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Letzte Aktualisierung: 24.06.2024

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Von Paris lernen – hohes Umsetzungstempo bei der Mobilitätswende

von Ilse Romahn

(03.06.2024) Bilanz zur Reise des Frankfurter Mobilitätsausschusses: „Vor dem Hintergrund der aktuellen Debatten rund um Grüneburgweg und Oeder Weg sehr erhellend“, sagt Mobilitätsdezernent Siefert

Der Ausschuss für Mobilität und Smart City sowie Vertreterinnen und Vertreter der Frankfurter Verwaltung und städtischen Gesellschaften waren im Mai drei Tage lang in Paris. Das Programm war vielfältig: Die Gruppe mit 23 Personen besuchte das Referat für Mobilität und öffentlichen Raum in der Pariser Stadtverwaltung, besichtigte ein Depot mit Werkstatt und Betriebsleitzentrale des Betreibers für den öffentlichen Nahverkehr und erkundete in Begleitung einer Stadtplanerin die Stadt zu Fuß. Das Ziel der Reise: Lernen von einer dynamischen, dicht bebauten Stadt mit heterogener Bevölkerungsstruktur, die vor ähnlichen verkehrlichen Herausforderungen steht wie Frankfurt.

Auf weniger der Hälfte der Fläche wohnen in der Innenstadt von Paris zweieinhalbmal so viele Menschen wie in der gesamten Stadt Frankfurt. Hinzu kommen Einpendlerinnen und Einpendler aus der Region, die in Paris arbeiten oder Bildungs-, Kultur- und Freizeiteinrichtungen nutzen. Mit einem engmaschigen Netz spielt der ÖPNV seit jeher eine wesentliche Rolle. „Uns interessierte wie Mobilität in Paris funktioniert“, erklärt Mobilitätsdezernent Wolfgang Siefert. „Mir ist es wichtig, unsere Arbeit regelmäßig zu reflektieren – mit wissenschaftlichen Untersuchungen, im Dialog mit der Stadtgesellschaft und anderen Verwaltungen und eben auch mit dem Blick über den nationalen Tellerrand.“

Paris macht unter Bürgermeisterin Anne Hidalgo Schlagzeilen als Stadt, die die Mobilitätswende mit Druck vorantreibt. Wie das in der Praxis aussieht, erläuterten Mitarbeiter der Pariser Stadtverwaltung den Frankfurter Gästen. Es zeige sich deutlich, dass sich Mobilität mit zunehmender Dichte nicht mehr mit dem motorisierten Individualverkehr abbilden lässt, erklärte eine Mitarbeiterin aus dem Referat für Mobilität und öffentlichen Raum. Interessanterweise färbe diese Entwicklung auf die Region ab – einfach, weil die Bürgerinnen und Bürger das einforderten.

Der Druck für die Mobilitätswende kommt von den Bürgerinnen und Bürgern
Im Zentrum der Pariser Mobilitätswende steht die verkehrsberuhigte Innenstadt – unter anderem mit einem autofreien Seine-Ufer, Tempo-30-Zonen, vielen Radwegen und Grünflächen. Dem Fußverkehr widmet Paris viel Aufmerksamkeit: Große Stadtplätze wie der Place de la République und der Place la Bastille wurden bereits zu großzügigen Plätzen mit hoher Aufenthaltsqualität für Fußgängerinnen und Fußgänger umgebaut. Autoparkplätze gibt es in der Innenstadt kaum. Aktuell setzt die Stadt 300 Schulstraßen um, davon 50 mit baulichen Veränderungen. Fester Bestandteil der Planungen sind Entsiegelungen. „In Paris werden bei den Entsiegelungen ganz ähnliche Konzepte wie bei uns umgesetzt. Hier sind wir auf einem guten Weg“, stellt Siefert fest.

Mehr Radwege, freiere Gestaltungsmöglichkeiten
Nicht zu übersehen sind die vielen Radwege. Trotz heftiger, anhaltender Regenschauer trafen die Frankfurter Reisenden auf zahlreiche radelende Pariserinnen und Pariser. Gegenwärtig werden acht Hauptachsen für den Radverkehr auf ehemaligen mehrspurigen Straßen für den Autoverkehr eingerichtet. Auf diesen werden bis zu zwei Drittel der Fahrbahn den Radfahrenden zur Verfügung gestellt wie beispielsweise auf der Rue de Rivoli. „In Paris wird der Straßenraum deutlich radikaler für den Rad- und Fußverkehr umverteilt als wir das in Frankfurt machen“, stellt Siefert fest. „In der französischen Hauptstadt werden viele Radverkehrsmaßnahmen direkt baulich umgesetzt. In Frankfurt hingegen setzen wir oft auf bestandsnahe Lösungen, damit wir schnell vorankommen und bei Bedarf nachbessern können.“ Zudem werden viele straßenverkehrsrechtliche Informationen über Markierungen und Text auf den Straßen vermittelt. „Gestaltungsinstrumente, die die Straßenverkehrsordnung in Deutschland leider nicht zulässt. Bei uns muss jede Funktionsfläche – etwa Bewohnerparken, Lieferzonen, E-Scooter-Abstellflächen – über Beschilderung kenntlich gemacht werden“, erläutert Siefert mit Blick auf die aktuelle Debatte um die vielen Schilder im Grüneburgweg.

Traditionsreicher Schienenverkehr – zukunftsweisendes Design: Aufenthaltsqualität im Fokus
Rückgrat des Pariser Verkehrs ist und bleibt der Nahverkehr mit einem dichten Metro-Netz, Regionalbahnen und – ähnlich wie der geplante Ringstraßenbahn in Frankfurt – einem neuen Schienenring entlang der Périphérique.

„Auffallend ist vor allem das hochwertige und ganzheitlich durchdachte Design in Fahrzeugen und Stationen – vom Farb- bis zum Lichtkonzept. Die nutzerzentrierten Lichtkonzepte in den Bahnen und auf den Bahnsteigen etwa bieten Orientierung, erhöhen das Sicherheitsgefühl und schaffen eine tolle Atmosphäre“, zeigt sich Siefert beeindruckt. „Was die Aufenthaltsqualität im ÖPNV angeht, ist in Frankfurt noch viel Luft nach oben. Aber die Bedeutung guter Gestaltung für den ÖPNV bestätigen auch die Ergebnisse des Design Thinking-Workshops, den die VGF kürzlich mit verschiedenen Nutzern in Frankfurt durchgeführt hat.“

Im Bereich der Barrierefreiheit brauche sich der Frankfurter ÖPNV nicht zu verstecken, sagt Siefert: „In Paris gibt es deutlich weniger Rolltreppen und Aufzüge in Bahnstationen. Auch mit dem konsequenten Einsatz eines durchdachten Leitsystems für seh- und mobilitätseingeschränkte Menschen sind wir schon einen Schritt weiter.“

Hohes Tempo, konsequente Umsetzung der Mobilitätswende
„Über die rasante Entwicklung, die die Stadt Paris in den vergangenen Jahren vollzogen hat, bin ich überrascht. Radverkehrsprojekte werden zügig umgesetzt, Plätze neugestaltet, Nebenstraßen für den Individualverkehr gesperrt und großflächig begrünt“, schildert Michaela C. Kraft, Leiterin des Amts für Straßenbau und Erschließung, ihre Eindrücke. „Das Grundprinzip kann nur heißen: Einfach machen! Natürlich gibt es laut Pariser Mobilitätsreferat auch hier immer wieder Beschwerden von Bürgerinnen und Bürgern. Aber der Druck ist hoch – auch aufgrund der Klimaziele der Stadt Paris – und der politische Wille stark, sodass die Projekte einfach umgesetzt werden. Wir können noch einiges von Paris lernen, müssen uns aber auch nicht verstecken. Frankfurt sollte positiv auf das bisher Erreichte blicken und ebenfalls mutig gestalten und umsetzen“, zeigt sich Kraft motiviert.   

„Während in vielen deutschen Städten die Verkehrs- und Klimawende nur langsam vorankommt, baut die französische Hauptstadt ihre Verkehrsinfrastruktur im Eiltempo umfassend um. Die Nutzung der Verkehrsmittel befindet sich in einem enormen Wandel – weg vom Auto“, sagt auch der Vertreter des Straßenverkehrsamtes Markus Stenzel. „Mit all den verkehrlichen Maßnahmen kommt Paris dem Ziel einer lebenswerten, verkehrssicheren und modernen ‚15-Minuten-Stadt‘ immer näher. Insbesondere das Umsetzungstempo des sehr vielfältigen und aufeinander abgestimmten Maßnahmenkataloges ist faszinierend. Nachhaltigkeit und Klimaschutz sind hier angewandte Praxis. Das zeigt Wirkung“, führt Stenzel weiter aus.

Gründe für die schnelle Umsetzung sind sicher auch das politische System und die Konzentration von Ressourcen in der Hauptstadt von Frankreich: Zu Beginn einer Wahlperiode trifft die Stadtpolitik von Paris konkrete Grundsatzbeschlüsse zu verschiedenen Themen inklusive der Freigabe von Ressourcen, damit die Verwaltung die Beschlüsse auch innerhalb der Legislaturperiode umsetzen kann. In Deutschland hingegen gibt esnach dem Grundsatzbeschluss häufig weiterer Beteiligungs- und Diskussionsschritte sowie projektbezogene Einzelbeschlüsse.

Siefert resümiert: „Auch mich hat die Menge und die Wucht der Maßnahmen für die Mobilitätswende beeindruckt, etwa der Bau von 40 Kilometer Ringbahn in so kurzer Zeit. Aber: Das Gras ist auf der anderen Seite immer grüner. Unser Mobilitätsdezernat agiert weniger radikal. Aber auch wir haben mit unserem Masterplan Mobilität klare Ziele gesetzt, wie wir die Mobilitätswende für Frankfurt – immer in Abstimmung mit allen Stakeholdern – systematisch und durchdacht umsetzen.“
 
Hintergrundinformationen zur Mobilitätswende in Paris

  • Die Metro wird seit 2015 vollständig renoviert und modernisiert. Sie ist und bleibt das wichtigste Verkehrsmittel in Paris. Bis 2030 erhält der Großraum ein zusätzliches, auf Nachhaltigkeit ausgelegtes Liniennetz, welches sich als Ring um Paris legt und unnötige Fahrten durch das Zentrum vermeidet.
  • Vier neue fahrerlose, vollautomatische Linien sind in Planung. Auf drei Linien wurde bereits ein vollautomatisches System eingeführt. Circa 70 Bahnhöfe werden neu gebaut. Alle U-Bahnstationen werden modernisiert und möglichst barrierefrei ausgebaut. Die Straßenbahn erlebt ein Comeback und ergänzt das Nahverkehrssystem im Ballungsgebiet. Mit der Linie T3 erfolgte die Rückkehr der Straßenbahn innerhalb der Grenzen von Paris. Sie verkehrt in einem Ring nahe der Stadtgrenze. Der aktuellste Abschnitt wurde am 5. April in Betrieb genommen. Ziel ist ein vollständiger Lückenschluss des Straßenbahnrings rund um die Stadt Paris.
  • Das Radwegenetz wird mit großem Erfolg ausgebaut. In den vergangenen Jahren sind viele baulich vom Autoverkehr abgetrennte Radwege angelegt worden – zu Lasten von Fahrspuren des motorisierten Individualverkehrs. Geplant und teilweise bereits umgesetzt ist ein in drei Komponenten ausgebautes Radnetz: Das Hauptnetz bildet auf den Hauptverkehrsachsen die wichtigsten Verbindungen für Radfahrerinnen und Radfahrer ab. Die Ergänzung erfolgt durch das Sekundärnetz, das den Zugang zum Hauptverkehrsnetz ermöglicht. Darüber hinaus wird ein Netz aus Radschnellwegen für eine sichere und schnelle Verbindung über größere Entfernungen sorgen. Der Ausbau der Radinfrastruktur zeigt bereits Wirkung. Die Nutzung der Radwege, die ein starkes Sicherheitsgefühl vermitteln, ist in kurzer Zeit enorm angestiegen. Das Abstellen der Fahrräder wurde durch eine Vielzahl von Fahrradabstellanlagen an wichtigen Knotenpunkten, öffentlichen Einrichtungen und auch in Wohngebieten erleichtert.
  • Auch der Fußverkehr profitiert von der Verkehrswende. Am rechten Seine-Ufer wurde die stark befahrene Hauptstraße für den Autoverkehr komplett gesperrt. Die unattraktive Verkehrsachse wurde zu einer grünen Flaniermeile für Fußgängerinnen und Fußgänger sowie Radfahrerinnen und Radfahrer. Großzügige Grünflächen, Spielplätze und gastronomische Angebote haben das Seine-Ufer zu einem großartigen Treffpunkt für die Einwohnerinnen und Einwohner sowie und Besucherinnen und Besucher entstehen lassen. Autodominierte Verkehrsknotenpunkte, wie der Place de la République und der Place la Bastille, wurden zu echten Plätzen mit einer guten Aufenthaltsqualität für Fußgängerinnen und Fußgänger umgebaut. Dafür sorgen auch Bäume und Grünanlagen. Fußgängerinnen und Fußgänger können nunmehr vom Place de la Bastille über das autofreie Seine-Ufer bis zum Eiffelturm prominieren. Ein Gewinn an Lebensqualität. Darüber hinaus profitieren Fußgängerinnen und Fußgänger von breiteren Gehwegen und der Ausweisung von einer Vielzahl an neuen Fußgängerzonen.
  • Weitere Bausteine der Verkehrswende sind die Ausweisung von Schulstraßen sowie der Ausbau der Tempo-30-Zonen. Nur auf den Ring- und Ausfallstraßen gilt Tempo 50 beziehungsweise 70. Die dreispurige Stadtautobahn wird zurückgebaut. Eine Fahrspur soll nach den olympischen Spielen für den Öffentlicher Verkehr sowie Fahrgemeinschaften vorbehalten bleiben. (ffm)