Verleihung des Johann Philipp von Bethmann-Studienpreises für Studie zu den „Kulp’Kann’schen Wirren“
Mit dem Johann Philipp von Bethmann-Studienpreis 2025 hat die Frankfurter Historische Kommission (FHK) Lisa Astrid Bestle für ihr Dissertationsprojekt „Die ‚Kulp’Kann’schen Wirren’ in Frankfurt am Main“ ausgezeichnet. Ina Hartwig, Dezernentin für Kultur und Wissenschaft und Vertreterin des Magistrats in der Historischen Kommission, überreichte den mit 5000 Euro dotierten Preis zur Erforschung der Frankfurter Stadtgeschichte bei einer Feierstunde am Donnerstag, 18. Juni, im Institut für Stadtgeschichte. Die Gattin des Stifters, Bettina Freifrau von Bethmann, war bei der Preisverleihung anwesend.
Foto: Stadt Frankfurt am Main Michael Braunschädel
„Die Preisträgerin widmet sich mit ihrem Forschungsvorhaben einem bislang wenig bekannten Kapitel der frühneuzeitlichen Geschichte unserer Stadt“, sagte Hartwig im Namen der Jury, der neben ihr Prof. Marie-Luise Recker, Stadtrat Bernd Heidenreich und Evelyn Brockhoff angehörten. „Lisa Astrid Bestle eröffnet mit ihrer Arbeit ganz neue Perspektiven auf die Geschichte der Frankfurter jüdischen Gemeinde im 18. Jahrhundert und auf ihr Verhältnis zur christlichen Stadtbevölkerung sowie zu den reichsstädtischen Obrigkeiten. Die Arbeit verspricht, grundlegende Erkenntnisse bezüglich der gesellschaftlichen Strukturen wie auch der administrativ-politischen Verfasstheit der Frankfurter Judenschaft in dieser Epoche offenzulegen. Damit hat sie auch eine große Bedeutung für die allgemeine Geschichte der Reichsstadt Frankfurt in der Frühen Neuzeit.“
Im Zentrum der Arbeit Bestles steht ein zunächst innerjüdischer Konflikt aus dem Jahr 1749, der von einer Auseinandersetzung um die Führung der Gemeinde ausging und sich an Spannungen zwischen Teilen des Gemeindevorstands und ihrer Finanzverwaltung entzündete. Anders als bekanntere Ereignisse wie der Fettmilch-Aufstand ist dieser Konflikt bislang kaum erforscht. Namensgebend für den Streit waren die beiden Hauptakteure: der Baumeister David Mayer Juda zum Kulp, einer der offiziellen Vertreter der Gemeinde, sowie der Kastenmeister Bär Löw Isaac zur Kann, einer der Finanzbeamten. 1749 kam es zwischen beiden zu Auseinandersetzungen um Kompetenzen, die sich bald auf die gesamte Gemeinde auswirkten, die sich in verschiedene Lager spaltete. Da der Streit nicht auf innerjüdischer Ebene gelöst werden konnte, wurden der städtische Senat und die kaiserliche Vertretung einbezogen, da beide Obrigkeiten Rechte über die jüdische Gemeinde der Reichsstadt innehatten. In der Gemengelage jüdischer Selbstverwaltungsrechte, kaiserlicher und städtischer Herrschaftsansprüche kam es zu einer mehr als zwei Jahrzehnte lang dauernden Auseinandersetzung.
Bestle nimmt die drei Aktionsebenen jüdische Gemeindeverwaltung, reichsstädtische Autoritäten und den kaiserlichen Einfluss sowie die Aushandlungsprozesse zwischen diesen Ebenen in den Blick. Bestle macht deutlich, wie eng innergemeindliche Strukturen, städtische Politik und reichsweite Rechtsinstanzen miteinander verflochten waren. Zugleich liefert die Arbeit über die Stadtgeschichte hinaus Einsichten in die rechtliche Stellung jüdischer Gemeinden im Alten Reich sowie in ihre Handlungsspielräume im Umgang mit Konflikten.
Quellenbasis im Institut für Stadtgeschichte
Grundlage der Untersuchung ist eine intensive Quellenarbeit im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt und im Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchiv. Während die Akten der Gemeinde über die Auseinandersetzung als verloren gelten, gibt es eine umfassende städtische Überlieferung, die im Frankfurter Institut für Stadtgeschichte erhalten ist: In elf Bänden aus dem Bestand der so genannten „Juden-Bücher“ (in der Archivdatenbank zu finden unter der Signatur H.17.099) ist der gesamte Prozess aus städtischer Perspektive dokumentiert. Enthalten sind die Supplikationen, Verhöre und Edikte, die im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung eingereicht, geführt und erlassen wurden. Zwei Druckschriften und verschiedene Akten im Bestand der „Criminalia“ ergänzen diese Quelle. Die Klagen der jüdischen Beteiligten gegeneinander und die Resolutionsprotokolle des Reichshofrats sind im Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchiv überliefert.
Biographische Angaben zur Preisträgerin
Lisa Astrid Bestle studierte von 2010 bis 2016 an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz Geschichte und Archäologie. Während des Studiums arbeitete sie als Wissenschaftliche Hilfskraft am historischen Seminar der Universität und als Werkstudentin und Praktikantin für das Jüdische Museum Frankfurt im Bereich der Dauerausstellung „Museum Judengasse“. Für ihre Masterarbeit über den Beginn der Kulp’Kann’schen Wirren erhielt sie den „Studierenden-Arbeitspreis des Fachbereichs 07: Geschichts- und Kulturwissenschaften der Uni Mainz“. Nach einer Phase der Elternzeit griff sie das Thema 2022 für ihr Dissertationsprojekt wieder auf. Die Dissertation wird vom Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerk gefördert und von Professor Matthias Schnettger betreut. Seit 2024 ist Bestle freie Mitarbeiterin des Projekts Synagogen-Gedenkbuch Hessen des Buber-Rosenzweig-Instituts, Frankfurt.
Frankfurter Historische Kommission und Bethmann-Studienpreis
Die Frankfurter Historische Kommission (FHK) ist eine im Jahr 1906 vom Magistrat der Stadt Frankfurt am Main eingesetzte außerordentliche Magistratsdeputation. Sie wurde nach dem Zweiten Weltkrieg durch einen Magistratsbeschluss vom 16. März 1948 wiedererrichtet und hat die Aufgabe, die systematische Erforschung der Frankfurter Stadtgeschichte durch Quelleneditionen und Publikationen wissenschaftlicher Darstellungen zu fördern. Vorsitzende der FHK ist Prof. Marie-Luise Recker, den stellvertretenden Vorsitz hat Stadtrat Bernd Heidenreich inne, der Magistrat wird in der FHK von Ina Hartwig, Dezernentin für Kultur und Wissenschaft, vertreten.
Mit dem Johann Philipp von Bethmann-Studienpreis werden junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gefördert, die sich mit einer umfangreichen, längerfristigen Studienarbeit ausweisen, die geeignet ist, die wissenschaftliche Basis zur Erforschung der Frankfurter Geschichte zu erweitern. Ins Leben gerufen wurde der Preis von Johann Philipp von Bethmann 1984 und konnte seitdem bis heute 37-mal vergeben werden. Seit dem Tod ihres Mannes im Jahr 2007 führt Bettina von Bethmann das Preisstiftungsvorhaben in seinem Sinne fort.
Bewerbungen für den mit 5000 Euro dotierten Johann Philipp von Bethmann-Studienpreis 2026 sind möglich bis zum 15. November dieses Jahres.
Weitere Informationen zur Frankfurter Historischen Kommission gibt es unter frankhistkom.de. (ffm)
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