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Letzte Aktualisierung: 20.05.2022

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Versorgungsengpässe in der Pandemie

Die Strahlentherapie ist bei Krebs oft eine gleichwertige Alternative zur OP

von Dr. Bettina Albers

(14.01.2022) Patienten mit Krebs können während der Pandemie nicht immer unmittelbar nach der Diagnose operiert werden, weil Intensivkapazitäten für COVID-19-Erkrankte vorgehalten werden müssen. Das Warten kann u.U. zu einer schlechteren Prognose der Betroffenen führen – denn eine Krebshandlung hinauszuzögern, kann bedeuten, das Risiko eines Rezidivs einzugehen oder sich gar die Chance auf eine Heilung zu verspielen.

Die Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie e. V. (DEGRO) erinnert deshalb daran, dass die Strahlentherapie in vielen Fällen eine gleichwertige Alterative darstellt bzw. auch eingesetzt werden kann, um das Krebswachstum einzudämmen und die Zeit bis zur OP zu überbrücken.

Die Corona-Pandemie verlangt allen viel ab. Wenn Notfallpläne greifen, werden planbare Operationen verschoben. Krebsoperationen fallen zwar offiziell nicht darunter, aber vielerorts gibt es Berichte, dass die Realität doch anders aussieht: Bei Auslastung aller Ressourcen und Betten in den Krankenhäusern der stark betroffenen Regionen werden auch Krebspatienten unverrichteter Dinge wieder nach Hause geschickt. Es steht zu befürchten, dass sich die Fallzahlen aufgrund von Omikron weiter rasant erhöhen wird –  Experten rechnen mit einem Peak im März mit mehreren hunderttausend Neuansteckungen pro Tag. Auch wenn dank der Booster-Impfung prozentual gesehen weniger Menschen schwer erkranken, muss trotzdem allein durch diese hohe Infektionszahl davon ausgegangen werden, dass in dieser Phase die Krankenhäuser an ihre Grenzen kommen bzw. weit darüber hinaus.

Die DEGRO warnt vor einer Unterversorgung von Krebspatienten, die de facto schon vielerorts Realität ist – und verweist darauf, die Strahlentherapie vermehrt als Ersttherapie oder zumindest „Brücken-Therapie“ einzusetzen. Bei vielen Krebsindikationen ist die Strahlentherapie ohnehin eine gleichwertige Alternative zur Operation, wie beispielsweise beim Prostatakrebs. Die Daten zeigen, dass die Bestrahlung ebenso wirksam ist wie die OP, die S3-Leitlinie stuft sie daher als gleichwertig zur operativen Therapie ein. „Dennoch wählen viele Betroffene die OP als erste Maßnahmen, wenn sie verschiedene Therapiealternativen angeboten bekommen. Einfach, weil sie den Krebs – salopp gesagt – schnell loswerden wollen und die Bestrahlung auch oft noch mit falschen Vorurteilen und diffusen Ängsten behaftet ist, gegen die wir seit Jahren ankämpfen. Strahlen sind nicht schädlich, sondern können Tumorleiden effektiv heilen“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Stephanie E. Combs, Pressesprecherin der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO).

Wie die Expertin ausführt, ist die Strahlentherapie insbesondere in Kombination mit einer medikamentösen Tumortherapie in den vergangenen Jahren immer präziser und auch personalisierter geworden. Beispielsweise kann die Strahlendosis und das Bestrahlungsvolumen individuell angepasst werden, so dass jeder Patient die für ihn bestmögliche Therapie bei möglichst geringer Strahlenbelastung erhält.

„Wenn Omikron dazu führt, dass Krebsoperationen verschoben werden müssen, sollte in jedem Fall stattdessen die Strahlentherapie zum Einsatz kommen. Denn eine Krebstherapie zu verschieben, bedeutet immer auch, das Risiko eines Rezidivs einzugehen oder sich gar die Chance auf eine Heilung zu verspielen. Eine Krebstherapie lässt sich nur in Ausnahmefällen um ein paar Wochen oder Monate verschieben“, lautet das Urteil der Expertin.

„Eine aktuelle, in Lancet publizierte Auswertung geht davon aus, dass jeder siebte Betroffene nicht zeitnah nach der Krebsdiagnose operiert werden konnte, die Strahlentherapie kann in dieser angespannten Lage für Entlastung sorgen.“ Neben dem Prostatakarzinom kann die Strahlentherapie auch bei der Behandlung von Hirnmetastasen oder auch bei der definitiven Therapie von Kopf-Hals-Tumoren oder Tumoren des Gastrointestinaltrakts, wie z.B. Speiseröhrenkrebs, als gleichwertige Alternative angesehen werden.

Während Operationen Intensivkapazitäten erfordern und somit von der Pandemielage abhängig sind, kann die Strahlentherapie jenseits des Pandemiegeschehens – auch in der Ambulanz – sicher und weitgehend routinemäßig durchgeführt werden, wie sie in den vergangenen Pandemiewellen unter Beweis gestellt hat. Und bei Überlastung der Geräte- und/oder Personalkapazitäten in der Strahlentherapie bestünde immer noch die Möglichkeit, das sogenannte Fraktionierungsschema zu ändern und so mehr Kapazitäten zu schaffen: Statt die Betroffenen häufiger mit geringeren Dosen zu bestrahlen, könne die Strahlentherapie auch mit weniger Sitzungen, aber höheren Dosen erfolgen – entscheidend für den Therapieerfolg ist die verabreichte Gesamtdosis. Diese sog. Hypofraktionierung ist beispielsweise beim Mammakarzinom mittlerweile der Standard.

Prof. Dr. Cordula Petersen, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO), appelliert daher an ihre Kollegen aus der Onkologie, die die Betroffenen im Hinblick auf ihre Therapieplanung beraten, frühzeitig die Strahlentherapie als sinnvolle Alternative zu berücksichtigen: „Wenn die Daten zeigen, dass OP und Strahlentherapie vom Ergebnis her gleichwertig sind, kann man angesichts der epidemischen Lage und Versorgungsengpässen auf den Intensivstationen den Menschen guten Gewissens zur Strahlentherapie als Erstlinientherapie raten. Und selbst wenn das nicht der Fall ist, gibt es häufig die Möglichkeit, das Therapieregime umzustellen, also zunächst mit der Strahlentherapie zu beginnen und anschließend zu operieren. Die veränderte Therapiereihenfolge führt in vielen Fällen nicht zu Überlebenseinbußen und kann in der jetzigen Situation sinnvoll sein.“ (idw)