Kultur

W.I.M. - Ausstellung im Filmmuseum

Musik ist sein Lebenselexier. Der ständig Reisende

Wochenlang vor dem Ausstellungsbeginn und dem dreitägigen Festival in der Alten Oper hing das große Plakat mit dem Gesicht von Wim Wenders an vielen Litfaßsäulen in Frankfurt. Angekündigt wurden seine Ausstellung im Deutschen Filminstitut und Filmmuseum und seine Filmabende mit Gesprächen in der Alten Oper Frankfurt. Tagelang war der renommierte, weltberühmte Filmemacher, Fotograf, Maler und Autor Wim Wenders in Frankfurt, wo er schon einmal wohnte. Er mag die Stadt.

Wim Wenders 10.3. auf ein Foto mit ihm zeigend
Wim Wenders 10.3. auf ein Foto mit ihm zeigend
Foto: Renate Feyerbacher
 Auszeichnungen für Pina Bausch Dokumentation
Auszeichnungen für Pina Bausch Dokumentation
Foto: Renate Feyerbacher
 Pina Bausch in der Paulskirche (Goethe-Preis 2008)
Pina Bausch in der Paulskirche (Goethe-Preis 2008)
Foto: Renate Feyerbacher
 Donata und Wim Wenders am 3.Oktober 2018 im DFF
Donata und Wim Wenders am 3.Oktober 2018 im DFF
Foto: Renate Feyerbacher
Blick in die Ausstellung      
Blick in die Ausstellung    
Foto: Foto: Uwe Dettmar – DFF

Kurator Hans-Peter Reichmann, ein Urgestein im DFF, hatte gemeinsam mit seiner Frankfurter Kollegin Isabelle Bastian und der Kunsthistorikerin Susanne Kleine bereits letztes Jahr zu Wenders 80. Geburtstag (14.August) in der Bonner Bundeskunsthalle die große Retrospektive „W.I.M. – Die Kunst des Sehens“ kuratiert. In Bonn standen 1600 Quadratmeter für die Ausstellung zur Verfügung, im DFF sind es nur 450. „Daher wird Wenders bei uns weniger als Maler und Fotograf gezeigt, der er ja auch ist. Wir sind die Experten für Film und richten unseren Fokus vorwiegend auf seine Kinoarbeit“, so Reichmann, der den Regisseur seit 52 Jahre kennt. Bereits 1974 gab es im neugegründeten „Koki“ (Kommunales Kino) - dank Hilmar Hoffmann (1925-2018) - die erste Hommage für den damals 28jährigen Wim Wenders.

Lange Zeit haben Hans-Peter Reichmann und Isabelle Bastian an der Planung und Vorbereitung dieses Museums-Höhepunkts gearbeitet. Beim Aufbau waren sie begeistert davon, wie Wim Wenders sich beteiligte. Nur wenige Male gebe es die Gelegenheit, eine Ausstellung mit einem lebenden Künstler zu gestalten, der auch anpackt. Den technisch aufwändigen Raum, das 3D-Kino, in dem eine Zusammenstellung aus drei von Wenders 3D-Kinofilmen erlebt werden kann, schuf er selbst. Im DFF gelingt ein neuer inhaltlicher Schwerpunkt.

Am Eröffnungsabend im DFF am 10.März standen W.I.M.-Begeisterte im vollen Kinosaal beziehungsweise mussten sein Gespräch mit den beiden Kuratoren im Foyer anhören. Viel Persönliches gab er preis und ging ausführlich auf seine Filme ein. Selbstbewusst, sich aber gelegentlich auch in Frage stellend, politisch informiert und manchmal humorvoll antwortete er.

Geboren 1945 in Düsseldorf, ein Nachkriegskind, das zunächst gerne in den Trümmern, die nicht betreten werden durften, begeistert spielte, bis er die Tragweite des Verbots verstand. Vier Jahre später zog die Familie nach Boppard. Der Vater Heinrich Wenders, Promotion 1942, Truppenarzt, arbeitete nach dem Krieg als Arzt zunächst in Koblenz und ab 1960 als Chefarzt in Oberhausen. Dort ging der Sohn aufs Gymnasium und machte Abitur. Er begann ein Medizinstudium, brach es aber bald ab, ging nach Paris und bewarb sich am Institut des Hautes Études Cinématographiques, wurde aber abgelehnt. Maler war der andere Berufswunsch von ihm.  Werke des Jugendlichen sind in der Ausstellung zu sehen. In Paris wurde er Radierer beim weltberühmten deutsch-französischen Künstler Johnny Friedlander (1912-1992), Wegbereiter der modernen Farbradierung. Nebenbei besuchte er die Cinémathèque française, wo er sich bis zu fünf Filme am Tag ansehen konnte. 1967 folgte die Aufnahme an der gerade gegründeten Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) in München, die er mit seinem Abschlussfilm Summer in the City mit Hanns Zischler (*1947) verließ. Neben dem Studium hatte er Filmkritiken für verschiedene Presseorgane geschrieben.

Zwei Jahre durchforsteten die Macher das Archiv der Wim Wenders-Stiftung. Material gab es genug: „Das war toll – wie eine Wundertüte. Man öffnet einen Karton und weiß nicht, was darin ist“, so Reichmann. Sie fanden zum Beispiel einen Brief von Papst Franziskus an den „Caro maestro“. Die große Stärke des DFF ist, dass Ausstellungen aus künstlerischen Vor- und Nachlässen ermöglicht werden.

Viele Exponate stammen aus dem Archiv der Wim Wenders-Stiftung, darunter Drehbuchentwürfe, Korrespondenzen, Notizbücher und Tagebücher. Ergänzt wird die Präsentation durch bedeutende Objekte aus den Sammlungen des DFF: Polaroids, Kostüme und Requisiten aus der Sammlung Wim Wenders, Setfotografien sowie Architekturentwürfe der Filmarchitektin Heidi Lüdi. Kameramann Robby Müller und Editor Peter Przygodda werden vom Regisseur vorgestellt und sprechen über ihre Erfahrungen bei Dreharbeiten. Im Audioguide begleitet er die Besucher höchstpersönlich. Er spricht auch über seine Liebe zu Japan. Sein Spielfilm Perfect Days 2023 wurde mehrfach ausgezeichnet und von Japan für den Oscar nominiert. Darin wird der Tagesablauf eines Toilettenreinigers erzählt. Musik trägt den Film.  

Im Zentrum der Ausstellung steht eine für Frankfurt am Main entwickelte Film-Jukebox, über die das Publikum interaktiv zu den Drehorten der Wenders-Filme gelangt und in viele seiner Filme hineinschauen kann. 

Ein wichtiger Einfluss war für ihn das US-amerikanische Kino, doch erst während seines 15-jährigen Aufenthaltes in den USA wurde ihm bewusst, dass seine Welt mehr das europäische Kino war.

Wim Wenders wurde einer der großen Meister des Autorenfilms. Seine nachdenklichen, suchenden Figuren waren immer in Bewegung wie er selbst - per Zug, Auto, Schiff, Motorrad, Flugzeug oder Lastwagen. Wenders holte so Road Movie und Rockmusik ins deutsche Kino und teilte seine Faszination für die US-amerikanische Popkultur. 1984 erschien sein Road Movie Paris Texas, für das er bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes die Goldene Palme erhielt. 1987 kam Der Himmel über Berlin - Drehbuch Wim Wenders und Peter Handke - mit Bruno Ganz (1941-2019) und Otto Sander (1941-2013) in die Kinos, der mit vielen Preisen ausgezeichnet wurde.

Dann begann er den Science-Fiction Film Bis ans Ende der Welt (1991), der von der Kritik zwiespältig beurteilt wurde. Auf Nachfrage einer Schülerin in Frankfurt, welchen Film er empfehlen würde, antwortete er: „Wenn sie Science Fiction mögen, Bis ans Ende der Welt, und wenn ihnen Kriminalgeschichten gefallen, Der amerikanische Freund. (1977)

Ein Welterfolg wurde die Musiker-Dokumentation Buena Vista Social Club (1999), die eine Oscar-Nominierung und den Europäischen Filmpreis erhielt und ein Revival der kubanischen Son-Musik in Gang setzte. Er wurde am zweiten Wenders-Abend des Festivals – Motto „Driven by music - Lecture -Performance“ - in der Alten Oper gezeigt. Danach musizierten junge kubanische Musiker.

Der erste Abend in der Alten Oper bescherte ein außergewöhnliches Werk: Die Gebrüder Skladanowsky mit Udo Kier (1944-2025), realisiert mit Studentinnen und Studenten der Münchner Hochschule. Eine Hommage an die beiden Pioniere der Filmgeschichte, die vor den Gebrüdern Lumière in Berlin erste eigene Filmaufnahmen gezeigt hatten. Live-Musik kam von Laurent Petitgrand, der Musik für zehn Wenders-Filme komponierte. Toller Film. Am 14.4. nochmals im DFF.

Die Musik prägt Wenders Leben. Mit dem Dokumentarfilm The soul of an man (2003) realisierte er einen persönlichen Wunsch, drei einzigartige Stimmen des Blues und ihre Lieder zu verewigen. Als Gesprächsgast hatte er seinen langjährigen Freund Wolfgang Niedecken (1951) aus Köln eingeladen, der auch Maler ist. Er gründete die Kölschrockband BAP. Über Niedecken und BAP gibt es einen Wenders-Film (um 2001). Die rheinischen Künstler Wenders Düsseldorf - Niedecken Köln verstehen sich prächtig. Immer wieder machte der Regisseur Porträts über Künstlerpersönlichkeiten: zum Beispiel über den Schriftsteller Peter Handke, über Papst Franziskus, den deutschen Künstler Anselm Kiefer, der in Frankreich lebt. Die Arbeit an der Dokumentation über den Architekten Peter Zumthor unterbrach er wegen der Vorbereitung für die Ausstellungen.

Es sollte eine Hommage für Choreografin Pina Bausch werden. Aber sie verstarb kurz vor Drehbeginn. Zusammen mit dem Ensemble Tanztheater Wuppertal schuf er eine Tanz-Dokumentation, seinen ersten 3D-Film, der mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurde.

In der Dokumentation Das Salz der Erde (2014), die er mit Juliano Ribeiro Salgado realisierte, wird der bedeutende brasilianische Fotograf und Umweltaktivist Sebastião Salgado (1944-2025) mit seinen weltweiten Projekten vorgestellt. 2019 wurde ihm in Frankfurt der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. Vor zwei Jahren kam er zum Festival „Amazônia“ in die Alte Oper. Seine Naturbilder und seine Fotos von Menschen faszinieren, sind einfühlsam, aber erschüttern auch.

Die Aufzählung der vielen Filmpreise und Ehrungen sprengen den Rahmen dieses Beitrags.

Seit 33 Jahren ist die Fotografin Donata Wenders seine Ehefrau, die eng mit ihm zusammenarbeitet, aber auch ihre eigenen Ausstellungen organisiert. Ihre Fotos von bedeutenden Menschen sind hervorragend. Gerne hätte Wim Wenders Kinder gehabt, aber Diphterie und Mumps in den Nachkriegsjahren hatten ihn unfruchtbar gemacht. Er wurde ein beliebter Patenonkel für die Kinder seines früh verstorbenen jüngeren Bruders. Einfühlsam widmet er sich Kindern in seinen Filmen.

Am 29.Mai wird ihm, der ‚Ikone des Weltkinos‘, in Berlin der Ehrenpreis der Deutschen Filmakademie zuteil. Die Begründung der Akademiemitglieder: Wenders gelinge es, „den unerklärlichen Zauber und die fragile Schönheit des Lebens für einen Moment einzufangen und so für seine Zuschauer erlebbar zu machen. Das gelte für Wenders Filme, für seine Fotografie, seine Bücher und für ihn selbst als Mensch.“ Dieser Begründung kann nur zugestimmt werden.

Buchempfehlung: Wim Wenders „Wesentliches“ im Verlag der Autoren - Herausgeberin Annette Reschke - Frankfurt 2025

Bis 18. Oktober 2026 kann die Ausstellung besichtigt werden.

Informationen und Karten: Telefon: 069 961220–0 - Online: www.dff.film