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Wenn die Leinwand zu tanzen beginnt

Es gibt Ausstellungstitel, die erklären wollen. Und es gibt solche, die eine Tür öffnen. „Blame it on the Boogie“ gehört zur zweiten Sorte. Man kennt den Satz, man kennt den Rhythmus: The Jacksons machten den Song 1978 zum Disco-Klassiker. Doch im Marmorsaal von Schloss Henkell bekommt der Boogie eine andere Bedeutung. Hier sind es nicht die Beine, die sich dem Rhythmus ergeben. Es sind Arme, Hände und Pinsel, die auf der Leinwand in Bewegung geraten.

Aldo Cristofaro erklärt sein Werk mit dem Titel „Das kleine Zaubermädchen und der diamantene Fluss“ aus dem Jahr 2025. Acryl, Öl und Vinyl auf Leinwand 195 x 165 cm.
Aldo Cristofaro erklärt sein Werk mit dem Titel „Das kleine Zaubermädchen und der diamantene Fluss“ aus dem Jahr 2025. Acryl, Öl und Vinyl auf Leinwand 195 x 165 cm.
Foto: Ralph Delhees
  Trägt den Titel der Ausstellung „Blame it on Boogie 7“ aus 2026. Acryl, Öl und Vinyl auf Leinwand 120 x 150 cm.
Trägt den Titel der Ausstellung „Blame it on Boogie 7“ aus 2026. Acryl, Öl und Vinyl auf Leinwand 120 x 150 cm.
Foto: Ralph Delhees

Aldo Cristofaro malt, als würde er dem Bild beim Entstehen zuschauen. Nichts scheint vollständig festgelegt, bevor der erste Pinselstrich gesetzt ist. Die Komposition entwickelt sich im Malprozess selbst: Formen überlagern sich, Strukturen verdichten sich, Flächen öffnen und schließen sich wieder. Aus einer Geste wird eine weitere, aus einer Entscheidung die nächste. Das Bild bleibt dabei in Bewegung.

Wenn die Hand den Takt vorgibt
Vielleicht liegt genau darin der eigentliche „Boogie“ dieser Malerei: in der Bereitschaft, die Kontrolle nicht vollständig zu behalten.

Cristofaros Arbeiten sind keine stillen Bilder. Selbst dort, wo sie scheinbar verharren, liegt ihnen ein körperlicher Impuls zugrunde. Farbe wird nicht bloß aufgetragen, sondern gesetzt, verschoben, überlagert. Der Pinsel hinterlässt Spuren eines Vorgangs, der sich nicht vollständig zurücknehmen lässt. Acryl, Öl und Vinyl treffen auf der Leinwand aufeinander; leuchtende und kontrastreiche Farbkompositionen behaupten sich, während sich der Bildraum zugleich verdichtet und wieder aufzulösen scheint.

Das Ergebnis bewegt sich zwischen Ordnung und Zufall, zwischen Kontrolle und Offenheit. Der Betrachter blickt deshalb nicht nur auf ein fertiges Bild, sondern gewissermaßen auf die Erinnerung an einen Malprozess.

Zwischen Geste und Großstadt
Darin liegen auch die kunsthistorischen Bezüge, die sich in Cristofaros Arbeiten erkennen lassen. Informel und Tachismus sind als Haltung zur malerischen Geste präsent. Doch der Künstler belässt es nicht bei einer Wiederholung dieser Tradition. Seine Bildsprache nimmt zugleich Erfahrungen aus dem urbanen Raum auf: Graffiti, Architektur, Bewegung, die visuelle Unruhe der Stadt. Farbe und Rhythmus werden zu eigenständigen Kräften.

Bilder, die Geschichten andeuten
Und dann sind da die Titel: „Der Krawall auf der Piazza del Popolo und Maria's feuchter Kuss“, „Das Zaubermädchen und die Suche nach der Goldkrone“, „good morning sunshine" 2“ – schon die Namen verweigern dem Bild eine eindeutige Lesart. Sie erzählen kleine Geschichten, geben Hinweise und führen doch nicht unbedingt zum Ziel. Was genau hinter ihnen steckt, bleibt offen. Vielleicht ist das nur konsequent: Auch die Bilder selbst wollen sich nicht auf eine einzige Bedeutung festlegen lassen.

Ein Künstler zwischen den Welten
Cristofaro, 1970 im italienischen Scordia geboren, lebt und arbeitet seit vielen Jahren in Berlin. Er studierte an der Akademie der Bildenden Künste München bei Nikolaus Lang und war Meisterschüler an der UdK Berlin bei Rebecca Horn und Burkhard Held. Seit 2009 arbeitet die Galerie Bernhard Knaus Fine Art mit ihm zusammen. Zahlreiche Einzelausstellungen und Beteiligungen führten seine Arbeiten unter anderem nach Berlin, München, London, Frankfurt am Main und Zürich. Werke des Künstlers befinden sich zudem in der Sammlung Wemhöner in Berlin und in der Collection Meeschaert in Paris.

Wenn der Raum mitspielt
Im Schloss Henkell treffen diese Bilder nun auf einen Raum, der selbst Geschichte und Atmosphäre mitbringt. Der Marmorsaal verlangt den Werken nichts ab – und macht doch etwas mit ihnen. Die Eleganz des Ortes und die unmittelbare, manchmal geradezu körperliche Energie der Malerei geraten in einen spannenden Dialog.

So wird „Blame it on the Boogie“ am Ende vielleicht weniger zu einer Ausstellung über den Boogie als zu einer Ausstellung über Bewegung. Über den Moment, in dem aus einer Handbewegung Farbe wird, aus Farbe ein Bild und aus einem Bild eine eigene Welt.

Man könnte also tatsächlich dem Boogie die Schuld geben. Oder einfach dem Künstler.

Die Ausstellung ist bis zum 30. April 2027 nach Anmeldung zu sehen. Der Besuch ist im Rahmen von Führungen der Sektkellerei und bei Veranstaltungen möglich. Mehr unter: schloss.henkell@henkell-freixenet.com | www.schloss-henkell.com