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Letzte Aktualisierung: 03.06.2020

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Von der Gesellschaftsrobe zum Arbeitskleid

Historisches Museum zeigt Frauenmode seit 1850

von Karl-Heinz Stier

(05.05.2020) Es gehörte mit seiner Wiederöffnung zu den schnellsten Museen in Frankfurt – das Historische Museum im Saalhof 1.

Bildergalerie
Direktor Jan Gerchow bei der Einführung zur Ausstellung
Foto: Karl-Heinz Stier
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Weibliche Mode seit 1850
Foto: Karl-Heinz Stier
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Korsett um 1900
Foto: Karl-Heinz Stier
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Frauentennisdress 1923
Foto: Historisches Museum
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Sie entwickelten im Stadtlabor Modellkleider mit starkem Bewegungseffekt
Foto: Ivica Cacic
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Einzelarbeiten der Schüler der Frankfurter Schule für Bekleidung und Mode
Foto: Karl-Heinz Stier
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Kleider, und wie sie uns und wir uns in ihnen bewegen, durchleuchtet das Museum in einem Dreiklang von Ausstellungen aus unterschiedlichen Perspektiven: in der großen Sonderausstellung „Frauenmode seit 1850“ (seit heute bis 24. Januar 2021, in der Ausstellung „ein modisches Stadtlabor“, das bis auf die heutige Zeit eingeht und das Thema „Bewegung“ und ihre Inszenierung mit neuesten Techniken auf die Spitze treibt (von heute bis 16. August) und als drittes „Werkstoff Textil – vom Faden zum Gewebe“ – wie Textilien unser Leben gestalten. (vom 7. Juni bis 21. Februar).

Doch zunächst zur historischen Ausstellung – „Frauenmode seit 1850“. Sie zeigt, wie der Frauenkörper bei verändernder Kleidung an Bewegungsfreiheit gewinnt. Das Historische Museum versetzt sozusagen Kleider von damals „in Bewegung“, wie Direktor Jan Gerchow erläuterte. Frauen eroberten im 19.Jahrhundert neue gesellschaftliche Räume. Die Stadtgesellschaft gerät in Bewegung, wie der rasante Wandel weiblicher Mode zeigt. Präsentiert werden 200 Exponate – konzentriert auf Objekte der museumseigene Textil –und Modesammlung, ergänzt durch internationale hochwertige Leihgaben. Darunter sind bürgerliche Gesellschaftskleider über das Korsett bis zum Reform- und Abendkleid, Badeanzug, erster Hose und Abendrobe. Dabei stellt sich die Ausstellung Fragen nach heutiger Bewegungsfreiheit und –begrenzung durch Kleidung.

Gerade in der Zeit zwischen 1850 wandelt sich das Frauenbild erheblich: Frauen erkämpfen sich Zugang zu Bildung, Politik und Arbeit. Sie drängen immer mehr in die Öffentlichkeit. In diesem Zeitraum entwickeln sich Kleidungstypen wie Kostüm, Hose und Kleid. Mit Beginn der Eingliederung der Frau in den Arbeitsmarkt werden praktische Aspekte neben ästhetischen bei der Kleiderwahl erwogen. Es entsteht das Bild einer emanzipierten und berufstätigen Frau, die geistig und finanziell unabhängig zu werden scheint. Dazu gehören auch Freizeit-Attraktivitäten wie Fahrradfahren, Tennis oder Tanzabende, die nach dem ersten Weltkrieg entstehen. Sportlerinnen mit ihren trainierten Körpern verkörpern einen aktiven Lebenswandel und ein neues weibliches Schönheitsideal.

Die Stadtlaborausstellung ist die Erweiterung der Frauenmode seit 1950. Sie geht bis zur Gegenwart. Sie stellt Modellkleider aus der Frankfurter Schule für Bekleidung und Mode in den Mittelpunkt, die nicht nur Bewegung zulassen, sondern auch ausdrücken. Zehn Modellkleider präsentieren sich in unterschiedlichen Blautönen wie etwa ein himmelblauer Traum aus Satinschlingen, ein Ensemble aus Hose und Oberteil aus metallichblauem, glänzenden Stoff, bei dem das Oberteil aus farblich passenden tausenden dünnen Lacetbändern geschickt gelegt, geschlungen und am Körper fixiert wird oder ein fast bodenlanges Kleid aus Jerseyschnüren in Makramee-Technik, die von kleinen Ösen zusammengehalten werden. Die geringste Bewegung und Regung des Körpers setzt sie in Schwingungen und unterstreicht den Körperausdruck.

Die dritte Ausstellung will deutlich machen, dass Textilien unser Lebern als Kleidung, in Wohnbereichen, in der Arbeitswelt gestalten. Sie schützen uns vor gefährlichen Arbeiten, sie sind als Bettdecken, Pflastern und Handtüchern unverzichtbare Alltagsgegenstände, sie sind anschmiegsam, luftdurchlässig, reißfest, elastisch. Und als Kleidung wärmen sie uns und drücken unsere Haltung und Persönlichkeit aus. Die Ausstellung zeigt, wie textile Stoffe aus verschiedenen Materialien und Fasern pflanzlichen, tierischen und synthetischen Ursprungs hergestellt werden - eine Übernahme aus dem Stadt- und Industriemuseum Rüsselsheim und überarbeitet durch das Junge Museum Frankfurt.

Alles in allem eine spannende Ausstellung, die die Frauenmode als Kleider in Bewegung seit 1850 analysiert. Direktor Gerchow dankte der Volkswagenstiftung, die es ermöglicht hat, dass zwei Textilwissenschaftlerinnen der Universität Paderborn in enger Zusammenarbeit mit der Textilkuratorin des Historischen Museums in Frankfurt untersucht haben, wie Bewegung anhand von Kleidern rekonstruiert werden konnte.