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Letzte Aktualisierung: 12.06.2024

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Versorgung von Diabetes Typ 1 im Alter

VDBD fordert flächendeckende Schulungen für Langzeitpflegende und sichere Finanzierung

von pm/VDBD

(27.09.2023) Haben Menschen eine chronische Erkrankung ist der pflegerische Aufwand im Alter besonders hoch und komplex. Schon heute werden Menschen mit Diabetes mellitus – insbesondere Typ 1 – in Pflegeheimen unzureichend pflegerisch betreut und versorgt, mahnt der Verband der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe in Deutschland e. V. (VDBD). Das Pflegepersonal sei nur selten auf neueste Therapien geschult und Patienten müssten daher auf effektive und sichere Therapieformen verzichten.

Auch Angehörige sind mit den steigenden Anforderungen häufig überlastet. Ändere sich nichts an der Situation würden künftig tausende Menschen mit Diabetes Typ 1 unterversorgt. Der Verband fordert daher flächendeckende Schulungsangebote für Pflegekräfte in der Langzeitpflege sowie Angehörige und eine einheitlich gesicherte Finanzierung und Bereitstellung von Diabetesschulungen.

In Deutschland haben schätzungsweise über 100 000 Menschen über 70 Jahren einen Typ-1-Diabetes – Tendenz steigend. Können sie selbst ihr Diabetes-Management nicht mehr übernehmen sind Angehörige, Pflegedienste oder Pflegepersonal in Pflegeheimen gefragt. „Bei älteren Menschen ist zunächst der Erhalt ihrer Eigenständigkeit das oberste Therapieziel“, erklärt VDBD-Vorstandsmitglied und Diabetesberaterin Yvonne Häusler. „Da bei vielen älteren Menschen mit Diabetes Typ 1 aber auch geriatrische Erkrankungen wie Verlust der Feinmotorik oder Demenz eine Rolle spielen, sollte darüber hinaus jederzeit eine kompetente und zuverlässige Therapieunterstützung möglich sein.“ Doch weder der Erhalt der Selbstständigkeit noch die angemessene Unterstützung sind durch die derzeitige Versorgungssituation in Pflegeheimen gewährleistet, kritisiert die Expertin. Auch im privaten Umfeld seien Angehörige oft überfordert.

Diabetes Typ 1 im Alter erfordert intensive Betreuung

Ältere Menschen mit Diabetes Typ 1 benötigen eine spezialisierte Pflege und Betreuung, um sicherzustellen, dass ihre gesundheitlichen Bedürfnisse angemessen berücksichtigt werden und es nicht zu lebensgefährlichen oder lebensverkürzenden Komplikationen kommt. Dazu gehört ein individueller Pflegeplan, der Medikation, Mahlzeiten und Aktivitäten exakt aufeinander abstimmt. Neben der regelmäßigen Kontrolle des Blutzuckerspiegels und entsprechenden Insulingaben sollten auch Diabetes-Komplikationen wie Fußprobleme oder Augen- und Nierenerkrankungen im Blick behalten werden.

„Pflegeheime müssen sicherstellen, dass entsprechende Testgeräte vorhanden sind, dass die Pflegekräfte zu Diabetes, Insulingabe und -management geschult und in der Lage sind, Notfall-Situationen wie eine drohende Unterzuckerung zu erkennen“, führt Häusler aus. Wichtig sei auch eine klare und sorgfältige Dokumentation, um die Pflegepläne in Abstimmung mit medizinischem Personal anpassen zu können.

Zu wenig Zeit, zu wenig Wissen

Doch diese aufwändigen Prozeduren sind selten in Altersheimen oder im ambulanten Pflegedienst abgebildet. „Wenn überhaupt liegt die Aufmerkamkeit eher auf Typ-2-Diabetes, der bei älteren Menschen wesentlich häufiger auftritt und deutlich weniger an Pflege bedarf“, erläutert VDBD-Vorstandsmitglied und Diabetesberaterin Theresia Schoppe. „Unsere Erfahrungen zeigen, dass Pflegekräfte leider nur selten für entsprechende Diabetesschulungen freigestellt werden. Sie müssen die Fortbildung oft in ihrer Freizeit machen.“

Ein weiteres Problem sei, dass mit der zunehmend komplexeren Diabetestechnologie der Kenntnisstand bei den Betreuenden drastisch abnimmt. Derzeit sind Heimbewohner meist gezwungen, ihre Insulinpumpe und ihr CGM-Messgerät an der Pforte des Pflegeheims zugunsten der herkömmlichen Insulinspritze abzugeben. „Würde an dieser Stelle in entsprechende Ausbildung und Schulung investiert, könnten Betroffene künftig weiterhin von der sicheren und effektiven technologischen Unterstützung profitieren. Gleichzeitig wären die Pflegekräfte deutlich entlastet, da Mahlzeiten, Bewegung und Insulingabe digital aufeinander abgestimmt und überwacht werden können“, gibt Schoppe zu bedenken. Gleiches gilt für pflegende Angehörige.

Bedarf an gut informierten Pflegekräften und Angehörigen steigt

Immer mehr Menschen mit Diabetes Typ 1 nutzen die neuen Technologien, die auch die Lebenserwartung erhöhen. Der Bedarf an kompetenter Pflege steigt also. Neben den Schulungsangeboten für Pflegende bietet der VDBD auch das Schulungsprogramm „DiaLife“ an, das sich explizit an Angehörige richtet. Derzeit ist die Angehörigenschulung aber noch nicht im Leistungskatalog der Krankenkassen verfügbar und muss privat finanziert werden. „Interessierte sollten sich diesbezüglich vom behandelnden Diabetesteam beraten lassen“, rät Schoppe.

Der VDBD fordert, dass Schulungen für Pflegende, Angehörige und Patienten einheitlich geregelt und finanziert werden. Es dürfe kein Zufallsprinzip sein, ob Menschen mit Diabetes eine angemessene Versorgung erhalten, so Häusler und Schoppe. Die Diabetesberaterinnen weisen darauf hin, dass mit dem VDBD-Schulungsangebot bereits eine ausreichende Basis dafür existiere. Ihr Appell gilt den Verantwortlichen der Pflegeeinrichtungen, Krankenkassen, aber auch der Länderpolitik, hier einen strukturierten und sicheren Finanzierungs- und Versorgungsrahmen zu schaffen.

 Weitere Informationen: VDBD-Schulungsangebote unter https://www.vdbd-akademie.de/fortbildungsangebote/

Literatur

S2k-Leitlinie Diagnostik, Therapie und Verlaufskontrolle des Diabetes mellitus im Alter: https://register.awmf.org/assets/guidelines/057-017l_S2k_Diabetes_mellitus_im_Alter_2018-09.pdf