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Letzte Aktualisierung: 03.07.2020

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We have a plan… but not a clue!

The English Theatre Frankfurt eröffnet Spielzeit 2020/2021

von Ilse Romahn

(15.06.2020) Optimistisch in die Zukunft sehen, an das Theater glauben und daran, dass unsere Gesellschaft gemeinsam im (distanzierten) Austausch diese Krise meistern wird, ist für die kommende Spielzeit der Plan des English Theatre Frankfurts (ETF).

Das „wie“ hingegen ist ungewiss: wie wird sich Leben und Arbeit mit Covid-19 entwickeln, wie verändert die Krisenerfahrung das Bedürfnis der Menschen nach Kulturerlebnis und wie werden die Regularien zu Proben- und Spielbetrieb in den nächsten Wochen und Monaten aussehen? Ungewissheit annehmen ist eine der größten Herausforderungen der Zeit. Bei der Spielzeitplanung gilt das Konzept der Stunde: Agilität. Die Produktionen bleiben derzeit bewegliche Bausteine, die beliebig in der Spielzeit zum Einsatz kommen können. "Wir planen also eine Spielzeit (We have a plan…), wissend, dass am Ende alles anders kommen kann als man denkt (but not a clue!)", informiert der künstlerische Direktor Daniel Nicolai.

Joker-Spielzeit
In London stehen die Schauspieler der ETF Produktion „Secret Life of Humans“ (Uraufführung 2017) unter der Regie von Psyche Stott („The Chidlren“2018) in den Startlöchern. David Byrnes Stück ist zugleich Anekdote eines One-Night-Stands, Lebensgeschichte von Jacob Bronowski (TVEvolutionsreihe „The Ascent of Man“, 1973) und behandelt nicht weniger als die Historie der Menschheit. Inspiriert von Bestsellerautor Yuval Noah Harari („Sapiens. A Brief History of Humankind“, 2011) erörtert "Secret Life of Humans" die große Frage, was den Menschen zu den komplizierten Wesen macht, die wir sind.

Mel Brooks Comedy-Horror-Musical „Young Frankenstein“ (Uraufführung Broadway 2007) sorgt am ETF für Entlastung, nimmt es sich doch selbst auf die Schippe und parodiert das gesamte Musical- und Horrorgenre. Frankenstein-Enkel Friedrich kämpft mit dem Erbe seines berühmten Großvaters und ohne es zu wollen, scheint er dessen Fußstapfen mehr als auszufüllen. Mit „Young Frankenstein“ in der Regie von Derek Anderson (u.a. „Hand to God“, „The Lion in Winter“ beide 2018 und „Sweeney Todd“ 2019) steht eine der größten Mythen der Weltliteratur auf der Bühne des ETFs.

Aus ihrer Realität ausbrechen möchte auch Rachel Watson in der Bühnenfassung von Paula Hawkins Bestseller „The Girl on the Train“ (Uraufführung 2019). Frisch geschieden träumt sich die depressive Alkoholikerin auf ihren täglichen Zugfahrten in das Leben eines vermeintlich perfekten Paares, bis sie aus dem Fenster heraus Unglaubliches beobachtet. Regisseurin Psyche Stott inszeniert die Deutschlandpremiere dieser düsteren Geschichte um Liebe und Illusion. Agiler Joker für das English Theatre Frankfurt ist „The Great Play“ (A play to be announced); eine Programmierung geschrieben von Lebensumständen, vorläufig ohne Titel und Autor. Mit Trump‘scher Gewissheit lässt sich vorhersehen, dass es großartig wird; wenn es denn wird. Einsetzbar etwa als Zwei-Personen-Stück am Anfang der Spielzeit, als reguläres viertes Stück, als Überraschung am Ende der Spielzeit, als Koproduktion (American Son) mit dem Ensemble Theater Santa Barbara oder eben auch einfach gar nicht – wie es Covid-19 gefällt.

Die Theaterpädagogik des ETF bereitet für die kommende Spielzeit im Rahmen der Digitalisierung der Schulen und der Bildungsanordnung (außerschulische Aktivitäten bis zu den Herbstferien einzustellen) Online Workshops vor, die aktuell mit Partnerschulen getestet werden. Das Online Outreach Programm wird durch „Huck Finn“ (Play for young audiences) nach „Huckleyberry Finn“ von Mark Twain ergänzt, als Open Air Vorstellungen für Familien und dann zunehmend wieder als Matineeprogramm Schulgruppen. Die schockierenden Ereignisse in den USA unterstreichen die Bedeutung von Huckleberry Finn so viele Jahre nach Entstehung des Romans. Die Proben zur Schülerproduktion „Shockheaded Peter“ sollen wieder aufgenommen werden. "Wir hoffen, die Spielzeit mit dieser Adaption von Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter fulminant zu beenden", so Daniel Nicolai..

Auch mit seinen Sonderprogrammen blickt das ETF optimistisch in die Zukunft. Kabarettist Vince Ebert ist aus den USA zurückgekehrt. In seinem neuen englischen Programm „Make Science Great Again!“ teilt er seine Auslandserfahrungen mit unserem Publikum. Rhetoriker Lars Ruppel steht mit seinen Slammern in den Startlöchern, den monatlichen Poetry Slam Deluxe baldmöglichst präsentieren zu können.

The English Theatre im Covid-19 Shutdown
Mitte März schloss das ETF gemäß den Richtlinien des Robert-Koch-Instituts und der Anordnung der Stadt Frankfurt den Spielbetrieb im Kampf gegen Covid-19. Die Produktion „The Effect“ in Frankfurt und die Produktion „Sweeney Todd“ auf Gastspiel in München wurden frühzeitig eingestellt. In London „Secret Life of Humans“ in den Endproben abgebrochen und in Santa Barbara (Kalifornien, USA) die Produktion „American Son“ kurz vor Probenbeginn gestoppt. Ausverkaufte Vorstellungsblöcke der Jugendproduktion „Huck Finn“ mussten abgesagt die laufenden Proben zur Schülerproduktion „Shockheaded Peter“ ausgesetzt werden und der Festakt zum 40-jährigen Jubiläum des Theaters musste ausfallen.

In Kurzarbeit digitalisieren, reparieren und reinigen die Mitarbeiter seitdem das Theater und suchen nach neuen Formen, Theater präsentieren zu können. Die Krise hat aber auch gezeigt, wie sehr das ETF bei Freunden und Förderern in Frankfurt und der Region verankert ist. "Das English Theatre Frankfurt ist seinem Publikum und seinen Förderern für die Solidarität und andauernde Unterstützung in dieser Krise sehr dankbar", betont Daniel Nicolai.

The English Theatre Frankfurt ∙ Gallusanlage 7 ∙ 60329 Frankfurt am Main ∙ www.english-theatre.de