Wenn aus Entfernung Nähe wird
Schulleiterin Schmidt und ihre Amtskollegin Takasu in Yokohama freuen sich auf den Schüleraustausch 2027. Der Duft von frisch zubereitetem Essen füllt den Schulhof. Auf den Fluren herrscht Stimmengewirr, Türen stehen offen, Schülerinnen und Schüler laufen zwischen Klassenräumen und Ständen hin und her. Einige erklären Besucherinnen und Besuchern ihre Projekte, berichten aus ihrem Unterricht an der Sakuragaoka High-School. Andere kümmern sich um das Streetfood, das sie für diesen Tag vorbereitet haben. Es gibt Takoyaki, frittierte Oktopus-Bällchen, Yakisoba, ein japanisches Nudelgericht – und auch Döner Kebab.
Foto: Stadt Frankfurt am Main
Während auf dem Schulhof und in den Gängen Schülerinnen und Schüler, Eltern sowie Lehrerinnen und Lehrer miteinander ins Gespräch kommen, gibt es drinnen eine besondere Begegnung: Haruko Takasu, Schulleiterin der Sakuragaoka High-School in Yokohama, sitzt ihrer Kollegin Elke Schmidt von der Partnerschule aus dem rund 10.000 Kilometer entfernten Frankfurt gegenüber. Schmidt ist Schulleiterin der Schule am Ried in Bergen-Enkheim. Für sie ist der persönliche Austausch an diesem Tag ein besonderer Höhepunkt der Delegationsreise der Stadt Frankfurt, an der sie teilnimmt. „Dass der Blick bei dieser Reise auch auf den Schüleraustausch und die jungen Menschen gerichtet wird, finde ich wunderbar. Denn diese Art der Begegnungen sind sehr wichtig für Jugendliche. So erweitern sie ihren Horizont, ihr Netzwerk und knüpfen Freundschaften. Sie lernen auch, wie Unterricht in einem anderen Land stattfindet, sehen Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten. Die jungen Menschen freuen sich sehr darauf“, sagt die Frankfurter Schulleiterin.
Die Vorfreude auf den Austausch im Februar 2027 ist an diesem Tag bereits bei den Lehrkräften zu spüren. „Ich bin Eintracht Frankfurt-Fan und freue mich sehr darauf, ein Spiel des Vereins in Frankfurt zu sehen“, sagt Hirotaka Ogawa. Der Englischlehrer wird im Februar 2027 zusammen mit seiner Kollegin Yui Nishikori 16 Schülerinnen und Schüler der Sakuragaoka High-School nach Frankfurt begleiten. Eintracht Frankfurt lässt Herzen höherschlagen: Lehrerin Nishikori strahlt, als sie den Namen des Vereins hört: „Oh, ich liebe Makoto Hasebe!“
Der Schüleraustausch ist wichtiger Bestandteil der Städtepartnerschaft
Dass der Besuch die Delegation ausgerechnet am Tag des Schulfestes an die Partnerschule führt, macht ihn zu mehr als einem offiziellen Termin. Über Tausende Kilometer hinweg verbindet die zwei Schulen seit fast zehn Jahren eine Partnerschaft, die von Begegnungen und Austausch lebt. Nun sitzen sich die beiden Schulleiterinnen zusammen mit Oberbürgermeister Mike Josef und Eileen O´Sullivan, Dezernentin für Bürger, Digitales und Internationales, persönlich gegenüber, sprechen über ihre Erfahrungen, über das, was bereits entstanden ist, und darüber, dass die Verbindung zwischen den Schulen weiter bestehen soll. „Mein Team engagiert sich sehr für diesen Schüleraustausch und arbeitet enthusiastisch daran, dass es ihn auch in Zukunft gibt. Daher ist für mich auf dieser Reise wichtig, vor Ort den Kontakt zu pflegen und über unsere weitere Zusammenarbeit zu sprechen“, sagt Schmidt. Mit der Japan-AG an ihrer Schule bereitet ihr Team die Schülerinnen und Schüler auf den Austausch vor, unter anderem lernen sie neben japanischen Vokabeln auch japanische Schriftzeichen, Kultur und Geschichte kennen. Seit kurzem wird die AG an der Schule am Ried von einer ehemaligen Schülerin geleitet, die selbst einmal den Austausch mitgemacht hat und nun Absolventin der Japanologie ist.
Die vielen Erfahrungen und Erinnerungen sind der Grund dafür, dass der Schüleraustausch auch in Zukunft ein wichtiger Bestandteil der Städtepartnerschaft zwischen Frankfurt und der japanischen Hafenstadt bleiben wird, betonen auch Oberbürgermeister Josef und Stadträtin O´Sullivan. „Durch den Austausch wird ein positives Bild unserer Stadt in die Welt getragen. Die Verständigung zwischen den Jugendlichen hilft, die Grenzen in den Köpfen der Jugendlichen abzubauen, sie stärkt Weltoffenheit und fördert demokratisches Selbstbewusstsein. Und das wollen wir stärken“, sagt Josef. Wie zentral die Rolle der Lehrkräfte dabei ist, hebt O'Sullivan hervor: „Es sind die Schulen und ihre Lehrerinnen und Lehrer, die mit ihrem außerordentlichen Engagement Schüleraustausche überhaupt erst ermöglichen, jungen Menschen damit neue Welten eröffnen und die Zukunft gestalten. Deswegen ist es umso wichtiger, dass wir Schüleraustausche als Stadt weiterhin unterstützen.“
Mit gestärktem Selbst und einem erweiterten Horizont heimkehren
Schulleiterin Takasu weiß, welche Wirkung die Reise nach Deutschland auf ihre Schülerinnen und Schüler hat: „Wir sind ein Inselland und der Besuch in Deutschland erweitert den Horizont. In Frankfurt lernen sie, was Internationalität und Vielfalt bedeutet. Sie treffen so viele unterschiedliche Menschen und tauschen sich aus, dass sie nach einer Woche mit einem gestärkten Selbstbewusstsein und einem erweiterten Horizont wiederkommen.“ Deshalb wünscht auch sie sich, dass der Schüleraustausch weitergeführt wird. „So entstehen die Weltbürger von morgen“, sagt Takasu.
An diesem Tag ist die Schule auf dem Kirschblütenhügel – das bedeutet nämlich Sakuragaoka, der Ort gelebter Städtepartnerschaft. Bei einem kleinen Rundgang kommen die Delegationsteilnehmerinnen und -teilnehmer mit den Schülerinnen und Schülern in Kontakt: eine kurze Erklärung an einem Stand oder eine neugierige Frage. Und Frankfurt ist überall präsent. Denn die Schülerinnen und Schüler haben ihre Erfahrungen und Erinnerungen auf Plakaten und mit Collagen festgehalten, die in den Fluren und Klassenzimmern hängen.
Eine alte Tradition, vermittelt von jungen Menschen
Abseits des Trubels führt der Weg die Delegation in einen traditionellen japanischen Raum für Teezeremonien – einen Chashitsu. Hier wartet eine besondere Erfahrung auf die Gäste aus Frankfurt: Schülerinnen und Schüler der Schule haben eine Teezeremonie für sie vorbereitet.
Die Jugendlichen gehören einer AG an, in der sie traditionelle kulturelle Bräuche kennenlernen und einüben. Nun bringen sie ihren Gästen ein Stück japanische Kultur näher. Mit großer Konzentration führen sie durch die einzelnen Schritte der Zeremonie. Bewegungen und Handgriffe folgen einer festen Ordnung, der Tee wird sorgfältig zubereitet und den Gästen gereicht.
Nach all den Stimmen, Gesprächen und Eindrücken des Schulfestes entsteht ein Moment der Ruhe. Die Delegation genießt die Zeremonie und erlebt eine alte Tradition, vermittelt von jungen Menschen.
Frankfurt und Yokohama trennen geografisch zwar rund 10.000 Kilometer. Doch an diesem Tag wird spürbar, wie nah sich Menschen über diese Entfernung kommen können. Im Februar werden es die Schülerinnen und Schüler aus Yokohama sein, die sich auf den Weg machen. Dann führt die Schulpartnerschaft sie für eine Woche nach Frankfurt – wo sie bei Gastfamilien wohnen und die Schule am Ried besuchen werden.
Weitere Informationen
2016 besuchte erstmals eine Schülergruppe der Schule am Ried eine Schule in Yokohama. Seit 2017 besteht die Partnerschaft mit der Sakuragaoka High School. Seither finden gegenseitige Schülerbegegnungen statt. Zum Programm gehören die Unterbringung in Gastfamilien, Schul- und Unterrichtsbesuche, gemeinsame Workshops und Arbeitsgemeinschaften sowie kulturelle Exkursionen.
Die Schülerinnen und Schüler werden bei ihren Besuchen auch im Frankfurter Römer oder im Rathaus von Yokohama empfangen. Zuletzt kamen im Februar 2025 16 Schülerinnen und Schüler sowie zwei Lehrkräfte der Sakuragaoka High School nach Frankfurt. Im selben Jahr reiste eine Gruppe der Schule am Ried für zehn Tage nach Japan.
Sakuragaoka ist ein Wohnviertel und Stadtteil im Bezirk Hodogaya-ku der japanischen Großstadt Yokohama. Der Name bedeutet übersetzt „Kirschblüten-Hügel“. Im Frühjahr stehen die von Kirschbäumen gesäumten Straßen in voller Blüte. Im Viertel befindet sich die bekannte, traditionsreiche Oberschule „Sakuragaoka High School“ mit rund 960 Schülerinnen und Schülern. Kommendes Jahr feiert die Schule ihr 100-jähriges Jubiläum. (ffm)
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