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Wie Musik bei Krankheiten helfen kann

Auswirkungen auf Depressionen, Blutdruck und Herz

Ob Ennio Morricones „Lied vom Tod“, Lenas Gute-Laune-Hit „Satellite“ oder Klassiker wie Beethovens „Ode an die Freude“: Musik löst in vielen Menschen große Emotionen aus und beeinflusst damit das Wohlbefinden. Welche Wirkung Musik aus medizinischer Sicht auf den Körper entfalten kann, beleuchtete der Bochumer Internist und Kardiologe Dr. Alfried Germing kürzlich im Rahmen eines Gedenk-Symposiums an der Ruhr-Universität Bochum.

Am 22. Juni, dem ersten Todestag von Prof. Jürgen Barmeyer, ehemals Leitender Arzt der Abteilung für Kardiologie am Zentrum für Innere Medizin des BG-Klinikums Bergmannsheil der Ruhr-Universität Bochum, fand im Sitzungssaal der Fakultät für Philologie der Universität eine Gedenkveranstaltung statt. Der Saal war bis auf den letzten Platz besetzt, schreibt Prof. Helmut Schatz, Bochum, im Medizinischen Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie.

Dr. Alfried Germing, Leitender Arzt der Kardiologischen Praxis, MVZ Josef Carrée, Universitätsklinik St. Josef-Hospital Bochum, hatte dort einen Vortrag zum Thema „Musik und Herz“ gehalten. Darin sprach er die vielfältigen Möglichkeiten an, wie die verschiedenen Arten von Musik auf unseren Körper und unsere Psyche einwirken können. Schon lange gibt es ein Studium „Musiktherapie“, welche an der Musikakademie in Wien als einer der ersten Hochschulen in Europa schon in den 1960er Jahren gelehrt wurde. In den USA existierte schon lange eine American Music Therapy Association. Bei uns hat sich der Beruf des Musiktherapeuten bei den knappen Stellenplänen der Krankenhäuser leider nicht breiter durchsetzen können. Musik lässt sich aber auch von Ärzten in vielen Bereichen einsetzen, wie Alfried Germing in seinem Vortrag ausführte. Prof. Schatz bat ihn, diesen für den DGE-Blog zusammenzufassen. Hier sein Beitrag:

„Die Auswirkungen von Musik auf den Menschen sind seit langer Zeit bekannt. Es gibt kaum einen Menschen, der nicht in irgendeiner Weise in seinem Leben mit Musik in Berührung kommt. Die Wirkung von Musik ist abhängig von der jeweiligen körperlichen, geistigen und emotionalen Verfassung. Äußere Einflüsse, wie Lebensalter, aktuelle Lebenssituation, Hörgewohnheiten, aber auch kulturelle, religiöse und gesellschaftliche Prägungen spielen hierbei eine zusätzliche Rolle. Musik kann positiv oder auch negativ berühren, einige Personen empfinden beim Hören von Musik dagegen kaum etwas oder gar nichts.

Musik beeinflusst Gehirn und vegetatives Nervensystem. Über harmonische, melodische und rhythmische Elemente kann sie physiologische Vorgänge im Körper beeinflussen. Unter Einbeziehung beider Gehirnhälften bewirkt das zentrale Nervensystem insbesondere über die Strukturen des limbischen Systems einen direkten Einfluss auf verschiedene Organe wie auch auf die Psyche. Das limbische System vermittelt emotionale Vorgänge und ist damit in die individuelle Wahrnehmung von Musik eingebunden. Über die Großhirnrinde besteht ein vaso-vagales Rückkopplungssystem, über das alle an der Musikverarbeitung beteiligten Signale miteinander verbunden sind. Durch diese Afferenzen und Efferenzen sind auch kardiovaskuläre Organe involviert. Weil diese nervalen Strukturen unabhängig vom bewussten Willen arbeiten, kann man sich der Wirkung der Musik nur schwer entziehen.

Insbesondere Rhythmus, Tempo und Harmonie haben einen Einfluss auch auf kardiovaskuläre Parameter. Wie viele Untersuchungen belegen, kann Wahrnehmung von Musik zur Änderung von Herzfrequenz, Blutdruck, Atmung und Muskeltonus führen.

Verschiedene Genres von Musik können unterschiedliche Einflüsse haben. Klassische Musik kann kognitive Funktionen verbessern, wie beispielsweise räumliches und zeitliches Denken, sowie Aufmerksamkeit und Gedächtnis. Eine Reihe von Studien hat belegt, dass Hören von Musik mit langsamen Tempo und geringen dynamischen Kontrasten zu einer Minderung von Herzfrequenz, Atemfrequenz und Blutdruck führt. Unvorhergesehenes und Überraschendes sorgen im Gehirn für Aufmerksamkeit.

Jazzmusik, in ihrer Komplexität durch Improvisation für Musizierende und Hörende besonders herausfordernd, kann beruhigend aber auch anspornend wirken. Es gibt auch Musik, die zur Entspannung geeignet ist. Entgegenwirkend sind beispielsweise Musikstücke mit vielen abrupten Wechseln und Sprüngen in Rhythmus und Lautstärke.

Bei Techno-Musik können Herzfrequenz und Blutdruck ansteigen. Diese Effekte sind jedoch nicht überall gleich ausgeprägt. So ist noch nicht bewiesen, dass unterschiedliche Musikstile reproduzierbar und vorhersagbar kardiovaskuläre Parameter beeinflussen.

Basierend auf den genannten physiologischen Grundlagen und vielen Studienerfahrungen ergibt sich die Frage nach dem therapeutischen Einsatz von Musik in der Medizin. Viele Studien weisen auf positive Beeinflussung von Musik auf Wohlbefinden, Blutdruck- und Pulsverhalten, Angst und Depression. So kann es auch bei medizinischen Interventionen, beispielsweise in der Kardiologie, der Zahnmedizin, der Intensiv- oder Palliativmedizin hilfreich sein, begleitend Musik einzusetzen. Weitere Studienergebnisse bleiben abzuwarten, um den therapeutischen Einsatz von Musik konkretisieren zu können.“