Archiv-Kultur

Unterhalb der Ravensburg

Lesenswerte Kindheitserinnerungen von Gabi Böhning

„Man müsste nochmal zwanzig sein“, schmachten manch Ältere zusammen mit Rudi Schuricke; oder mit Willy Schneider: „Holde Jugend, kämst Du einmal noch zu mir zurück.“ Andere hingegen zucken bei diesem Satz heftig zusammen und stöhnen entsetzt: „Für kein Geld dieser Welt!“ Die Hofheimer Schriftstellerin Maria-Gabriele Böhning hat solch philosophisches Sumpfgelände gar nicht erst betreten, sondern etwas sehr Schlaues getan: Sie schilderte ihre Kindheit einfach in einem Büchlein mit dem schönen Titel „Unterhalb der Ravensburg“, und damit kann sich ein jeder selbst so seine Gedanken zum Thema machen.

Foto: EPLA-Verlag
Ein sichtlich amüsiertes Publikum bei einer Privatvorlesung im Garten.
Ein sichtlich amüsiertes Publikum bei einer Privatvorlesung im Garten.
Foto: Privat
Aktuelles Foto aus dem Künstler-Atelier Bernd Brach.
Aktuelles Foto aus dem Künstler-Atelier Bernd Brach.
Foto: Bernd Brach

„Früher war alles besser“ hört man oft. Einen Pfeiffendeckel! Einiges zugegebenermaßen sicherlich, aber auf keinen Fall alles. Vieles war schlechter, sehr viel schlechter sogar. Denken Sie einfach nur an einen Zahnarztbesuch vor hundert Jahren. Die altersmilde Erinnerung verklärt halt so manches. Gabi Böhning, ebenso romantisch veranlagt wie mit beiden Beinen fest im Leben stehend, sagt dazu klipp und klar in ihrer schnörkellosen Art: „Früher war nicht alles besser!“ Punkt.

Damit Sie, geneigter Leser, jetzt nicht fälschlicherweise befürchten, mit einer literarischen Kampfhenne in den Ring steigen zu müssen, hier zur Beruhigung Ihrer kampfbereiten Seele einige wohltemperierte Sätze von Maria-Gabriele Böhning über ihre Kindheit als Außenseiterin und an ihre Mutter, die anders war als die anderen Mütter. Doch gerade deswegen verband Mutter und Tochter ein inniges Verhältnis:

„Wir lebten in einem Holzhaus im Wald. Nach dem Krieg. Ohne Vater. Ohne Strom und Wasser. Bettelarm. Von den Bauern geschnitten. Zu anders waren wir. Meine Mutter war ein `Schöngeist`, was immer damit in Verbindung zu bringen ist. Außerdem war sie schön. Und jung. Und vor allem: alleinstehend. Ein willkommenes Wild für die Bauern. Ein rotes Tuch für die Bäuerinnen. Deren Kinder durften nicht mit mir spielen, alles viel zu suspekt.“

So formuliert niemand, der verbittert an harte Zeiten zurückdenkt. Und spannend ist es auch geschrieben – was dazu führte, dass der Rezensent das Büchlein (48 Seiten schmal, aber voller Lebensweisheiten), in einem Rutsch durchlas. Und dabei en passant auch manch Interessantes über das Alltagsleben im Nachkriegsdeutschland erfuhr. Ähnlich erging es offenbar auch vielen anderen, wie Gabi Böhning selbst schrieb: „Dieses Buch war eines meiner erfolgreichsten. Hoher Verkauf bei Lesungen, oft mehrere Bücher an eine Person. Offenbar erfreuen sich solche besonderen Nachkriegs-Biografien besonderer Beliebtheit.“

Neben Geschichten und Erzählungen aus ihrer Nachkiegskindheit hat die Autorin auch Fotografien und Gedichte in das Buch eingeflochten, was die Lesewertigkeit angenehm erhöht. Ein literarisches „Abfallprodukt“ gibt es auch. Das nachfolgende Gedicht wurde ausgezeichnet. Es wurde inspiriert durch das Kinderfoto im Buch „Unterhalb der Ravensburg“ und bei einer Ausschreibung zum Thema Kindheit als eines der besten ausgewählt (Bibliothek deutschsprachiger Gedichte):

„Begegnung mit dem früheren Ich“ oder „Kinderfoto“

Ich bin dir begegnet, kleine Schwester, Tochter, früheres Ich.

Ich begegnete Dir nach Jahrzehnten, einem gelebten Leben.

Voller Fragen, sah Deine Augen, groß, strahlend,

eine Wiege ungeahnter Möglichkeiten.

Ich sah Dich erstmals wirklich, kleines Mädchen,

so voller Ungewissheit, Angst und Zweifel.

Heute, und damals – ungeahnte Hoffnung.

Noch ein paar Worte über die Autorin für diejenigen, die nicht so vertraut sind mit ihrem Werk: Gabriele Böhning, Jahrgang 1948, lebt und arbeitet in Hofheim. Als freie Journalistin begleitete sie viele Jahre das kulturelle Geschehen vorwiegend in der Kreisstadt Hofheim. Mit dem Auftrag der Stadt Hofheim (1987), Zeitzeugen-Berichte um die Kunstmäzenin und Malerin „Hanna Becker vom Rath und das Blaue Haus“ zu sammeln, entstand das erste eigene Buch: Ein bisschen Lebenskunst versuchen wir hier …“

Erste Veröffentlichungen ihrer Gedichte in Zeitungen und Anthologien erfolgten ab 1991. Seit 1905 arbeitet sie ausschließlich als freie Schriftstellerin. Seither hat sie u.a. auf der Frankfurter Buchmesse gelesen und war mehrfach im Fernsehen zu sehen und zu hören. 1995 erschien ihr erstes eigenes Buch „Feuervögel“ – Gedichte und Fabeln, Scheffler-Verlag, Herdecke. Es folgten „Das Lächeln des Wanderers“ – Gedichte und Erzählungen, Scheffler-Verlag, Herdecke, 1997, „Der Hammel Neid und andere“ – satirische Verdichtung (ausgezeichnet und im Fernsehen präsentiert), Fouque-Verlag, Egelsbach, 1998, „Vögel im Wind“ – Naturlyrik, Röschnar-Verlag, Linz/Österreich, 1998, „Ein Lächeln am Horizont“ – Gedichte zum Trauern, „Auf der Suche nach dem Paradies“ – Gedichte, Verlag Edition L., Theo Czernik, Hockenheim, 2000, „Unterhalb der Ravensburg“ – Jugend-Biografie, Epla-Verlag, 2013.

Gabriele Böhning ist vertreten in zahlreichen Anthologien und Literatur-Zeitschriften, hauptsächlich im renommierten Lyrik-Verlag Edition L. Aufnahme in das „Deutsche Schriftstellerlexikon“ des Bundes Deutscher Schriftsteller, in die „Frankfurter Bibliothek“ und „Das Buch der Dichterhandschriften“ der Brentano-Gesellschaft Frankfurt. Aufnahme in einige Haiku-Anthologien (Ausschreibungen), Mitglied des Freien Deutschen Autorenverbands (FDA) bis 2015.

Es geht noch weiter: Vertonung einiger Gedichte durch Musikdirektor Walter Scharf und deren Aufführung als Chorwerke in Kirchen. Förderung der Lyrik durch Organisation von öffentlichen Lesungen in Hofheim in einem Garten unter Einbeziehung aller Generationen, vor allem neuer junger Talente. Jurytätigkeit zur Ermittlung von Förderpreisen des Lyrikverlags Edition L. Zahlreiche Lesungen in ganz Deutschland, u.a. in Weimar im Goethehaus zugunsten der Rettung verbrannter Bücher der Anna-Amalia-Bibliothek.

Auszeichnungen: 1998 Literatur-Förderpreis der Naspa-Stiftung, 1999 Aufnahme in die Anthologie „Wilhelm-Busch-Preis für satirische und humoristische Versdichtung“, Stadthagen. Und das ist längst nicht alles, würde aber den Rahmen unserer Besprechung hier sprengen. Entschuldige bitte, liebe Autorin!

(„Unterhalb der Ravensburg“ ist erschienen im EPLA-Verlag unter ISBN 978-3-940554-85-7 und kostet 7.80 Euro).