Vernachlässigte Prävention
Warum Deutschland im europäischen Vergleich zurückliegt
40 Prozent der Todesfälle in Deutschland sind durch Tabakkonsum, falsche Ernährung, hohen Alkoholkonsum und geringe körperliche Aktivität verursacht. Folgeerkrankungen des ungünstigen Lebensstils wie Diabetes mellitus Typ 2, Fettleber und Herz-Kreislauf-Erkrankungen tragen wesentlich zu hohen Kosten im Gesundheitswesen und geringer Lebenserwartung bei. Diese nicht-übertragbaren Krankheiten nehmen europaweit zu. Nach aktuellen Erhebungen hat Deutschland im EU-weiten Vergleich die höchsten Pro-Kopf-Ausgaben für das Gesundheitswesen, dicht gefolgt von Österreich. Die Lebenserwartung liegt jedoch unter dem Durchschnitt der EU-Länder. Woran liegt dieses ungünstige Verhältnis?
Mit dieser Frage beschäftigt sich der Medizinische Kurznachrichtendienst der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie von Prof. Helmut Schatz, Bochum. Eine gemeinsame Untersuchung des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) und des AOK-Bundesverbands, heißt es dort, könnte hierüber Aufschluss geben. Ziel des Projekts bestand in einer systematischen Untersuchung politischer Maßnahmen und Rahmenbedingungen zur Prävention gesundheitlicher Risiken. Hierzu wurde von der Forschungsgruppe ein „Public Health Index“ definiert, in dem Maßnahmen in vier Dimensionen, nämlich zur Reduktion des Tabakkonsums, zur Begrenzung des Alkoholkonsums, zur verbesserten Ernährung und zur Steigerung der körperlichen Bewegung, berücksichtigt wurden.
Im Einzelnen wurde für die Beurteilung der Ansätze zur Verringerung des Rauchens die Tobacco Control Scale (TCS), eine etablierte Skala zum Vergleich politischer Handlungen zur Eindämmung des Tabakkonsums und des Passivrauchens, herangezogen. Maßnahmen zur Verringerung des Alkoholkonsums und alkoholbedingter Krankheitslasten wurden mit der BTG-M-Skala (Bridging the Gap – Modified), einem ursprünglich am Karolinska-Institut entwickelten Instrumentar, evaluiert. Für die Beurteilung öffentlicher Ansätze zur Ernährung und Bewegung wurden zwei neue Indizes entwickelt, der Ernährungspolitik-Index (EPI, gemeinsam mit Peter von Philipsborn, Lehrstuhl Public Health Nutrition der Universität Bayreuth) und die Skala zur Bewertung nationaler Bewegungspolitik (gemeinsam mit Peter Gelius an der Universität Lausanne). Jeweils 25 Prozent dieser Skalen fließen in den Public Health Index für den übergeordneten Ländervergleich ein.
Die erreichte Gesamtpunktzahl ist in den überwiegend oder teilweise deutschsprachigen Ländern (Bundesrepublik Deutschland, Österreich, Schweiz (D-A-CH) und Luxemburg) im europaweiten Vergleich besonders schlecht. Auch in den einzelnen Handlungsfeldern (Tabak-, Alkohol-, Ernährungs- und Bewegungspolitik) liegt die DACH-Region jeweils auf den letzten Plätzen. Deutschland und benachbarte Länder sind damit in der Präventionspolitik von Europäischen Best Practices weit entfernt.
Dazu ein Kommentar von Prof. Dr. med. Johannes W. Dietrich, Sektion Diabetologie, Endokrinologie und Stoffwechsel und Diabeteszentrum Bochum/Hattingen, Universitätsklinik St. Joseph-Hospital Bochum:
"Gerade Diabetes mellitus Typ 2, arterielle Hypertension, Adipositas und Krebserkrankungen waren noch nie so häufig wie heute. Dabei sind diese Erkrankungen der Primärprävention besonders zugänglich. Es ist daher schade, dass die Chance vertan wird, mit geringem Kostenaufwand eine Verbesserung der Volksgesundheit zu erreichen.
Der politische Neglect für Prävention spiegelt sich auch in den Fachgebieten der klinischen Medizin wider. Die präventiven Fächer wie Endokrinologie (einschließlich der Diabetologie), Pädiatrie, konservative Orthopädie und Psychotherapie sehen sich einer ungünstigen Vergütungssituation gegenüber. Nicht ohne Grund sind zugehörige Abteilungen gefährdet, und die Kontinuität der ärztlichen Weiterbildung ist unsicher. Aktuelle Entwicklungen der Krankenhausplanung wie etwa Vorhaltepauschalen reichen nicht hin, um die Zukunft der präventiven Fachgebiete zu sichern.
Integrierte Ansätze der Primärprävention, die von politischen Maßnahmen zur Unterstützung eines gesunden Lebensstils bis zur Förderung benachteiligter präventiver Fachgebiete reichen, könnten helfen, zugleich Kosten zu senken und die Lebensqualität und Lebenserwartung der Bevölkerung zu verbessern. In der Förderung eines gesunden Lebensstils liegen ungenutzte Potentiale, die gerade in Zeiten begrenzter Ressourcen für die sozialen Sicherungssysteme von größter Bedeutung sind."
Weitere Artikel aus der Kategorie: