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Letzte Aktualisierung: 18.05.2022

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Uraufführung der Oper „Der Antichrist“

Basierend auf „Der Antichrist“ von Friedrich Nietzsche

von Ilse Romahn

(07.03.2022) Ein Geist geht um in der Welt des 21. Jahrhunderts: der Geist eines toten Gottes. Mal erscheint er als terroristische Wiedergeburt wie im islamistischen Fundamentalismus, mal als rückwärtsgewandte Utopie christlich-abendländischer Kultur wie im europäischen Rechtspopulismus, der zu Bachklängen gegen Migrantinnen und Migranten hetzt.

Antichrist
Foto: Martin Pudenz
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Die Frankfurter Kammeroper beschreitet mit ihrer aktuellen Produktion in diesem Frühjahr wieder neue Wege in die Gefilde unbekannter Klangkörper und nie zuvor gehörter Opern. Bereits im Herbst 2021 präsentierte die Frankfurter Kammeropfer mit der Uraufführung von „Der Titel – Die Reise nach Davos“, eine zeitgenössische Mono-Oper von Stanislav Rosenberg, deren großer Erfolg bei Publikum und Presse die Veranstalter selbst fast ein wenig überraschte. Im März 2022 steht nun mit „Der Antichrist“ von Andrea Cavallari eine weitere Opern-Uraufführung auf die Bühne.

Diese neue Oper handelt vom Christentum und einem skandalösen Buch. „Der Antichrist“ - letztes Buch Friedrich Nietzsches, sein opus maleficum - ist eine Anklageschrift, wie sie zuvor und auch danach nie mehr zu lesen war, die dennoch versucht, jede Anklage hinter sich zu lassen, gleichzeitig an einigen Stellen hinüberschaut und hinüberwütet in den Wahnsinn, der Nietzsche noch vor der Drucklegung des Werkes mundtot machen sollte. Gerade dieses manisch-ekstatische Grenzgängertum, die jähen, immer wieder überraschenden Wechsel seiner Tonarten machen Nietzsches letztes Werk so aufregend.

Die Oper von Cavallari/Bresgen vermeidet das allzu Naheliegende: weder setzt sie auf billige Aktualisierungen noch auf die Darstellung der Biografie des späten Nietzsche. Sie weigert sich auch, Nietzsches Text als Oratorium zu präsentieren und damit abzutöten. Diese Oper beschreitet einen anderen Weg, einen sich krümmenden, der die Paradoxien und den mitunter höllischen Humor des Originals in sich aufnimmt. Sieben Szenen werfen Schlaglichter auf den Nietzsche-Text: (I) Eine Lehrerin und ihre bezopften Schülerinnen kündigen mit biblischen Zitaten das Erscheinen des Antichristen an, der gestorbene Gott wird in einem Park gesucht; (II) eine Krankenschwester rezitiert den Nietzsche-Text über Gott als Spinne; (III) ein Liebespaar spinnt sich ein zu den Versen
des Spinnerliedes aus dem „Fliegenden Holländer“ des von Nietzsche verehrten und gehassten Wagner; (IV) Jesus tritt in persona auf, und zwar in einem der erstaunlichsten biblischen Gleichnisse: dem des ungerechten Verwalters, der seinen Herrn betrügt und gerade deshalb von Jesus gerechtfertigt wird; (V) Nietzsches Ablehnung des Märtyrertums führt der berühmteste christliche Märtyrer vor, der heilige Sebastian - der schon Claude Debussy zu einem Bühnenwerk inspirierte; (VI) ein beschnittener Knabe wird dem Papst und dem Chor der Sixtinischen Kapelle von seiner Mutter Maria angeboten, doch er findet keine Aufnahme mehr; (VII) am Ende der Oper steht Nietzsches berüchtigtes „Gesetz wider das Christentum“. Gemeinsam ist allen Szenen, dass an
irgendeinem Punkt die Akteure aus dem Geschehen herauszutreten scheinen, um eine Passage aus Nietzsches Antichrist in der Form einer liturgischen Lesung vorzutragen.

Cavallari folgt in seiner Komposition dem Buch und den Verästelungen der Szenarien von Bert Bresgen mit Nietzscheanischer Neugier und kompromisslosem Willen zu avantgardistischen Klanggestalten. Der poetische, polemische und gleichzeitig ironische Bilderbogen der Oper ist außer dem Geist Nietzsches noch einem anderen verpflichtet: dem mexikanischen Surrealisten Luis Buñuel, der von sich sagte:„Die Welt wird immer absurder. Nur ich bin weiter Katholik und Atheist. Gott sei Dank!“

Die Musik des international bekannten Komponisten Andrea Cavallari ist beeinflusst von Luciano Berio, John Cage und György Ligeti. Seine Werke wurden aufgeführt u.a. auf dem „Festival dei Due Mondi“ in Spoleto, den „Jornadas de música del siglo XX“ in Segovia, dem „Festival Ninetyseven“ in Cincinnati (Ohio), der „documenta“ in Kassel und in der Royal Festival Hall in London.

Cavallari gründete die Accademia San Felice Ltd und FLAME Florence Art Music Experience. Er war künstlerischer Leiter des „Festival Estate Fiesolana“ und der „World Sacred Music Week“, und ist composer in residence der Kammeroper Frankfurt. Seine Kammeroper-Produktion „Die Winterreise“ wurde u.a. in Frankfurt und dem berühmten Museum Bargello in Florenz aufgeführt. Der Autor Bert Bresgen ist Mitglied des Performanc-Kollektivs „Die Frankfurter Botschaft“ und schreibt für das Theater, häufig mit musikalischen und dokumentarischen Elementen, z.B. „Rodina Russisch Roulette“ (2017), „Die Wiederbeseelung Frankfurts“ (2018), „Die Unverfügbaren“ (2021). Bert Bresgen ist Dramaturg der Kammeroper Frankfurt.

Uraufführung am Samstag, 19. März, um 20 Uhr
Weitere Vorstellungen: Di. 22., Do. 24,. Sa. 26., Mo. 28., Di. 29., Do. 31. März und Sa. 2. April
2022, Beginn jeweils 20 Uhr.

Symposium zu „Der Antichrist“ am Sonntag, 20. März 2022 um 20 Uhr
Spielort/Symposium: Weihehalle der Unitarischen Freien Religionsgemeinde K.d.ö.R., Fischerfeldstraße 16, Frankfurt am Main.

Mitwirkende: Sol Crespo, Dzuna Kalnina, Annette Fischer, Jared Ice, Maximilian Schmitt, Philipp Hunscha und Instrumentalsolisten der Kammeroper Frankfurt. Leitung: Stanislav Rosenberg, Rainer Pudenz, Frank Keller, Marion Rudkowski, Viviana Villal, Musik von Andrea Cavallari/Libretto von Bert Bresgen.