Wenn emotionale Nähe fehlt. Psychiaterin spricht über Einsamkeit
Sie kann Menschen jeden Alters betreffen und selbst bei denen auftreten, die ständig in Gesellschaft sind: Einsamkeit. Was dahinter steckt und warum dieser Gefühlszustand kein Zeichen von persönlichem Versagen ist, erklärt Prof. Dr. med. Petra Beschoner, Fachärztin für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin und Ärztliche Leiterin der Akutklinik Bad Saulgau, im Interview.
Foto: Jürgen Hofstätter
Was zeichnet Einsamkeit aus und wieso kann sie auch in Gesellschaft entstehen?
„In der Psychologie verstehen wir darunter nicht einfach das bloße Alleinsein, sondern ein zutiefst subjektives Erleben. Entscheidend ist dabei nicht die Anzahl der Kontakte, sondern die empfundene Qualität der Beziehung. Menschen können sich in Gruppen aufhalten und sich dennoch isoliert fühlen – oder umgekehrt ganz für sich sein und trotzdem eine Verbindung zu anderen spüren. Das liegt daran, dass soziale Nähe mehr ist als die bloße Anwesenheit von Personen. Wir Menschen brauchen emotionale Resonanz, das wärmende Gefühl, gesehen und verstanden zu werden. Wenn diese Erfahrung fehlt, schlägt die Psyche Alarm. Man könnte sagen: Unser System meldet einen Mangel an Verbundenheit, ähnlich wie Hunger uns körperlichen Bedarf signalisiert. Das ist zunächst eine völlig gesunde, sogar sinnvolle Reaktion.“
Inwiefern kann dieser Impuls sinnvoll sein und wann wird er problematisch?
„Kurzfristig kann er uns darauf aufmerksam machen, dass etwas in unseren Beziehungen fehlt oder wir uns womöglich neu ausrichten sollten. In diesem Sinne ist das Empfinden ein wertvoller Wegweiser. Problematisch wird es erst, wenn dieser Zustand über längere Zeit anhält und sich verselbstständigt – also nicht in positiver Veränderung mündet, sondern zu Stress, Selbstzweifel und Rückzug führt. Viele Betroffene beginnen irgendwann zu glauben: ‚Mit mir stimmt etwas nicht‘ oder ‚Ich passe nicht zu anderen‘. Solche destruktiven Gedanken verstärken die Isolation und bleiben nicht ohne Folgen: So kann sich chronische Einsamkeit auch körperlich negativ auswirken, beispielsweise auf den Schlaf oder unseren inneren Antrieb.“
Tritt Einsamkeit bei bestimmten Menschen oder in speziellen Lebenssituationen häufiger auf?
„Ja, besonders verletzlich sind Menschen in Übergängen: Jugendliche beim Aufbau sozialer Identität, junge Erwachsene nach Umzügen oder Trennungen, aber auch ältere Menschen nach Verlusten oder dem Ausstieg aus dem Berufsleben. Denn in solchen Lebenssituationen müssen sie ihre sozialen Netzwerke neu aufbauen oder sich an veränderte Rollen anpassen. Dadurch kann das Gefühl entstehen, weniger verbunden oder unterstützt zu sein. Zudem betrifft Einsamkeit sehr häufig Menschen mit sozialer Unsicherheit oder belastenden Bindungserfahrungen, da ihnen der Aufbau und die Pflege enger Beziehungen besonders schwerfällt. Wichtig ist mir aber zu betonen: Einsamkeit ist kein persönliches Versagen, sondern das Ergebnis aus der eigenen Biografie, der aktuellen Lebenslage und unseren Beziehungen.“
Hilft die heutige digitale Kommunikation gegen Einsamkeit?
„Digitale Medien können verbinden, indem sie Kontakte erleichtern und Zugehörigkeit schaffen. Häufig erleben Menschen online aber eher flüchtige Interaktionen anstelle tiefer Beziehungen. Eine Masse an Nachrichten und Likes hilft jedoch nicht gegen die innere Isolation. Entscheidend ist einzig und allein, ob echte emotionale Nähe entsteht. Daher kann der digitale Austausch zwar bereichernd wirken, er kann das Gefühl von Einsamkeit aber auch verstärken.“
Warum spielt oft auch Scham eine große Rolle?
„Viele Menschen erleben den Zustand nicht nur als schmerzhaft, sondern auch als etwas, das sie verstecken müssen. Das liegt unter anderem daran, dass in unserer Gesellschaft soziale Beziehungen häufig als Standard gelten und Verbundenheit dabei als selbstverständlich vorausgesetzt wird. So entsteht der Eindruck, fehlende Bindungen seien ungewöhnlich oder erklärungsbedürftig. Wer kaum emotionale Nähe zu anderen spürt, interpretiert das schnell als persönliches Versagen. Die empfundene Scham führt meist dazu, dass Betroffene sich noch mehr zurückziehen und sich die Einsamkeit weiter verstärkt – ein Teufelskreis.“
Was kann aus psychotherapeutischer Sicht helfen?
„Zunächst hilft es, das Gefühl überhaupt als Signal zu verstehen und nicht als Defekt. Schließlich ist es kein persönlicher Makel, sondern ein menschliches Grundgefühl. Einsamkeit sagt nichts über den Wert von jemandem aus. Und der Zustand ist veränderbar. Oft sind es schon kleine Entscheidungen im Alltag, die Raum für mehr Nähe schaffen. Sei es, nicht nur auf Einladungen anderer zu warten und stattdessen selbst gezielt Leute, die man um sich haben möchte, nach einem Treffen zu fragen. Oder sich verstärkt auf einzelne Menschen zu fokussieren, die einem wirklich guttun, anstatt bloß möglichst viele oberflächliche Kontakte zu pflegen. Es braucht folglich ein Umdenken. Wir dürfen aufhören zu glauben, wir seien nicht richtig oder würden nicht dazugehören. Es geht darum, wieder mit sich selbst in Kontakt zu treten und Selbstmitgefühl zu entwickeln. Denn Verbindung beginnt nicht nur im Außen, sondern schon im inneren Dialog. Bei alledem ist Geduld ein entscheidender Faktor: Wer sich nach mehr emotionaler Nähe sehnt, sollte sich dem Ziel Schritt für Schritt annähern, anstatt sich mit großen, überfordernden Veränderungen unter Druck zu setzen.“
Weitere Informationen unter www.akutklinik-badsaulgau.de
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