Wenn die Diagnose zu spät kommt
Schaufensterkrankheit: Fast 320 Millionen Betroffene weltweit
Fast 320 Millionen Menschen weltweit sind von einer peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (PAVK) betroffen, in frühen Stadien der Erkrankung auch als Schaufensterkrankheit bezeichnet. Jedoch wird die Gefäßerkrankung häufig erst in fortgeschrittenen Stadien erkannt. Die Deutsche Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin e.V. - Gesellschaft für operative, endovaskuläre und präventive Gefäßmedizin (DGG) fordert deshalb mehr Aufmerksamkeit, Prävention und gezielte Früherkennung bei Menschen mit erhöhtem Risiko. Dazu soll insbesondere ein Screening von Risikogruppen mit dem Knöchel-Arm-Index (Ankle-Brachial-Index, ABI) beitragen, der Hinweise auf Durchblutungsstörungen geben kann.
Auf ihrer 42. Jahrestagung rückt die DGG die PAVK in den Mittelpunkt. Am 23. September erscheint zudem eine dreiteilige Clinical Series zum Thema in der renommierten Fachzeitschrift „The Lancet“. Bei der PAVK sind vor allem Schlagadern in den Beinen krankhaft verengt. Die Erkrankung entwickelt sich oft über viele Jahre unbemerkt; im frühen Stadium liegen zwar bereits Gefäßverengungen vor, die Durchblutung reicht im Alltag aber noch aus, um Muskeln und Gewebe ausreichend zu versorgen – Betroffene fühlen sich beschwerdefrei. Wichtige Risikofaktoren sind Rauchen, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und insbesondere Diabetes mellitus. In fortgeschrittenen Stadien kann die PAVK Mobilität und Lebensqualität erheblich einschränken sowie Gliedmaßen und Leben bedrohen.
„Die PAVK ist keine Randdiagnose. Sie ist eine häufige Volkskrankheit, folgenschwer für Betroffene und unser Gesundheitssystem und wird trotzdem zu oft erst erkannt, wenn sie bereits weit fortgeschritten ist“, erklärt Professor Dr. med. Christian-Alexander Behrendt, Mitglied der DGG-Kommission „PAVK und diabetisches Fußsyndrom“ sowie Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Allgemeinen und Endovaskulären Gefäßchirurgie an der Asklepios Klinik Wandsbek. Wie schwerwiegend die Erkrankung verlaufen kann, zeigen Langzeitdaten. „Für Patienten, deren Beine dauerhaft sehr schlecht durchblutet sind, kann das Risiko, innerhalb von fünf Jahren eine Amputation zu erleiden oder zu sterben, je nach persönlichem Gesundheitszustand auf bis zu 88 Prozent steigen.“, so Behrendt.
Früherkennung soll Versorgung verbessern
Wie häufig eine unerkannte PAVK auch in Deutschland sein könnte, verdeutlichen Daten der Hamburg City Health Study: In der bislang einzigen bevölkerungsbezogenen Screening-Studie wies etwa ein Viertel der untersuchten 45- bis 74-Jährigen einen Knöchel-Arm-Index (ABI) unter 0,9 auf – ein Wert, der als diagnostisch beweisend für verengte Beinarterien, also für eine relevante PAVK gilt und auf ein erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko hinweist. Der ABI ist ein einfacher, schmerzloser Test, bei dem der Blutdruck am Fußknöchel mit dem Blutdruck am Oberarm ins Verhältnis gesetzt wird; Werte unter 0,9 deuten auf verengte Becken- oder Beinarterien hin. Rund eine Million gesetzlich Versicherte werden zudem im Krankenhausbereich mit einer PAVK-Diagnose erfasst. „Für die ambulante Versorgung fehlen uns aber robuste Daten, die Dunkelziffer gilt als hoch“, sagt Behrendt.
Eine frühe Erkennung Betroffener kann den Weg für evidenzbasierte Präventionsmaßnahmen ebnen. Die DGG fordert deshalb ein risikobasiertes Früherkennungsangebot: Menschen mit Risikofaktoren sollten gezielt beraten und mittels ABI untersucht werden. „Wir müssen gefährdete Menschen früher erreichen. Beratung und eine einfache Gefäßdiagnostik können dazu beitragen, eine PAVK zu erkennen, bevor erstmals eine ambulante oder stationäre invasive Behandlung notwendig wird“, sagt Behrendt. Wie wichtig eine rechtzeitige Diagnose sein kann, zeigt eine aktuelle Analyse von Krankenkassendaten: War die PAVK bereits vor der ersten Krankenhausbehandlung korrekt diagnostiziert, waren die Behandlungsergebnisse besser beziehungsweise die Behandlung komplikationsloser. Dies lässt sich beispielsweise durch eine konsequente Rauchentwöhnung und weitere Lebensstiländerungen, aber auch durch eine optimale Arzneimitteltherapie erklären, wodurch Herz-Kreislaufkomplikationen effektiv verhindert werden können.
Lancet-Serie rückt PAV K international in den Fokus
The Lancet widmet der PAVK und den gefäßbedingten Komplikationen des diabetischen Fußsyndroms erstmals eine zusammenhängende Clinical Series. Die drei Beiträge behandeln Diagnose und Screening, Therapie sowie die globale Bedeutung der Erkrankung. Behrendt koordiniert die Serie medizinisch-wissenschaftlich. Die DGG begleitet die Awareness-Arbeit unter anderem mit ihrer Jahrestagung, Fortbildungen, Leitlinienarbeit und Versorgungsforschung. „Wir müssen die PAVK aus dem Schatten anderer Herz-Kreislauf-Erkrankungen holen“, betont Professor Dr. med. Farzin Adili, Präsident der DGG und Kongresspräsident. „Ihre Häufigkeit und ihre schwerwiegenden Folgen sollten sich künftig auch in der gesundheitspolitischen Aufmerksamkeit und in den Versorgungsstrukturen widerspiegeln.“