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Letzte Aktualisierung: 30.09.2022

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Wenig Tanz – viel Disput

„Die Tanzstunde“ im Rémond-Theater in Frankfurt

von Ingeborg Fischer und Karl-Heinz Stier

(19.09.2022) Das Bühnenbild (Tom Grasshof) – graue Tafelwände – und links eine Bettstatt, zerwühlt, Flaschen, Gläser, Medikamente, Unordnung. Rechts nur eine einfache Ecke – ordentlich – pedantisch. Mitten im Chaos liegt Senga Quinn (Madeleine Niesche) mit einer Prothese am linken Bein. Sie trinkt und ist verzweifelt.

Ralf Stgech, Madeleine Niesche
Foto: Helmut Seuffert
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Denn ihr Leben ist Tanzen, und als Tänzerin wird sie nach einem Unfall höchstwahrscheinlich nicht mehr auftreten können. Das Knie ist zertrümmert, müsste operiert werden mit ungewissem Ausgang. Madeleine Niesche spielt die gehandicapte, verzweifelte Tänzerin überzeugend.

In ihr Elend platzt Ever Montgomery, Professor für Geowissenschaften (Ralph Stech), der mit einem hohen Preis geehrt werden soll. Das Problem für ihn ist, dass ihm bei der Preisverleihung die Hand geschüttelt und er umarmt werden wird, und er auch – so wurde ihm gesagt - mindestens einmal tanzen muss. Für Ever ist das ein Alptraum, denn er ist Autist mit Asperger-Syndrom, erträgt keine Berührungen, kann Gesichtsausdrücke nicht deuten und kann keine sozialen Kontakte knüpfen. Ralph Stech versucht, die komplexe Persönlichkeit des Autisten glaubhaft darzustellen, was nur teilweise gelingt. Aber in einigen Szenen – besonders den erotischen – überzeugt er.

Ever will auf Empfehlung des Hausmeisters - denn die Protagonisten wohnen im selben Haus – bei Senga Tanzstunden nehmen, um bei der Preisverleihung  bestehen zu können. Es beginnt zwangläufig mit einem Streit, denn Senga kann sich ja nur eingeschränkt bewegen und möchte in Ruhe gelassen werden. Erst ein großzügiges finanzielles Angebot stimmt sie um.

Der Autor und Dramatiker Mark St.Germain setzt in seinem Stück um, was man herkömmlich über Autismus weiß. Er lässt Stech die Angst vor körperlicher Nähe und Berührungen voll ausspielen, aber sie auch – was eher unwahrscheinlich ist – überwinden. Dass Mann und Frau sich näherkommen – näher als der Zuschauer meint, glauben zu können – entwickelt sich, auch mit Hilfe von reichlich Alkohol. Eine erotische Szene auf der Rémond-Bühne zeigt das deutlich, bevor sich der Vorhang zur Pause schließt.

Nach der Pause, im 2. Akt, wird klar, dass das körperliche Näherkommen ein Ausrutscher war. Zwar haben sich die beiden in Gesprächen geöffnet und von ihren Ängsten Einiges preisgegeben, jeder hat von jedem Erlebnisse aus der Vergangenheit erfahren und man versteht mehr vom Fühlen des Anderen. In dem Zweipersonen-Stück spielen Niesche und Stech die Szenen zwischen Streit und gegenseitigem Verstehen überzeugend. Zum Schluss trennt man sich -  Ausgang offen!

Regie führt Heinz Kreidl, für die Kostüme zeichnet Monika Seidl.

 Zu sehen bis zum 23. Oktober 2022, jeweils ab 20 Uhr, sonntags ab 18 Uhr, montags spielfrei.  

www.fritzremond.de;  Telefon (069)444004