Warum Reisende im Urlaub von Älteren lernen wollen
Immer mehr Reisende suchen im Urlaub weniger klassische Sehenswürdigkeiten und stattdessen persönliche Begegnungen. Erlebnisse, die von älteren Gastgebern geprägt sind, gewinnen dabei zunehmend an Bedeutung.
Das zeigt ein aktueller Report des Reiseerlebnis‑Anbieters GetYourGuide. Demnach würden 76 Prozent der Befragten ein Erlebnis buchen, das von älteren Guides angeboten wird. 69 Prozent bevorzugen es sogar, im Urlaub von älteren Menschen zu lernen statt von jüngeren Generationen. Parallel dazu wächst der Wunsch nach analogen Tätigkeiten: 96 Prozent der Befragten gehen regelmäßig Hobbys wie Kochen, Gärtnern oder Handwerken nach.
Persönliche Erfahrungen statt Standardtouren
Was unter dem Schlagwort „Grandmacore“ in sozialen Netzwerken begann, spiegelt sich zunehmend im Reiseverhalten wider. Gefragt sind Formate, bei denen Wissen und Erfahrung persönlich weitergegeben werden – etwa beim gemeinsamen Kochen, bei handwerklichen Arbeiten oder beim Erzählen von Lebensgeschichten.
In Rom etwa kocht die 68‑jährige Rosella mit Reisenden frische Pasta von Hand. Dabei steht nicht nur das Ergebnis, sondern der gemeinsame Prozess im Vordergrund. „Wenn die Gäste ankommen, sind sie oft etwas schüchtern. Aber wenn sie gehen, umarmen sie mich“, sagt sie.
In Paris vermittelt die 63‑jährige Catherine französisches Pâtisserie‑Handwerk. Über ihre Kurse sagt sie: „Ich wollte den Menschen eine Erinnerung an Paris mitgeben – keine Souvenirs, sondern eine Fähigkeit und ein Stück Tradition.“
Workshops legen deutlich zu
Auch die Buchungszahlen belegen den Trend. Workshops und Kurse wuchsen bei GetYourGuide zwischen 2023 und 2025 um mehr als 250 Prozent und damit deutlich schneller als klassische Sehenswürdigkeiten. Erlebnisse mit älteren Guides legten im gleichen Zeitraum um 50 Prozent zu.
„Reisen bedeutet heute mehr, als nur Orte abzuhaken“, sagt GetYourGuide‑Mitgründer Johannes Reck. „Viele Menschen wollen einen Ort durch diejenigen verstehen, die ihn geprägt haben.“
Deutschland setzt auf Praxisnähe
In Deutschland ist der Wunsch nach praktischen Erfahrungen besonders ausgeprägt. 67 Prozent der Befragten möchten handwerkliche Fähigkeiten aktiv erlernen, bevorzugt von Menschen, die diese über viele Jahre hinweg entwickelt haben. Auch analoge Gewohnheiten sind verbreitet: 61 Prozent schreiben noch Postkarten oder Briefe, 62 Prozent beschäftigen sich regelmäßig mit Rätseln wie Sudoku oder Kreuzworträtseln.
Viele verbinden diese Aktivitäten mit Entschleunigung und Stressabbau. Gleichzeitig gewinnen Erlebnisse, bei denen Wissen im persönlichen Austausch vermittelt wird, bei der Reiseplanung an Bedeutung – ähnlich wichtig wie Empfehlungen und Bewertungen.
Stadtgeschichte aus persönlicher Perspektive
Wie stark Erfahrung und persönliche Perspektive geschätzt werden, zeigt ein Beispiel aus Erfurt. Die heute 90‑jährige Gudrun Ahr begann nach ihrer Pensionierung mit Stadtführungen. Die frühere Bio‑ und Chemielehrerin lebt seit 1958 in Erfurt und führte über viele Jahre Besucher durch ihre Stadt.
„Jede Tour ist anders“, sagt sie. Besonders gern zeigt sie architektonische Kontraste, bei denen Renaissance, Gotik, Jugendstil und Bauhaus nur wenige Schritte voneinander entfernt liegen. Viele ihrer Gäste seien deutlich jünger. „Ich kann erzählen, wie sich Erfurt von der Nachkriegszeit über die DDR bis heute verändert hat. Das interessiert sie.“
Hinweise zur Studie
Die Ergebnisse basieren auf einer von GetYourGuide initiierten Umfrage unter mehr als 8.000 Reisenden in Frankreich, Deutschland, Großbritannien und den USA. Ergänzend wurden interne Buchungsdaten aus den Jahren 2023 bis 2025 ausgewertet.
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