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Letzte Aktualisierung: 21.11.2019

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Wissenswertes über das Ende des Lebens

von Michael Hoerskens

(30.10.2019) Gerade zu den Totengedenktagen im November wie Allerheiligen, Allerseelen, Volkstrauertag oder Totensonntag wird uns bewusst, dass das Leben endlich ist. Das Sterben und der Tod ist sind ein Thema, dem man sich nur ungern widmet. Besonders, wenn man sich mit seinem persönlichen Lebensende auseinandersetzt. Der Autor Roland Schulz hat sich mit seinem Buch „So sterben wir - Unser Ende und was wir darüber wissen sollten“ eingehend mit dieser Thematik beschäftigt.

Ein Buch, welches informativ und sensibel über Sterben, Tod und Trauer berichtet
Foto: Piper Verlag
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Über Sterben ist schwer zu sprechen, schreibt Schulz. Aber Sterben ist Teil des Lebens. „Tage vor Deinem Tod, wenn noch niemand Deine Sterbestunde kennt, hört Dein Herz auf, Blut bis in die Spitzen Deiner Finger zu pumpen. Wird anderswo gebraucht. In Deinem Kopf“.

Mit diesen Worten nimmt der Autor den Leser mit auf die letzte Reise.  Eindringlich, sachlich und mit der gebotenen Sensibilität beschreibt er, was wir während unserer finalen Tage und Stunden erleben. Er verfolgt die Reise des Körpers sehr weit, bis zur Leichenschau und Bestattung. Und schildert auch, was Sterben und Tod für diejenigen bedeutet, die zurückbleiben. Roland Schulz findet einfühlsame Worte für das Unbeschreibliche und gibt Antworten auf viele Fragen.

Auch die Ärzte werden in dem Buch ins Visier genommen. Die Mediziner führen mit den Schwerstkranken kaum Gespräche mit ihnen über das Thema Tod. Viele haben dies in ihrer Ausbildung nicht gelernt, sagt der Autor. Sie könnten dies nicht, weder als Mensch noch als Arzt.  Erst seit 2009 ist die palliative Medizin in Deutschland verpflichtender Teil der Ausbildung eines Arztes, seit 2014 erst wird die allseits gelehrt. „Es gibt in der Palliativmedizin von allem zu wenig“, befindet der Autor. „Zu wenig ausgebildete Pfleger und Ärzte, zu wenig Betten und Stationen, viel zu wenig Verständnis für die Idee dieser Medizin, führt er an.  Oft haben Mediziner keine Zeit für die notwendigen Gespräche in der Hektik des Klinik- und Krankenhausalltags. Außerdem sind sie ja ausgebildet für die Gesundheit von Menschen, für Diagnosen oder Therapien. Für die Verlängerung des Lebens. Allerdings werde immer öfters gefragt: „Was können wir für Sie tun?“ statt „Was können wir dagegen tun?“

Schwerstkranken geht in ihrer letzten Phase des Lebens viele Gedanken durch den Kopf,. Etwa „Ich kann das den Kindern nicht zumuten“ oder „Ich will ihnen nicht zur Last fallen.“ In einer Rückblende denken die Sterbenden  an ihre guten und schlechten Eigenschaften, ihre Macken, ihre Lieblingslieder. Sie denken an die Vorkehrungen, die sie für ihren Tod noch treffen müssen. An Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht oder Testament. Schulz gibt hierzu wichtige Ratschläge.

Die Betreffenden spüren, dass die Menschen im Umfeld beginnen auf einen anders zu reagieren. Manche meiden den Patienten, andere bestürmen ihn. Wichtig, so Schulz, sind die Wünsche des Sterbenskranken. Er rät, darüber zu sprechen und nicht ins Schweigen zu fliehen. Rechtzeitig die Chance nutzen, noch Einiges zu sagen: „Ich verzeihe Dir, Es tut mir leid, Ich liebe Dich.“

Die todkranken Menschen beginnen, sich zu verändern, die Kräfte versiegen. Schmerz sucht den Körper heim. Erschöpfung macht sie müde, Trauer tritt in ihr Leben. Das letzte Mal am Meer, das letzte Mal in den Bergen. So Vieles, was man nicht mehr erleben darf. Und es kommen Gedanken wie „Wären wir doch öfters verreist“ oder „Hätten  ich doch mehr Menschen umarmt, häufiger Gefühle gezeigt“.  Man denkt an versäumte Gelegenheiten, vergeudete Jahre. Für manchen sind diese Gedanken schmerzhafter als die körperlichen Schmerzen. „Sie ist normal, Deine Trauer“, erklärt Schulz.

„Im Sterben speist sich der Schmerz aus vielen Quellen“, schreibt Roland Schulz. Dabei ist Angst ein entscheidender Faktor. Angst vor Qualen, Angst vor Einsamkeit etwa. Es täte gut, darüber zu reden, so der ausgebildete Reporter. Manche Todkranke denken daran, dem Leben selbst ein Ende zu setzen.  Ob durch eigene Hand oder die Hand eines anderen. „Gibt es einen Lebenszwang? Gibt es eine Freiheit auf den Tod“, wirft er Fragen auf. Einfache Antworten gebe es nicht.

 

Heute haben Sterbenskranke die Möglichkeit auszuwählen, wo sie ihren letzten Atemzug tätigen. Manche wollen dort sterben, wo sie gelebt haben: daheim, in Geborgenheit. Andere bevorzugen die Sicherheit eines Krankenhauses. Schulz gibt auch hier Ratschläge: Bestimmen, wer  in den letzten Tagen an der Seite wachen soll. Und: Es sei gut zu wissen, welche Finger einem die Augen schließen.

Manche Schwerstkranke blühen kurz vor ihrem Ende nochmal auf, reißen gar einen Witz. Wissenschaftler haben dieses Phänomen die terminale Luzidität getauft.  Diese klaren Augenblicke, die dem Tod vorausgehen beschreibt Schulz als „das Licht am Anfang des Tunnels“. Doch dieses Aufleuchten gehe vorüber. Der Sterbende trübt ein. Das heißt aber nicht, dass er jedes Bewusstsein verliert. „Das Ohr hört immer noch, wie man in Deiner Gegenwart über Dich spricht, mit Tränen in der Stimme oder so, als seist Du längst nicht mehr anwesend“, schildert Schulz die Situation. Die Haut spüre, dass man noch gestreichelt wird.

Die Sterbestunde naht, An den Fingern und Zehen färben sich die Nagelbetten bläulich, die Wangen fallen ein, die Augen liegen tief in den Höhlen. „Dein Anblick erschreckt“ schreibt der Autor. „Du atmest ein letztes Mal. Zwei, drei Augenblicke noch pulsiert Deine Halsschlagader. Dann setzt Dein Herzschlag aus“. Und eine Stille bleibt schweben.

Roland Schulz, Jahrgang 1976, erläutert in einem Nachwort, wie er sich entschloss, sein Buch zu schreiben. Ausgangspunkt war eine Bundestagsdebatte zum Thema Sterbehilfe. Der Absolvent der Journalistenschule München und Mitarbeiter der Süddeutschen Zeitung suchte daraufhin eine Bibliothek in München auf, in der angehende Ärzte lernen, und zwar die der Medizinischen Fakultät der Universität München. Eine schmale Spalte dort widmete sich der Palliativmedizin. Er entdeckte, dass der dickste Band, das Lehrbuch für Palliativmedizin, 1400 Seiten umfasst. Aber nur neun dürftige Seiten umfassten die Thematik Sterben. Nun wollte er es genau wissen: „Wenn ein Mensch stirbt - was passiert da genau?“ Danach stellte der mit dem Deutschen Reporterpreis und dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnete Journalist intensive Recherchen an, konsultierte auch Ärzte der Palliativmedizin. Und sprach noch mit Pflegepersonal, Hospizhelfern, Seelsorgern und Angehörigen. Mit Menschen, die sterbenskrank waren. Das Ergebnis ist ein überaus lesenswertes Werk.

Dies befand auch die Jury des Deutschen Reporterpreises: „Der aufwändig recherchierte Text offenbart, wie wenig wir über unser Sterben wissen- und konfrontiert uns formvollendet und elegant mit den tiefsten Fragen des Lebens“.

Roland Schulz: So sterben wir, Piper Verlag GmbH, München, ISBN 978-3-492-05568-0