Was der Tagesschau wirklich wichtig ist
Buchempfehlung: Durchs irre Germanistan
Das bietet sich sogar irgendwie an, denn die jeweiligen Kapitel über Personen und Zustände sind erfreulich kurz geschrieben und die Texte sind mit einem kräftigen Schuss Humor gewürzt, so dass man den geschilderten täglichen Wahnwitz einigermaßen verträgt. „Leider gehört auch Humor zur Mangelware in der Ampel-Republik, denn Ironie passt nicht zur woken, politisch korrekten, achtsamen, diversen und nachhaltigen Gesellschaft, die niemanden zurücklassen will und eben deshalb nicht vorwärtskommt“, haben die Autoren selbst zum Thema Humor angemerkt.
Als erste Leseprobe haben wir uns ein Thema ausgesucht, mit dem ein jeder täglich konfrontiert, aber keineswegs mehr zufrieden ist, die Tagesschau. Unter dem Titel „Was der Tagesschau wirklich wichtig ist“ steht dort also zu lesen:
„Am Sonntagabend, 19. März 2023 war die News in der Welt: Elin, sieben Jahre alt und im Rollstuhl sitzend, wird ab Herbst des Jahres – gut Ding will Weile haben – neue Bewohnerin der Sesamstraße. In einem knapp zweiminütigen Filmbericht der 20-Uhr-Tagesschau, für den gleich zwei Autoren verantwortlich zeichneten, wurde die Sensation verkündet: Auch das berühmte Puppenensemble mit Ernie und Bert soll nun »inklusiver« werden. Dazu kämen noch jede Menge Vielfalt und Toleranz, kurz: »ein Schritt zu mehr Diversität im Kinderfernsehen«. In unserer Kindheit fanden wir zwar schon die Augsburger Puppenkiste ebenso wie Lolek und Bolek aus Prag sehr bunt und lustig, aber was wussten wir damals in der gewerkschaftseigenen Sozialbausiedlung in Frankfurt-Eckenheim schon von Diversität? Nun sollten weitere mutige Schritte auf dem Weg zur totalen Inklusion folgen.
Obwohl der Anteil von jüdischen Menschen in Deutschland – nach dem Holocaust immerhin wieder 200 000 Leute – nur 0,25 Prozent beträgt und nicht rund 1,7 Prozent wie der Anteil behinderter Kinder in Deutschland, müsste ein Gideon, Moshe oder Aron in die Sesamstraße aufgenommen werden, der beschnitten ist, die Bar-Mizwa feiert und leckere Matzen für alle mitbringt. Natürlich käme auch ein Transmoslem mit tunesisch-pfälzischem Migrationshintergrund infrage. Ein ARD-Brennpunkt zu dieser historisch neuen Stufe von Vergangenheitsbewältigung, interkultureller Teilhabe und geschlechtersensibler Inklusion wäre garantiert.
Endgültig verblassen würde dagegen die legendäre Tagesschau- Meldung vom 24. Februar 2004, der zufolge ein gewisser Daniel Küblböck in der Nähe seines niederbayerischen Heimatortes Eggenfelden mit einem Gurkenlaster zusammengestoßen war. Der damals verantwortliche Tagesschau-Chef, Kai Gniffke, hat den Unfall gut überstanden: Er ist heute Intendant des Südwestrundfunks und ARD-Vorsitzender, ein wahrer Kämpfer für die gute Sache, der sich auch angesichts des rbb-Skandals mit sensationell hohen »Ruhebezügen« ausgeschiedener Führungskräfte für eine weitere Erhöhung des Rundfunkbeitrags einsetzt. Vor seiner Fernsehkarriere studierte er 22 Semester lang Soziologie, Politikwissenschaft und Öffentliches Recht. Es hat sich gelohnt. Nun verdient er stolze 30 000 Euro im Monat, und bis heute ist die Prioritätensetzung der Tagesschau von wissenschaftlicher Akribie getragen. Nur das Wetter bleibt, wo es war: ganz am Ende, unberechenbar wie eh und je.“
Und hier noch eine erfreuliche Neuigkeit zum Abschluss: Die um zehn neue Texte erweiterte vierte Auflage des Buches kommt diese Woche in den Handel.
Um wen handelt es sich nun bei den beiden Autoren? Sie waren auch vor ihrem Buch, mittlerweile Spiegel-Bestseller, keine Unbekannten. Der eine heißt Henryk M. Broder, Jahrgang 1948, geboren in Katowice/Polen, Abitur und Führerschein in Köln. Autor für St. Pauli Nachrichten, Spiegel, profil, Zeit, Weltwoche, FR, FAZ, SZ und andere Mainstream-Medien. Seit 2011 Reporter bei der WELT-Gruppe. Henryk M. Broder hat zahlreiche Bücher veröffentlicht und ist Gründer und Mitherausgeber des Autorenblogs achgut.com „Achse des Guten“. Er lebt in Augsburg, Berlin und Franzensbad.
Der andere Autor ist Reinhard Mohr, Jahrgang 1955. Er studierte Soziologie an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main und arbeitete u.a. für die taz und die FAZ, den Spiegel und den Stern. Im Europa Verlag erschien 2021 sein Buch „Deutschland zwischen Größenwahn und Selbstverleugnung“. Reinhard Mohr lebt in Berlin Prenzlauer Berg und schreibt als freier Journalist vor allem für Welt am Sonntag und NZZ.
(„Durchs irre Germanistan – Notizen aus der Ampel-Republik“, ISBN-Nummer lautet 978-3-95890-593-1, 20 Euro)
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