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Letzte Aktualisierung: 27.02.2021

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Wieder das Spessartviertel in Dietzenbach

Einer der verhafteten Sprengstoffbauer wohnte dort

von Shams Ul-Haq

(16.02.2021) Am 7. Februar hat die Polizei drei syrische Brüder festgenommen, die in Verdacht stehen, Sprengstoffanschläge vorbereitet zu haben. Zwei Männer im Alter von 33 und 36 stellten die Ermittler in Dänemark, den mit 40 Jahren ältesten aus dem Trio verhafteten sie im nahe bei Frankfurt gelegenen Dietzenbach. Soziokulturell betrachtet gilt die Stadt im Landkreis Offenbach als idealtypisches Biotop für Islamismus. Die Brüder sollen fünf Kilo Aluminiumpulver und Schwefel zum Bombenbau bestellt haben.

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Shams Ul-Haq gilt als versierter Terrorismusexperte. Er recherchierte verdeckt in Moscheen und Flüchtlingsunterkünften und schrieb dazu die Bücher „Eure Gesetze interessieren uns nicht“ und „Die Brutstätte des Terrors“, wofür er auch mit einem Medienpreis ausgezeichnet wurde.
Foto: Frankfurt-Live
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Der Journalist, Filmemacher und Buchautor Shams Ul-Haq bei seinen Recherchen in Dietzenbach, hier mit einem Informanten, der nicht erkannt werden will.
Foto: Frankfurt live
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Egal ob Berlin-Gropiusstadt oder Kölnberg, überall entwickelten sich die Trabantenstädte zu Problemvierteln. In diese Riege passt auch das Spessartviertel in Dietzenbach, eine typische Betonwüste ohne menschliches Antlitz. Hier haben 95 Prozent der Bewohner einen Migrationshintergrund. Das Straßenbild prägen Drogendealer und verhüllte Frauen. Kaum eine Woche vergeht, in der kein Dietzenbacher vor Gericht steht. Meist handelt es sich um Kleinkriminelle ohne Schulabschluss, die sich zum wiederholten Mal mit zu viel Cannabis erwischen ließen.

Im Spessartviertel gelten unter den Jugendlichen jene als cool, die morgens nicht aufstehen müssen und dennoch teure Autos fahren, muskelbepackte Typen, die im 6er BMW mit heulendem Motor und lauter Mucke durch die Straßen cruisen .

Im Mai letzten Jahres brannten hier ein Bagger und Mülltonnen. Für die Rettungskräfte stellte sich das Szenario als Falle heraus. Vor Ort sahen sich Feuerwehrleute, Sanitäter und Polizisten einem Steinhagel ausgesetzt. Nur durch Zufall und mit ganz viel Glück trug niemand ernsthafte Verletzungen davon. Unter Jugendlichen im Viertel hieß es in den nächsten Tagen nach dem Anschlag auf der Straße, man habe sich für einen vorangegangenen Polizeieinsatz rächen wollen.

Im Spessartviertel zu leben wirkt wie ein Brandzeichen. In die zwischen neun und 17 Stockwerke hohen Blöcke zieht niemand, der nicht muss. Wer sich ernsthaft um eine Ausbildungs- oder Arbeitsstelle bewirbt gibt als Absender eine andere Adresse an.

In der Dietzenbacher Tawhid-Moschee sprach 2012 der Marokkaner Tarik Ibn Ali, ein Wanderprediger, den die spanischen Behörden 2019 gegen Zahlung von 60.000 Euro nach zwei Jahren bis zum Prozess aus der Haft entließen. Der Mann soll auf Mallorca einen Anschlag geplant haben.

Die Tawhid-Moschee distanzierte sich später von dem Prediger. Ein ehemaliges Mitglied des Vorstands kochte dann andernorts in Dietzenbach sein eigenes Süppchen. Er mietete Räume an, in denen Figuren wie Tarik Ibn Ali weiter agitieren konnten. Nach dem letzten Verfassungsschutzbericht gingen die wahrnehmbaren Zahlen von Aktivitäten des politischen Salafismus zwar stark zurück, das salafistische Potenzial in Hessen sei aber im Vergleich zu den letzten Berichtsjahren bei 1.650 Personen konstant geblieben. Das Rhein-Main-Gebiet ist eine Hochburg.

Drogen, soziales Elend und trostlose Perspektiven bilden auch im Dietzenbacher Spessartviertel ein Konglomerat, mit dem islamistische Rattenfänger bestens arbeiten können. Hier soll gerüchteweise zuletzt auch der 40-jährige Syrer gewohnt haben, den Spezialeinsatzkräfte festnahmen. Die Gerüchte im Viertel will die Pressestelle des Landeskriminalamts „aus polizeitaktischen Gründen“ weder bestätigen noch dementieren.

Auch in Dietzenbach senden jugendliche Moslems einander über den Instant-Messaging-Dienst „Telegramm“ Ausschnitte islamistischer Prediger. Hoch im Kurs stehen zurzeit vor allem die Themen, die sich um den Mord an dem französischen Lehrer Samuel Paty drehen, der anhand von Mohammed-Karikaturen im Unterricht das Prinzip der Meinungsfreiheit erklärte. Ein 18-jähriger hatte den Pädagogen im vergangenen Oktober auf offener Straße regelrecht geköpft.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron verteidigte das Prinzip der Meinungsfreiheit, was arabische Länder veranlasste, zum Boykott französischer Produkte aufzurufen. Pierre Vogel versuchte sich über die Schiene wieder ins mediale Gespräch zu bringen, indem er seine Anhänger in Videobotschaften dazu aufrief, ebenfalls kein Mineralwasser oder Käse aus Frankreich zu kaufen.

In Dietzenbach heißt es, auch der 40-jährige Syrer, der angeblich seit 2005 in Deutschland lebt, habe sich für das Dauerthema Mohammed-Karikaturen akut interessiert, was jedoch zum jetzigen Zeitpunkt nicht über den Charakter eines Gerüchts hinaus geht.