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Letzte Aktualisierung: 05.08.2020

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Urlaub auf Balkonien muss nicht langweilig sein

von Bernd Bauschmann

(30.07.2020) „Urlaub zuhause“. Das hat bei vielen einen negativen Klang. Einer, der nach Ersatzhandlung klingt, nach Verlegenheitslösung – kein richtiger Urlaub und noch weit weniger prestigeträchtig und abenteuerlich als selbst der günstigste Pauschalurlaub in einem typischen Massenreiseziel voller turmhoher Hotels. Allerdings kommt es auf Balkonien im höchsten Maße darauf an, was man daraus macht.

Balkonien: Keine Verlegenheitslösung, sondern Urlaub mit Erfolgsgarantie.
Foto: stock.adobe.com © pixelrain
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Denn dieses naheliegendste aller Reiseziele gibt es in zweierlei Varianten: Bei der einen bleiben die Urlauber einfach nur notgedrungen zuhause und gestalten den ganzen Urlaub wie ihren Alltag bloß ohne Arbeit. Bei der anderen ergreifen sie die Chance, dieses Zuhausebleiben wirklich zu etwas Bedeutendem zu machen, das vielleicht noch lange nach dem Urlaub nachwirkt – und das ist nicht einmal schwer, denn es gibt viele sinnvolle Aktivitäten.

Die Prämisse: Balkonien lieben lernen

Dieser Artikel wird mehrere Tipps liefern. Sie alle haben eine gemeinsame Grundbedingung: Alle Urlauber dieses „Reiseziels“ müssen sich freimachen von dem Gedanken, dass es kein vollwertiges Reiseziel wäre. Denn Balkonien hat bei objektiver Betrachtung sehr viele Vorteile gegenüber Nah- und Fernreisen. Etwa:

  • Garantiert keine Probleme mit ungewohnter Küche, durchgelegenen Betten, unfreundlichem Service und dergleichen.
  • Kein Stress durch das Einpacken sowie bei An- und Abreise. Und auch zwischendrin nicht.
  • Maximal niedrige Kosten. Der Unterhalt für Haus oder Wohnung wird sowieso bezahlt. Das einzige, was vielleicht hinzukommt, ist ein etwas erhöhter Strom- und Wasserverbrauch, weil die Urlauber den ganzen Tag zuhause sind.

Und das vielleicht Beste: Es gibt garantiert keine negativen Überraschungen ganz gleich welcher Sorte. Tatsächlich hat Balkonien nur einen einzigen Nachteil, es ist nicht neu, nicht ungewohnt. Aber muss es das überhaupt sein? Denn Neues, Ungewohntes bedeutet sehr häufig auch Stress, der ja eigentlich gerade im Urlaub vermieden werden soll.

  1. Lediglich neue Rezepte ausprobieren

Der Alltag lässt oft nur wenig Zeit, aus der Routine auszubrechen. Das gilt auch für die Küche. Denn wo nach Feierabend noch der Haushalt erledigt werden will, wo Kinder Aufmerksamkeit verlangen und auch die Entspannung zu ihrem Recht kommen möchte, bleibt für kulinarische Entdeckungsreisen meist nur wenig Raum. Die Folge: Viele haben einen mehr oder weniger umfangreichen Grundstock an Gerichten, die immer wieder serviert werden. Und wenn der zu langweilig wird, wird eben auswärts bestellt.

Hier erlaubt Balkonien eine völlig andere Herangehensweise. Denn es bleibt mehr als genug Zeit, sich von dieser Küchenroutine freizumachen. Und das sollte auch genutzt werden, denn dadurch wird auch ein Sehnsuchtsgrund ferner Gestade entfernt. Das Ziel lautet deshalb, sich Gedanken über Speisen zu machen, die im Alltag keinen Platz haben.

Das kann mit dem allmorgendlichen Frühstück nach Art des Hotelbuffets beginnen, welches die sonst obligatorischen Brötchen und Brotscheiben ersetzt. Noch effektiver wird es, wenn Balkonien-Reisende sich auf den einschlägigen Webseiten nach neuen Leckereien umsehen – vielleicht nach dem Prinzip, pro Tag ein Gericht aus einem Land zu kochen, das man schon immer bereisen wollte. Alternativ kann Balkonien auch der Anlass sein, zu unseren regionalen Küchenwurzeln zurückzukehren; immerhin hat Hessen eine breite Auswahl sehr einzigartiger Genüsse zu liefern; auch jenseits dessen, was in Frankfurt bekannt ist.

Auf diese Weise wird zudem nicht nur der Urlaub zu einer leckeren Erfahrung, die ausprobierten Gerichte können natürlich auch Einzug in den alltäglichen Speiseplan halten.

  1. Tiefgehendes Befassen mit seinem Hobby

Ganz gleich ob es sportliche Fanleidenschaft ist, musische Betätigungen oder die Modelleisenbahn im Keller: Der Alltag lässt auch für diese Art der Beschäftigung meist nicht die Zeit, die Liebhaber gerne hätten. An diesem Punkt kommt dem Urlaub zuhause zupass, dass er viel mehr Freiraum liefert. Alles, was sonst gleichberechtigt neben den anderen Aufgaben im Feierabend und an Wochenenden stattfinden muss, kann auf den ganzen Tag aufgeteilt werden.

Das lässt viel „Luft“, um sich weitaus umfangreicher dem eigenen Steckenpferd zu widmen. Der geneigte Fußballfan kann sich nicht nur ausgiebig mit der aktuell laufenden Champions League befassen, sondern findet sogar noch Zeit, sich tief in Vergleiche und Statistiken einzulesen, um vielleicht den einen oder anderen Tipp abzugeben und so die Urlaubskasse aufzupolstern. Fans von Handarbeiten können einfache Projekte an einem Tag abarbeiten oder finden alternativ endlich den Raum, komplexere Aufgaben in einem überschaubaren Zeitraum fertigzustellen, statt über viele Wochen und Monate. Und nicht zuletzt der Nachwuchs darf einfach mal Zeit beim Spielen „vertrödeln“, ohne dass noch Hausaufgaben und Lernarbeiten auf ihn warten.

Allerdings steht hinter all dem eine weitere Prämisse: Jedes Familienmitglied sollte die Chance haben, seine Urlaubstage zu einem weiten Teil selbst zu bestimmen. Und wenn gemeinsame Aktivitäten geplant sind, sollten diese – wie auch im normalen Urlaub – familiendemokratisch entschieden werden.

  1. Schlafen, schlafen, schlafen

Vor allem Deutschlands Erwachsene haben ein gravierendes Schlafdefizit: Mehr als ein Drittel der Ü40er bringt es allnächtlich auf weniger als die empfohlenen sechs Stunden – wobei der Optimalwert für diese Altersgruppe bei sieben bis neun Stunden liegt. Der Grund ist klar, der Alltag hat einfach zu viele Aufgaben.  

An diesem Punkt kommt ein enormer Vorteil von Balkonien ins Spiel: Es gibt hier einfach nicht diesen Drang, etwas tun zu „müssen“, den viele beim Urlaub in der Ferne empfinden. Kein Heimurlauber verpasst durch ausgedehnteren Schlaf eine Sehenswürdigkeit, eine Aktivität, einen Kurs – und nebenbei gibt es im „Hotel Balkonia“ auch keine Öffnungs- und Schließzeiten für den Speisesaal.

Das alles sollte Anlass sein, sich jeden Urlaubstag so viel Schlaf wie möglich zu gönnen: Ins Bett gehen, wenn der Körper danach verlangt und erst aufstehen, wenn er es wirklich will – nicht weil das Gewissen kritisch auf noch zu erledigende Aufgaben hinweist. Auch ist es keineswegs verwerflich, auf Balkonien in den Nachmittagsstunden auf Couch oder Liegestuhl einfach weg zu dämmern.

Gleichzeitig bietet sich damit auch die perfekte Gelegenheit, seine innere Uhr so zu justieren, dass der Körper auch nach dem Urlaub den Schlaf bekommt, den er benötigt. Das geht ganz einfach:

  1. Zu einer halbwegs alltäglichen Uhrzeit zu Bett gehen – also nicht urlaubsbedingt übermäßig lange aufbleiben.
  2. Über mehrere Tage messen, wie viele Stunden der Schlaf dauert. Am besten nicht gleich zu Urlaubsbeginn, da bei vielen Schlafdefizitären der Körper dann nachholen möchte; das verzerrt die Ergebnisse.
  3. Einen Mittelwert bilden, also die verschlafenen Stunden zusammenrechnen und durch die Anzahl der gemessenen Tage teilen.

Dieser Wert ist das persönliche Schlafbedürfnis. Dann ist es nur noch nötig, den Alltag nach dem Urlaub so anzupassen, dass diese X Stunden erreicht werden. Positiver Nebeneffekt: Je besser das gelingt, desto größer die Wahrscheinlichkeit, auf den Wecker verzichten zu können.

  1. Der Prokrastination vorbeugen

Zuvorderst: Es wäre falsch, den Urlaub auf Balkonien zu weiten Teilen mit häuslicher Arbeit zu verbringen. Dadurch würden sämtliche Erholungseffekte ausbleiben, der Urlaub würde sich also nicht nach Urlaub anfühlen.

Allerdings bedeutet das nicht, dass nicht zumindest Teile des Urlaubs im eigenen Heim dazu verwendet werden dürften, jenes Heim zu einem schöneren Ort zu machen. Denn es gibt nun einmal Aufgaben, für die selbst ein Wochenende nicht ausreicht. Das kann das Erneuern der Küchenzeile sein, das Auslegen neuer Böden oder auch einfach nur gründliches Aussortieren zwischen Bücherregal, Dachboden und Kleiderschrank.

Hier bietet es sich an, sich für diesen Urlaub ein solches Großprojekt vorzunehmen – allerdings nicht als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, sondern nur dann, wenn dieses Projekt sowieso schon länger auf der Agenda steht. Niemand sollte sich im Balkonien-Urlaub unnötige Arbeit aufhalsen.

Für diese Projekte bieten sich die ersten Urlaubstage an. Dafür gibt es drei Gründe:

  1. Der Körper befindet sich noch im Alltagsmodus, der Job geht ihm deshalb leichter von der Hand.
  2. Es bleibt noch der ganze Urlaub, falls etwas Unvorhergesehenes passiert – etwa, weil das Entrümpeln überraschend viele Dinge zutage bringt, die sich via Kleinanzeige noch zu Geld machen ließen.
  3. Die Urlaubsentspannung wird nicht unterbrochen, es verbleiben die gesamten restlichen Urlaubstage als zusammenhängendes Element.

Auch das wirkt sich noch lange nach dem Urlaub aus. Denn natürlich ist auch ein aufgeräumter Kleiderschrank, ein umgestaltetes Schlafzimmer eine Urlaubserinnerung – und sogar wesentlich bildlicher als selbst ein auf Posterformat ausgedrucktes Foto vom Strand.