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Letzte Aktualisierung: 27.11.2020

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Von Urmensch und Wallfahrtsgrotte

Buch "111 Orte in der Kurpfalz" mit vielen Geheimtipps

von Michael Hoerskens

(16.11.2020) Es gibt Reiseführer, die beschreiben wunderbar die Höhepunkte und Glanzlichter von Urlaubs- und Freizeitzielen. Aber auch Werke, die Plätze einer Region auflisten, die nicht jeder kennt. Selbst wenn er dort beheimatet ist. So führt das Buch „111 Orte in der Kurpfalz“ von Thomas Baumann an einige eher bekannte, aber auch an viele unbekannte Fleckchen dieser Region. Dies alles mit genauen Adressen, Öffnungszeiten und Verkehrshinweisen.

Der Reiseführer beschreibt auch wenige bekannte Flecken
Foto: Emons
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Eines gleich vorweg: Der Autor zieht keine Grenze von links- und rechtsrheinischen Territorien. Eigentlich hat sich im Wortschatz entwickelt, dass rechts des Rheines die Gegend als Kurpfalz – von Napoleon Baden einverleibt - bezeichnet wird, links des großen Flusses spricht man nur von der Pfalz – ohne Kur. Thomas Baumann orientiert sich beim Begriff Kurpfalz indes an der vor Jahren neu gebildeten „Metropolregion Rhein-Neckar“. Und hierzu zählen neben den oben erwähnten Gegenden auch Zipfel von Nordbaden, Hessen und Rheinhessen.

Der Leser wird in dem Werk dahin geführt, wo alles begann. Zumindest in der Region. In Mauer bei Heidelberg wurde nämlich 1907 der Kieferknochen eines prähistorischen Menschen entdeckt. Eine archäologische Sensation. Schautafeln an der Fundstelle, einem ehemaligen Steinbruch, dokumentieren das Aussehens des Steinbruchs im 20. Jahrhundert, zeigen darüber hinaus ein Bild von damals, vor 600 000 Jahren. Zeitgenossen des nach der Ausgrabung als Homo Heidelbergensis weltbekannten Urahns in der Warmzeit dieser Erdperiode waren Säbelzahntiger, Löwen oder Bisons, die einst durch die Kurpfalz streiften. Wer es noch museal möchte, kann das Rathaus von Mauer besuchen.

Heidelberg selbst hat eine Unmenge an Sehenswürdigkeiten zu bieten. Der Autor nennt aber nicht bekannte Orte wie das Schloss oder die urige Altstadt, sondern leitet an eher versteckte Plätzchen. In der Innenstadt findet man die Sammlung Prinzenhorn, die seit den 1920er Jahren Kunstwerke von psychisch kranken Menschen ausstellt. Hans Prinzenhorn ließ einst seine Patienten künstlerisch darstellen, was in ihnen vorging. Der Heidelberger Psychiater Emil Kraeplin hatte schon 1895 begonnen, seine Patienten mittels ihrer Kunstwerke zu diagnostizieren.

Lohnenswert ist auch ein Besuch im kleinen Verpackungsmuseum in der Fußgängerzone der Universitätsstadt. Zweckgegenstände aus verschiedenen Jahrzehnten werden hier Kulturobjekte. Urtyp Hubert Harmann informiert bei einer Museumsführung mit Sachverstand und Witz über Historisches, Konsumgewohnheiten oder Herstellungstechniken.

Ein recht bekanntes Bauwerk ist das Gradierwerk in Bad Dürkheim, mit 333 Metern eine der längsten Salinen in Deutschland. Im Kurpark gelegen rieselt hier Salzwasser über Schwarzdornbüschel. Da der salzige Dunst bekanntlich eine Wohltat für die Atemwege ist, wird die Anlage von Einheimischen wie von Kurgästen intensiv genutzt.

Der Autor beschreibt in seinem Buch auch viele klerikale Plätze in der Pfalz, garniert mit historischen Informationen. So führt er den Leser etwa die Mariengrotte bei Edenkoben-Weyer, die 1904 als Wallfahrtsort eingeweiht wurde. Als sie 1933 um eine zweite Grotte erweitert wurde weigerte sich der katholische Pfarrer bei der Einweihung, Personen in Braunhemden die Kommunion zu reichen. Des Weiteren ließ der mutige Geistliche die Kirche nicht nationalsozialistisch beflaggen und predigte auch noch gegen die Nazis.

Im nahe gelegenen St. Martin beherbergt ein Bibelgarten unterhalb der Kirche Pflanzen aus der Heiligen Schrift. Man trifft hier auf Weinrebe, Weihrauch, Ölbaum oder Paternosterbaum. Herumschlendern, entspannt Hinsetzen oder Gedanken nachhängen lautet hier die Devise. Neben der spätgotischen Kirche St. Ulrich im Nobelweinort Deidesheim befindet sich noch ein Beinhaus, das einzig leere in Rheinland-Pfalz. Vom späten 15. Jahrhundert an stapelte man hier 300 Jahre lang die Gebeine verstorbener Bürger. Heute wird hier der Toten beider Weltkriege gedacht.

Bei der Auflistung von Sehenswürdigkeiten dürfen natürlich Geheimtipps in der „Eishockeystadt“ Mannheim (so steht es in riesigen Lettern im Hauptbahnhof) nicht fehlen. Beispielsweise die Benz-Werkstadt in den Quadraten mit der ehemaligen Adresse T6,11, heute T6,33. Hier hatte Carl Benz einst eine Motorkutsche gebastelt, es war der Beginn des Automobilzeitalters. Beeindruckend ist der Rangierbahnhof der Kurpfalz-Metropole mit sechs Kilometern Länge und 400 Metern Breite. 240 Kilometer Gleise und 600 Weichen befinden sich auf dem Areal nahe der SAP-Arena. Urgemütlich geht es im urigen Restaurant „Spiegelschlöss’l“ in der Spiegelsiedlung, wo die Glasindustrie ihren Sitz hat. Wer zum ersten Mal das Lokal betritt, der wird vom Wirt gleich über das Notwendigste informiert.

Nicht gut weg kommt in dem Werk die Schwesterstadt Ludwigshafen auf der anderen Rheinseite. Nicht zu Unrecht. Als ein gutes Beispiel für verwahrloste Bausubstanz nennt Thomas Baumann den Hauptbahnhof der Chemiestadt. Schon die davorliegende Pasadenaallee erregt den Zorn des Autors. Zurecht meint er, dass zu einer Allee Bäume gehören. Die kalifornische Partnerstadt hätte sicherlich Besseres verdient. Das Bahngebäude selbst ist vom Farbton Grau beherrscht, trist auch „Werbeschaukästen in vollendeter Leere, ohne auch nur einen Zettel eines Vorortfußballvereins“, bemerkt Baumann treffend. „Ein Ort der Menschen scheinbar vertreiben will“ resümiert der Autor.

Nicht mehr ganz aktuell ist die Geschichte Nummer 58 über das ehemalige Straßenbahndepot Ludwigshafens. Das lange Zeit total heruntergekommene Gebäude von 1910 ist endlich saniert worden. Inzwischen ist es ein modernes Fachhandels- und Dienstleistungszentrum mit Restaurant, Wein-Depot und Musikschule.

Zu den 111 Orten der Kurpfalz gehören aber auch viele andere Sehenswürdigkeiten. Der jüdische Friedhof in Worms etwa, die Klosterkirche in Losbach-Lobenfeld, das wunderschöne Rathaus in Birkenau, das alte Kelterhaus in Alsheim oder der Exotenwald in Weinheim. Und dann ist da noch der Eierautomat im südhessischen Viernheim. Hier gibt es tagesfrische Ware – und das Wechselgeld.

 

Thomas Baumann: 111 Orte in der Kurpfalz, emons-Verlag, ISBN 978-3-89705-891-0, 14,95 €.