum wird im Rahmen eines internationalen Designjahres nicht sichtbar an solchen Alltagsobjekten gearbeitet?
Innovative Stadtmöbel und Abfallbehälter gehören in vielen Städten längst zur Gestaltungspolitik. Designer und Stadtplaner betrachten Mülleimer nicht mehr als reine Infrastruktur, sondern als Teil des öffentlichen Raums. Moderne Systeme kombinieren robuste Materialien, klare Recyclingfunktionen und eine Gestaltung, die sich harmonisch in Parks, Innenstädte oder Naturräume einfügt.
Gerade an touristisch bedeutenden Orten wie dem Feldberg könnte ein Gestaltungswettbewerb zeigen, wie funktionale Infrastruktur gleichzeitig Identität stiften kann.
Müssen Sitzbänke wirklich aus Plastik bestehen?
Ähnliches gilt für Sitzgelegenheiten.
In vielen Kommunen dominieren inzwischen standardisierte Modelle aus Kunststoff oder Kunststoffverbundstoffen. Sie sind pflegeleicht und günstig, wirken jedoch oft austauschbar und wenig einladend.
Dabei zeigen Beispiele aus Skandinavien, dass langlebige Stadtmöbel auch anders aussehen können. Dort werden häufig Holz, Gusseisen, Stahl oder Kombinationen natürlicher Materialien eingesetzt. Viele Modelle sind speziell darauf ausgelegt, Kommunikation, Begegnung und Aufenthalt zu fördern. Manche integrieren Bäume, Pflanzflächen oder flexible Sitzmöglichkeiten und werden selbst zu kleinen Orten des Zusammenkommens.
Wenn Frankfurt Rhein-Main über Design als Motor für gesellschaftlichen Wandel spricht, dann wäre die Gestaltung von Bänken, Plätzen und Wegen vielleicht wirksamer als manche Podiumsdiskussion.
Sichtbare Zeichen fehlen
Das eigentliche Problem scheint weniger im Mangel an Ideen zu liegen als in ihrer Sichtbarkeit.
Ein internationales Designjahr mit tausenden Veranstaltungen kann beeindruckende Netzwerke schaffen. Doch in der öffentlichen Wahrnehmung bleiben oft jene Projekte hängen, die dauerhaft sichtbar sind: ein neu gestalteter Platz, ein ikonisches Stadtmöbel, ein innovatives Leitsystem oder eine attraktive Aufenthaltsfläche.
Genau hier liegt eine Herausforderung für die Region. Wenn die Bürger nach dem Ende des Designjahres fragen, was geblieben ist, sollten sie nicht auf Projektberichte und Veranstaltungsprogramme verwiesen werden müssen. Sie sollten es unmittelbar sehen können.
Am besten auf dem Weg zur Arbeit, im Park, am Bahnhof – oder auf dem Feldberg neben einem Mülleimer, der beweist, dass gutes Design tatsächlich im Alltag angekommen ist.
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