Viel Lärm um nichts
Spermidin gegen Altern: Viel Hype, kaum klinischer Nutzen belegt
Longevity ist voll im Trend: Mittel, die ein gesundes Altern unterstützen sollen, sind derzeit heiß begehrt. Ein solches Präparat ist auch Spermidin, das an vielen wichtigen Zellprozessen beteiligt ist. Entsprechend finden sich online zahlreiche Angebote, die das Polyamin als Jungbrunnen bewerben, weiß die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE). Doch was ist davon belegt und was nicht? Blog-Autor Professor Helmut Schatz schaut auf die Studienlage.
Foto: DGE
„Das Internet ist voll von Angeboten an Spermidin-haltigen Präparaten“, schreibt der Professor aus Bochum im Medizinischen Kurznachrichtendienst aus der Endokrinologie. „Dieses Polyamid wurde 1870 von Philipp Schreiner in menschlicher Samenflüssigkeit (Sperma) entdeckt. Es findet sich aber in nahezu allen Körperzellen des Menschen, die es selbst bilden. Zusammen mit Putrescin und Spermin so Prof. Schatz ist es in wichtige zelluläre Prozesse wie Zellwachstum, Translation, Genregulation und Proteinhomöostase involviert.
Man nimmt Spermidin aber auch mit der Nahrung zu sich. Die Mikrobiota im Darm ist ebenfalls am Polyaminstoffwechsel beteiligt. Spermidin findet sich beispielsweise in Weizenkeimen, Vollkornprodukten, Sojabohnen, weiteren Hülsenfrüchten und Pilzen. In Studien hat sich aber gezeigt, dass auch hohe Spermidinzufuhr durch die Nahrung nicht zu einem entsprechend hohen Anstieg von Spermidin im Plasma und im Speichel führt.
Spermidin ist wissenschaftlich hoch interessant, weil es für die Autophagie in den Zellen wichtig ist: Es ist in den lysosomalen Prozess der zellulären Selbstreinigung und Verjüngung involviert: Nicht mehr intakte Proteine und Bestandteile der Zellen werden durch Autophagie abgebaut. An Hefen, Fliegen, Würmern und Mäusen wurde beobachtet, dass Spermidinzufuhr über die Autophagie die kardiovaskulären Alterungsprozesse beeinflusst und die Lebensdauer der Tiere verlängerte. Beim Menschen wurde jedoch bisher noch keine solche Wirkung aufgezeigt.
In einer prospektiven Kohortenstudie, der „Bruneck-Studie“ (Stefan Kiechl et al. 2018) wurden in zwei Jahrzehnten Beobachtungszeit zwar Assoziationen zwischen der Spermidinzufuhr über die Nahrung und der Sterblichkeitsrate gefunden, dies lieferte jedoch keinen Beweis für eine kausale Rolle. Ein solcher bestand auch nicht bei einer großen weiteren Untersuchung, der Studie aus der UK Biobank, die ebenfalls Zusammenhänge zwischen Nahrung, Polyaminen, Mortalität und kardiovaskulären Erkrankungen aufzeigte, was aber auch keine Kausalität bedeutete (Su Han et al., 2024).
Am 9. September 2026 zog der Wissenschaftsjournalist Michael van den Heuvel aus den bisher vorliegenden Studien folgenden Schluss:
Facit: Für wen lohnt sich Spermidin?
„Spermidin ist ein spannender Kandidat im Umfeld von Longevity. Die biologischen Mechanismen sind plausibel, Tierexperimente vielversprechend und epidemiologische Daten interessant. Was bislang fehlt, ist der überzeugende Nachweis eines klinisch relevanten Nutzens durch Supplementierung beim Menschen. Nach derzeitigem Stand lässt sich keine Patientengruppe finden, für die eine Spermidin-Supplementierung zur Prävention oder Therapie einer Erkrankung eindeutig empfohlen werden kann.
Etwas anders ist die Ernährung mit spermidinhaltigen Lebensmitteln wie Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten und Gemüse zu bewerten. Solche Lebensmittel gehören unabhängig von ihrem Spermidinanteil zu sinnvollen Bestandteilen unserer Ernährung. Ob gerade das darin enthaltene Spermidin für gesundheitliche Vorteile verantwortlich ist, lässt sich aus den vorhandenen Beobachtungsdaten derzeit nicht ableiten“.
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