Uwe Timm mit dem Goethe-Preis ausgezeichnet
Am Freitag, 28. August, dem Geburtstag Johann Wolfgang von Goethes, hat Oberbürgermeister Mike Josef den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main an den Schriftsteller Uwe Timm überreicht. Timm wurde für die große Vielfalt seines Werks geehrt, das laut Kuratorium, „die Möglichkeiten der Literatur auslotet, vom beseelten Kinderbuch bis zur fiktionalen wie essayistischen Auseinandersetzung mit den Höhen und Tiefen der deutschen Geschichte.“
Foto: Stadt Frankfurt am Main, Alexander Englert
Die Laudatio hielt die Schriftstellerin Shida Bazyar. Musikalisch umrahmt wurde der feierliche Festakt in der Paulskirche von Anne-Sophie Bertrand an der Harfe.
Oberbürgermeister Josef: „Uwe Timm ist ein großer, leidenschaftlicher Erzähler“
In seiner Begrüßung unterstrich Oberbürgermeister Josef die herausragende Bedeutung Timms als literarischer Chronist: „Der Preisträger Uwe Timm ist ein großer, leidenschaftlicher Erzähler, dessen breitgefächertes Werk Menschen jeden Alters genre-übergreifend anspricht. Wenn Uwe Timm aus teilnehmender Distanz zugleich als Zeitzeuge und Chronist die Wirklichkeit in den Blick nimmt, erschafft er literarische Gegenwelten. Gegenwelten, die dazu dienen, Möglichkeiten durchzuspielen, die Uwe Timm als Momente der Freiheit erlebt. Wir blicken mit Uwe Timm auf die Gräuel des Kolonialismus und in die Abgründe der NS-Jahre, aber auch auf die Zeit der 68er-Revolte, die beflügelt war von der Utopie und dem Wunsch nach einem besseren, freieren Leben.“
Ina Hartwig, Dezernentin für Kultur und Wissenschaft und Kuratoriumsmitglied, betonte die politische Haltung des diesjährigen Preisträgers: „In seinen Romanen, Erzählungen und Essays folgt Uwe Timm den Menschen in ihrem Streben wie Scheitern und hält trotz allem den Idealen von Aufklärung und Emanzipation die Treue. Verwurzelt in der 68er-Bewegung, hat er nie gescheut, die Geschichte der bundesrepublikanischen Linken wie auch sein eigenes Engagement kritisch zu hinterfragen. Mit Uwe Timm ehrt die Stadt Frankfurt einen großen Schriftsteller und unabhängigen Geist, dessen Werk uns frei von Dogmatismus und ideologischen Verhärtungen neue Perspektiven auf die Vergangenheit eröffnet.“
Laudatorin Shida Bazyar erkannte in dem Schriftsteller einen „Meister der Montage“, dessen Werk „einen Schatz an literarischen Mitteln, einen Schatz an Figuren und Widersprüchen“ berge: „Wo, wenn nicht in diesen Büchern, können wir so viel deutsche Vergangenheit erfahren? Und wie häufig wurde etwas, was zunächst als abgeschlossen daherkam, durch Uwe Timms Beschreibungen wieder aufgewühlt, durcheinandergebracht, neu zusammengesetzt. Und hierbei hat er sich nie angemaßt, es besser zu wissen, die endgültige, neue Sichtweise zu kennen, ein vollständiges Bild zu entwerfen. Viel mehr erlebe ich seine Bücher als ein Gespräch mit der Vergangenheit, das in die Gegenwart hineinführt.“
Timm schilderte in seiner Dankesrede, wie er im Alter von sechzehn Jahren die Lektüre von Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre erlebte: „Nach den sonstigen Büchern, die ich wahllos abends und nachts las, nein verschlang, forderte dieser Roman einen Einschnitt, derart, dass ich ihn gleich abermals las, langsamer, stutzender, fragender als beim ersten Mal. Bestimmte Situationen, Sätze und Figuren wie die Philine begleiten mich seitdem durch mein Leben.“ Der Preisträger nahm nicht nur Goethe, sondern auch die Paulskirche zum Anlass, um über Geschichte und Gegenwart zu sprechen, verbunden mit einem Appell an die Demokratie: „Das Grundgesetz, in dem der zwei Jahrhunderte lange demokratische Kampf um Gleichheit und Freiheit seinen Ausdruck findet, muss gegen nationalistische, chauvinistische und autoritäre Angriffe mit Wort und Schrift und Tat verteidigt werden.“
Über den Preisträger
Uwe Timm, geboren 1940 in Hamburg, studierte Philosophie und Germanistik in München und an der Sorbonne in Paris. Von 1967 bis 1969 war er im Sozialistischen Deutschen Studentenbund aktiv und beteiligte sich an der Besetzung der Münchener Universität. 1974 erschien Timms Debütroman „Heißer Sommer“, ein literarisches Zeugnis der 68er-Revolte, das viel Aufmerksamkeit fand. Große Erfolge feierte der Schriftsteller Timm Anfang der 1990er Jahre mit der Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“, die mehrfach übersetzt und 2008 verfilmt wurde. 2003 erschien die autobiografische Erzählung „Am Beispiel meines Bruders“, die eine Diskussion über die deutsche Erinnerungskultur und den Nationalsozialismus auslöste. Auf große Resonanz stieß auch die Erzählung „Der Freund und der Fremde“ aus dem Jahr 2005, in der Uwe Timm die Geschichte seiner Freundschaft zu Benno Ohnesorg verarbeitete. Neben zahlreichen Romanen und Erzählungen verfasste Uwe Timm auch Lyrik, Hörspiele, Filmdrehbücher sowie Kinder- und Jugendbücher.
Sein Kinderbuch „Rennschwein Rudi Rüssel“ wurde 1990 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet und 1995 verfilmt. Zuletzt erschien 2023 „Alle meine Geister“. Uwe Timms Werke wurden mehrfach übersetzt und vielfach ausgezeichnet.
Über den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main
Der Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main wird alle drei Jahre am 28. August, dem Geburtstag Johann Wolfgang von Goethes, verliehen – an eine Persönlichkeit, „die durch ihr Schaffen bereits zur Geltung gelangt und deren schöpferisches Wirken einer dem Andenken Goethes gewidmeten Ehrung würdig ist“. Der Goethe-Preis wird in der Frankfurter Paulskirche durch den Oberbürgermeister überreicht, ist mit 50.000 Euro dotiert und eine der renommiertesten Frankfurter Auszeichnungen.
Das Kuratorium setzt sich in diesem Jahr neben den ständigen Mitgliedern aus dem Schriftsteller Eckhart Nickel, der Dichterin Nadja Küchenmeister und Prof. Meron Mendel, Pädagoge, Publizist und Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, zusammen.
Die letzten Preisträgerinnen und Preisträger waren 2023 Barbara Honigmann, 2020 Dževad Karahasan, 2017 Ariane Mnouchkine und 2014 Peter von Matt. Frühere Preisträger waren unter anderem Sigmund Freud (1930), Hermann Hesse (1946) und Thomas Mann (1949). Erster Preisträger war im Jahr 1927 Stefan George. (ffm)
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